Der gefürchtete Prediger

Der türkische Imam Fethullah Gülen distanziert sich von den Putschisten.

Staatsfeind Nummer eins der Türkei: Fethullah Gülen, hier während eines Interviews an seinem Wohnort in Pennsylvania. (März 2014) Foto: Zaman, EPA, Keystone

Staatsfeind Nummer eins der Türkei: Fethullah Gülen, hier während eines Interviews an seinem Wohnort in Pennsylvania. (März 2014) Foto: Zaman, EPA, Keystone

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Noch ist ungeklärt, ob der Geistliche überhaupt an dem Putschversuch beteiligt war, wie es Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan behauptet. Doch kaum eine türkische Person der Zeitgeschichte ist so schwer einzuordnen wie der im US-Exil lebende Imam Fethullah Gülen. Für die einen ist der Anführer der von ihm gegründeten Hizmet-Bewegung ein Terrorist und Chef einer straff geführten Organisation, die staatliche Institutionen unterwandert. Für die anderen ist der 75-Jährige ein Leuchtturm des aufgeklärten Islam. 2013 setzte das US-Magazin «Time» den Prediger auf seine Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten und lobte ihn für seine «Botschaft der Toleranz».

Die türkische Regierung legte sich schnell fest: Es handele sich um einen Putschversuch der «parallelen Struktur» – gemeint ist die Hizmet-Bewegung (Hizmet heisst Dienst). Der Kleriker wies jeden Vorwurf der Verwicklung von sich. Gegenüber der «New York Times» äusserte er die Vermutung, dass oppositionelle oder nationalistische Kräfte hinter dem Putschversuch stecken könnten. Er deutete ausserdem an, dass Erdogan den Staatsstreich selbst inszeniert haben könnte, um mit härterer Hand regieren zu können. Schon zuvor hatte der Prediger den Umsturzversuch «aufs Schärfste» als undemokratisch verurteilt.

Putschvorwürfe sind für den 75 Jahre alten Gülen nichts Neues. Seit Februar 2016 läuft gegen ihn und mehr als hundert seiner Anhänger in Abwesenheit in Istanbul ein Prozess wegen «Bildung einer bewaffneten terroristischen Vereinigung zum Sturz der Regierung». Nebenkläger sind unter anderen Erdogan und Geheimdienstchef Hakan Fidan. Die Türkei fordert von den USA Gülens Auslieferung – bisher vergeblich.

Gülen vertritt einen konservativen sunnitischen Islam, der sich aber abgrenzt von extremistischen Strömungen. Stattdessen setzt die Bewegung auf Bildung. «Baut Schulen statt Moscheen» lautet die Losung, der viele Anhänger folgen. Heute umfasst das Gülen-Imperium mehr als 1000 Privatschulen, Krankenhäuser, Medien und Unternehmen in mehr als 140 Ländern. Die Beziehung der Bewegung zum Staat ist wechselhaft, mal wurde sie verfolgt, mal paktierte sie mit den Mächtigen. Die konservativ-islamische AKP-Regierung bediente sich der in Justiz und Polizei zahlreich vertretenen Gülen-Anhänger, um die alten laizistischen Eliten zu verdrängen.

2013 bröckelte das Zweckbündnis. Experten glauben, dass Erdogan das Netzwerk des Klerikers zu mächtig wurde. Im Dezember kam der öffentliche Bruch: Gülenistische Staatsanwälte leiteten Korruptionsermittlungen im Umfeld der AKP ein, auch Ministersöhne und Erdogans Sohn Bilal gerieten in Verdacht. Die Regierung antwortete mit massiven Säuberungen: Mehrere Tausend Polizisten und Hunderte Staatsanwälte wurden versetzt oder entlassen. Seither gilt Gülen als Staatsfeind Nummer eins.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.07.2016, 00:05 Uhr

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