Der gefallene Übervater

Jean-Marie Le Pen ist raus. Nicht ausgeschlossen aus dem Front National, aber suspendiert. Als wären 43 Jahre in der Partei ein Dienst gewesen – und nicht sein Leben.

Lässt sich feiern: Jean-Marie Le Pen. Im Hintergrund steht seine Tochter Marine Le Pen. (1. Mai 2015)

Lässt sich feiern: Jean-Marie Le Pen. Im Hintergrund steht seine Tochter Marine Le Pen. (1. Mai 2015) Bild: AFP

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Als letztes Bild bleibt, wie Jean-Marie Le Pen, der Parteigründer des Front National, am 1. Mai auf die Rednertribüne steigt und sich noch einmal von der Masse beklatschen lässt. Er trägt einen purpurfarbenen Mantel, als hätte er sich für diesen letzten Auftritt verkleiden wollen. Als Gartenzwerg? Als übermächtiger Supermann, der schwungvoll die Arme zum Abflug hochreisst? Oder als Schlachter mit blutgetränktem Kittel? Sicher ist, Jean-Marie Le Pen will auffallen an diesem Tag.

Seine Tochter Marine steht betreten dahinter, das Gesicht versteinert, verlegen fummelt sie an ihrem Mikrofon. Vermutlich denkt sie «nie wieder»; vermutlich besiegelt sie in diesem Augenblick die Entscheidung, dass der alte Vater ihr zum definitiv letzten Mal die Schau gestohlen hat. Er wird ihr keine Steine mehr in den Weg legen. Schon gar nicht im Marsch Richtung Elysée.

Das politische Ende

Am Tag darauf ist sein politisches Schicksal beschlossen. Drei Stunden hat das Exekutivbüro der Partei getagt, ohne den Ehrenpräsidenten, bis weit in den Abend hinein, damit die Nachricht, auf die zahllose Journalisten vor dem Parteisitz in Nanterre den ganzen Tag gewartet haben, zu spät kommt, um Tags darauf die Titelseiten der Zeitungen mit dem politischen Vatermord zu füllen. Noch ist er Ehrenpräsident der Partei. Ob er das bleibt, darüber sollen die Mitglieder in den nächsten drei Monaten entscheiden, per Briefwahl, angekündigt als Kongress, der keiner sein soll. Sein Mitgliedsausweis ist ihm schon mal abgenommen worden.

Jean-Marie Le Pens Reaktion auf den Quasi-Auschluss hätte brutaler kaum ausfallen können: Er kündigt an, seine eigene Tochter zu verstossen; er spricht von «Vertrauensbruch». Auf die Frage, ob er Marine Le Pen als Präsidentin im Elysée-Palast sehen will, erwidert er grimmig: «Es wäre skandalös mit solchen moralischen Prinzipen an der Spitze des französischen Staats zu stehen.» Sie sei nicht mehr wert als ihre politischen Gegner, fügt Le Pen noch hinzu, «sogar noch ein bisschen schlimmer, weil man mit einem Gegner von Angesicht zu Angesicht kämpft. Sie geht von hinten auf mich los.»

Der Name war alles

Als vorläufiger Höhepunkt in dieser Familiensaga erklärt der 86-jährige Vater, er schäme sich, dass die Präsidentin des FN seinen Namen trage und fordert sie auf, ihn so schnell wie möglich abzulegen. Möge sie doch schnell heiraten, entweder ihren Lebensgefährten, den FN-Mann Louis Aliot, den Le Pen nicht ausstehen kann, oder besser noch Florian Philippot, Vizepräsident der Partei und erklärtermassen nicht an Frauen interessiert, Symbol also eines entdiabolisierten FN, in dem jeder seinen Platz hat, sogar Ausländer und Homosexuelle, nur Negationisten offensichtlich nicht mehr.

Der symbolische Entzug seines Namens ist sein persönlicher Todesstoss für den FN, der ohne ihn nicht überleben soll, jedenfalls nicht in dieser verwässerten, freundlichen Form. Die Sache mit dem Namen ist nicht unwichtig. Denn der Patriarch hat die Partei immer wie eine mittelständische Firma geführt. Nur die Familie kam in wichtige Positionen. Der Name war alles. Zum Schluss hat der kometenhafte Aufstieg seiner Enkeltochter Marion Maréchal Le Pen das noch mal bewiesen. Sie hat sich den Namen des Grossvaters an den Familiennamen angehängt, weil sie ohne den Anhang Le Pen die politische Dynastie weniger glaubhaft hätte verkörpern können.

«Bei den Le Pens ist die Politik eine Familienangelegenheit», sagt Marine Le Pen, «aber die Familienangelegenheiten haben nichts in der Politik zu suchen». Das war Anfang des Monats. Inzwischen hat die Auseinandersetzung Formen angenommen, die alles übertreffen, was man aus anderen Parteien kennt. «Die Atriden dagegen sind Bahnhofslektüre», twitterte Anne Sinclair, Chefredakteurin der Huffingtonpost.

Das Kalkül dahinter ist offensichtlich: Marine Le Pen muss die Strategie der Entdiabolisierung zu Ende führen, wenn sie eine ernstzunehmende Kandidatin bei der nächsten Präsidentschaftswahl sein will. Aber selbst in der Krise beweist sie Kontinuität, noch im Bruch ist sie ihrem Vater treu. Er bleibt ihr Model, als ob das mächtige Muster der Wiederholung einfach nicht zu besiegen ist. Denn Rücksicht auf Gefühle nahm der Vater auch nie. Politische Weggefährten wie Bruno Megret, die irgendwann im Wege standen, hat er radikal aus dem Weg geräumt. «Ich bin wie Megallan», lies er vor der Spaltung der Partei 1998 wissen. «Wenn mein erster Offizier meinen Befehlen nicht gehorcht, dann wird er gefoltert und an einem Pfahl aufgehängt.»

Der FN ohne Le Pen ist der FN mit Le Pen, egal wie seine Tochter sich auch bemühen wird, das dreckig antisemitische Image abzulegen, für das sich nur eine kleine Minderheit noch begeistern lässt. Offen ist im Augenblick, wie sich der Ausschluss des Parteigründers auf die Zukunft des FN auswirken wird. Marine Le Pen baut mit Sicherheit darauf, dass ein Grossteil der Parteimitglieder erst in den vergangen Jahren zum FN gestossen ist, zu einer Zeit also, als sie schon Präsidentin war. Dabei unterschätzt sie womöglich, dass die ideologischen Überzeugungen des Vaters bis heute die DNA der Partei ausmachen. Und nicht nur bei den älteren Mitgliedern. Wenn der Vater den Marschall Petain lobt, wie unlängst in dem Interview für «Rivarol», Anlass des ganzes Familienzerwürfnisses, dann finden sich immer junge FN-Anhänger, die es ihm vor laufender Kamera gleichtun.

Derweil verkündet Vater Le Pen fröhlich, dass er demnächst seinen 60. Geburtstag als Abgeordneter feiert. Er setzt seine politische Karriere nochmal in Szene, als schriebe er schon am eigenen Nachruf. Vom Indochinakrieg, den er verpasst hat, bis zum wenig ruhmreichen Algerienkrieg, wobei bis heute unklar ist, welche Rolle Le Pen bei der systematischen Folter von algerischen Soldaten gespielt hat: Jean-Marie Le Pen war jahrzehntelang das «enfant terrible» des politischen Lebens. Als ehemaliger Fremdenlegionär, posierte er mit schwarzer Augenbinde und nährte das Bild des militanten Widersachers an der Spitze einer Partei, die gegen das System, gegen Europa und letztlich auch gegen die Demokratie ist, dass sie das höchste Amt im Staat, die Präsidentschaft, ohnehin nicht anstrebt.

Sein grösster Triumph: Jean-Marie Le Pen zieht 2002 in die zweite Runde der Präsidentenwahl ein. (Foto: Keystone)

Dennoch hat Le Pen fünf Mal am Präsidentschaftswahlkampf teilgenommen. Ein Mal, 2002, kam er für alle überraschend in die zweite Runde. Es war sein schönster Sieg, ein Augenblick grösster Genugtuung, denn er zwang die französischen Wähler den scheidenden Präsidenten Jacques Chirac wiederzuwählen, mit über 80 Prozent der Stimmen. Und Le Pen durfte sich sonnen in seiner Rolle als Troublemaker vom Dienst.

Insgesamt 19 Prozesse wurden ihm gemacht. 1998 hat das Europäische Parlament seine Immunität aufgehoben, um den Weg freizumachen für einen Prozess. Er hatte die Gaskammern der deutschen Nationalsozialisten als «Detail» der Geschichte bezeichnet. So schliesst sich am Ende der Kreis. Jean-Marie Le Pen hat bereits angekündigt, wie ein Löwe zu kämpfen, «sich mit allen Mitteln zu verteidigen», also seiner Tochter und ihrer Partei zu schaden. Es kommen härtere Zeiten für Marine Le Pen. In ihrer Autobiographie «A contre flots» (Gegen den Strom) beschrieb sie klarsichtig wie hoch der Preis ist, den man zahlt, wenn man in die Politik geht: «Wenn man sich die familiären Kosten der politischen Karriere eingesteht, macht man keine Politik. So einfach ist das. »

Erstellt: 05.05.2015, 19:13 Uhr

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