Der getötete Schweizer half bei Vorbereitungen auf den Winter

Der Angriff auf die ostukrainische Stadt Donezk hat einen Mitarbeiter des Internationalen Roten Kreuzes das Leben gekostet. Der Region droht ein «frozen Conflict».

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Um etwa 18 Uhr Ortszeit Donnerstagabend wollte sich der Mitarbeiter des Internationalen Roten Kreuzes (IKRK) gerade auf den Weg in den Feierabend machen. Der 38-Jährige ist seit rund zwei Monaten stellvertretender Leiter der Niederlassung des Internationalen Roten Kreuzes in der ostukrainischen Stadt Donezk. Wenige Meter vom Büro der Hilfsorganisation in der Vatutina-Strasse 39 im Stadtzentrum schlug in diesem Moment ein Artilleriegeschoss ein, als der Mann zur Tür hinaustreten wollte. Nach Angaben des Internationalen Roten Kreuzes in Kiew wird derzeit die Überführung des Toten in die Schweiz organisiert.

Zwei Reporter aus den USA und aus Frankreich beobachteten die Szene, versuchten noch, den stark blutenden Mann zu retten, doch alle Hilfe kam zu spät. Der 38-Jährige, ein erfahrener Mitarbeiter mit verschiedenen Auslandseinsätzen, starb am Unfallort.

Für die ukrainische Führung stehen die Schuldigen fest: die von Russland unterstützten Separatisten der selbsternannten Volksrepublik Donezk. Aussenminister Pawlo Klimkin schrieb via Twitter: «Dazu fehlen mir die Worte.» Rebellenchef Alexander Sachartschenko sagte einer russischen Nachrichtenagentur, die ukrainischen Streitkräfte hätten am späten Donnerstagnachmittag begonnen, das Stadtzentrum der Grossstadt Donezk zu bombardieren. Vor allem sollen Stellungen der Separatisten in der Artema-Strasse, in der unmittelbaren Nachbarschaft zum Quartier des Roten Kreuzes, betroffen gewesen sein.

20 Mitarbeiter in der Stadt

In der Stadt Donezk hat die Organisation derzeit 20 Mitarbeiter, fünf Ausländer, der Rest Ortskräfte. «Unser Mitarbeiter war zusammen mit seinen Kollegen dabei, die Donezker Bevölkerung auf den bevorstehenden Winter vorzubereiten», sagte Alina Murzaewa, Koordinatorin für Öffentlichkeitsarbeit des Internationalen Roten Kreuzes in der Ukraine, gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet am Telefon. Nicht nur mit warmer Kleidung werde geholfen, sondern auch bei der Ausrüstung der Häuser und Wohnungen. Der drohenden Gasknappheit wegen unterstützt das Rote Kreuz die Menschen in der seit Monaten umkämpften Stadt Donezk beim Umrüsten auf alternative Wärmequellen und beim Anbringen von Wärmeisolierung an Gebäuden.

Das IKRK hat in der Ukraine sieben Büros. Die Mitarbeiter, die in der Stadt Lugansk und Donezk arbeiten, sind derzeit enormen Gefahren ausgesetzt. In Lugansk sind vor ein paar Wochen die Fahrzeuge beschossen worden. Dabei ist die Hilfe dringend nötig. Die Rot-Kreuz-Mitarbeiter sind in einigen Gegenden in der Ostukraine oftmals die Einzigen, die auch medizinisch helfen. «Ein anderes Thema ist die Zusammenführung von Familien», erklärte Murzaewa. Hunderttausende Ostukrainer haben ihre Heimat seit Ausbruch der Kämpfe verlassen, oftmals sind Familien getrennt. Für Alte und Kranke sind die Helfer oft die Einzigen, die Lebensmittel vorbeibringen und Trost spenden.

Ausbruch eines «frozen conflict»

Offenbar wird diese Arbeit weitergehen. Vieles deutet daraufhin, dass sich der Ukrainekonflikt in den Winter hineinzieht. Westliche Diplomaten in Kiew nehmen kein Blatt vor den Mund und sprechen vom Ausbruch eines «frozen conflict». Die Kommunikation mit den Vertretern der am Konflikt beteiligten Gruppen stelle sich als «kompliziert, in einigen Fällen unmöglich dar». Die verschiedenen politischen Lager in Kiew sind sich uneinig. Während eine Gruppe dem Donbass sogar eine Föderalisierung zugestehen würde, kommt für die meisten im Regierungslager eine weitere Abspaltung von Gebieten der Ukraine nicht in Betracht. «Der Verlust der Krim ist nicht hinnehmbar, wir können es den Menschen nicht erklären, wenn jetzt auch noch Teile von Lugansk und Donezk wegfallen», sagte ein Mitglied der ukrainischen Regierung zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Vor gut einem Monat hatte eine Kontaktgruppe, bestehend aus Vertretern der OSZE, Russlands und der Ukraine, ein umfassendes Waffenstillstandsabkommen in der weissrussischen Hauptstadt Minsk vereinbart. Ziel war unter anderem die Schaffung einer entmilitarisierten Zone, der Abzug schweren militärischen Geräts und der Austausch von Gefangenen. Die Feuerpause war von Anfang an brüchig. Seit Ende September gab es wieder Kämpfe, vor allem in der Stadt Donezk. Am dortigen Flughafen und in verschiedenen Orten der gleichnamigen Region liefern sich ukrainische Streitkräfte und prorussische Rebellen Gefechte mit schweren Waffen. Der ukrainische Militärexperte Dmitri Timtschuk sagte Mitte dieser Woche, die Waffenruhe sei seit dem 5. September über 1000-mal gebrochen worden.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.10.2014, 15:31 Uhr

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