Der erste schwarze Stadtrat Russlands

Einst war er ein Exot, jetzt ist Jean Sagbo ein Hoffnungsträger für ein kleines Städtchen nördlich von Moskau.

Die Menschen drängten ihn zur Kandidatur: Jean Sagbo mit Bürgern.

Die Menschen drängten ihn zur Kandidatur: Jean Sagbo mit Bürgern.

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Früher wurde Jean Gregoire Sagbo von den Leuten in Nowosawidowo angestarrt, weil sie noch nie einen schwarzen Mann gesehen hatten. Heute sehen sie in ihm etwas gleichermassen Seltenes: einen ehrlichen Politiker. Als erster Schwarzer in Russland wurde Sagbo vorigen Monat in ein öffentliches Amt gewählt: Er ist einer von zehn Mitgliedern des Stadtrats in dem 10'000-Einwohner-Städtchen rund 100 Kilometer nördlich von Moskau.

Seine Wahl ist ein Meilenstein in Russland, wo Rassismus keine Seltenheit ist. Doch für seine Mitbürger ist der 48-Jährige aus dem westafrikanischen Benin schlicht und einfach ein Russe, dem seine Heimatstadt am Herzen liegt.

Er will dem verarmten, heruntergekommenen Ort, in dem er seit 21 Jahren lebt und seine Kinder grossgezogen hat, neues Leben einhauchen. Er will die grassierende Drogensucht bekämpfen, er will einen verschmutzten See säubern und dafür sorgen, dass die Wohnungen wieder geheizt werden. «Nowosawidowo liegt im Sterben», sagt Sagbo bei einem Interview in der Bruchbude von Stadtverwaltung. «Das ist meine Heimat, meine Stadt. So können wir nicht leben.»

«Er hängt an diesem Ort»

«Seine Haut ist schwarz, aber innerlich ist er russisch», findet sein Bürgermeister Wjatscheslaw Arakelow. «Er hängt an diesem Ort, wie es nur ein Russe kann.» Sagbo ist nicht der erste Schwarze in der russischen Politik. Ein weiterer Westafrikaner, Joaquin Crima aus Guinea-Bissau, kandidierte vor einem Jahr erfolglos in einem südrussischen Bezirk. Die Medien nannten Crima «den russischen Obama». Diesen Titel widmen sie jetzt Sagbo, zu dessen grossen Missvergnügen. «Ich heisse nicht Obama. Das ist Sensationshascherei», ärgert er sich. «Er ist schwarz, und ich bin schwarz, aber die Situation ist doch ganz anders.»

Sagbo kam 1982 in die Sowjetunion und studierte in Moskau Ökonomie. Dort lernte er seine spätere Frau kennen und zog 1989 mit ihr in ihren Heimatort Nowosawidowo, in die Nähe der Verwandtschaft. Heute ist er Vater zweier Kinder und arbeitet auf dem Immobiliensektor für einen Moskauer Konzern. Die Tätigkeit als Stadtrat ist ehrenamtlich.

Weder er selbst noch seine Frau hätten gewollt, dass er in die Politik gehe, dieses schmutzige und gefährliche Geschäft, meint Sagbo. Doch der Stadtrat und Bürger hätten ihn überredet zu kandidieren. Sie kannten ihn schon als Macher von grossem bürgerschaftlichem Engagement: Er hatte im Eingangsbereich seines Wohnhauses für Sauberkeit gesorgt, Blumen gepflanzt und für die Strassenausbesserung in die eigene Tasche gegriffen. Vor zehn Jahren trommelte er Freiwillige für eine Müllsammelaktion zusammen, die seither einmal jährlich stattfindet.

«Afro-Russen» leiden unter Rassismus

Von Rassismus spüre er nichts in der Stadt, sagt Sagbo. «Ich bin einer von ihnen. Ich bin hier zuhause.» Das erfuhr er gleich im ersten Jahr nach dem Zuzug, als sein vierjähriger Sohn Maxim weinend nach Hause kam, weil ein Grosser ihn angespuckt hatte. Wütend rannte Sagbo nach draussen und stellte den Spucker zur Rede - und auch die Frauen, die dabeisassen, lasen dem Übeltäter die Leviten. Schliesslich schimpfte die ganze Strasse auf ihn ein.

Die Zahl der «Afro-Russen» wird auf vielleicht 40.000 geschätzt. Viele kommen zum Studium nach Russland. Und viele werden Jahr für Jahr Opfer rassistisch motivierter Gewalt. 49 Fälle allein in Moskau voriges Jahr zählte eine kirchliche Initiative gegen Rassismus.

In Nowosawidowo führte die rasche Privatisierung der heimischen Industrie nach dem Ende der Sowjetunion zum finanziellen Ruin. Das einst idyllische Städtchen unweit des Sawidowo-Nationalparks leidet unter hoher Arbeitslosigkeit, Alkoholismus, Umweltverschmutzung und Korruption. Sagbo sei der erste Politiker am Ort gewesen, der auf faire Weise und ohne Stimmenkauf gewählt worden sei, sagt Denis Woronin, ein 33-jähriger Ingenieur. «Die Politiker davor waren alle Verbrecher.» Ein früherer Verwaltungschef wurde vor zwei Jahren von Unbekannten erschossen.

Gegen Korruption und Schlendrian

Der jetzige Bürgermeister Arakelow, ein Veteran des Afghanistan-Krieges, will nach eigenen Worten ebenfalls mit der Korruption aufräumen. Ständig sei Geld aus dem Stadtsäckel verschwunden, daher ermittele jetzt die Steuerfahndung. Die Bürger zahlen für Heizung und Warmwasser, aber weil die Stadt den Versorgern nicht auf die Finger sieht, kommt nicht viel bei ihnen an. Die Toilette im Gebäude der Stadtverwaltung besteht aus einem Kabuff mit einem Loch im Boden.

Als Stadtrat hat Sagbo schon einige Erfolge zu verzeichnen. Er mobilisierte Anwohner, Geld zu sammeln und verwahrloste Grundstücksbrachen in bunte Spielplätze mit neuen Schaukeln und gestrichenen Zäunen zu verwandeln. Wenn er durch sein Viertel spaziert, grüsst ihn jeder. Die Buben, denen er einen Fussballplatz versprochen hat, winken ihm zu. Irina Danilenko sitzt mit ihrem kleinen Sohn auf dem neuen Spielplatz. Das sei der erste Fortschritt gewesen, den sie in ihren bisher fünf Jahren in der Stadt erlebt habe, sagte die 31-Jährige. Auf Sagbo lässt sie nichts kommen. «Seine Rasse ist uns egal», sagt sie. «Für uns ist er einer von uns.» (oku/dapd)

Erstellt: 29.07.2010, 16:46 Uhr

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