Der grüne Superstar in Deutschland ist eigentlich ein Konservativer

Er gilt als langweilig und spröde: Nun macht die Atom-Angst Winfried Kretschmann wohl zum ersten grünen Ministerpräsidenten Deutschlands.

Gymnasiallehrer und Grüner der ersten Stunde: Winfried Kretschmann.

Gymnasiallehrer und Grüner der ersten Stunde: Winfried Kretschmann. Bild: Reuters

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Immer wieder hat er gesagt, er wolle nicht profitieren von einer Katastrophe. Nein, Fukushima soll ihn nicht ins höchste Amt von Baden-Württemberg hieven. Am Ende passierte es dann aber doch. Die deutsche Atom-Angst hat am gestrigen Sonntag der Öko-Partei scharenweise Wähler zugetrieben. Die Folge: Der spröde Winfried Kretschmann wird aller Voraussicht nach der erste grüne Ministerpräsident in der Geschichte. Eine Sensation, die bei Anhängern für Freudenstürme sorgte. Einzig «Kretsch», wie ihn Freunde in Stuttgart nennen, blieb gelassen. «Nicht der Mensch kommt zum Amt», so die tiefe Überzeugung des 62-Jährigen, «sondern das Amt zum Menschen.»

Mit einem Schlag haben die Grünen einen neuen Superstar, einen, der das Zeug hat, künftig auch auf Bundesebene mitzureden. Kretschmann ist Gymnasiallehrer (Biologie, Chemie und Ethik) und ein Grüner der ersten Stunde. Als Joschka Fischer 1985 als erster Grüner Umweltminister in Hessen wurde, holte er Kretschmann an seine Seite. Später folgten viele Jahre im baden-württembergischen Landtag. Der Pädagoge erwarb sich dabei den Ruf eines grünen Ober-Realos. Lange engagierte er sich gar für eine Schwarz-Grüne Allianz, etwas, was seinem Wesen entsprochen hätte: Kretschmann sieht sich selber als konservativ, er lebt in der schwäbischen Provinzstadt Sigmaringen, ist praktizierender Katholik. Seine Jugendjahre beim Kommunistischen Bund Deutschlands hat er längst hinter sich. «Davon bin ich geheilt», sagt er.

Für Kretschmann unannehmbar

Eine mögliche Allianz mit den Christdemokraten scheiterte denn auch nicht an den Grünen – sondern an Baden-Württembergs CDU-Chef Stefan Mappus. Der hatte sich mit «brachialer Gewalt» (Kretschmann) für die Verlängerung der AKW-Laufzeiten eingesetzt. Auch die rabiaten Methoden, mit denen Mappus und seine Regierung den Bahnhofsneubau Stuttgart 21 durchdrücken wollten, waren für Kretschmann unannehmbar.

Die Rechnung für das Platzen der Schwarz-Grünen Idee bezahlt nun die CDU auf der Oppositionsbank. Auf den Grünen Kretschmann kommen freilich ebenfalls schwere Zeiten zu. Seine Partei muss nun erst mal beweisen, dass sie bereit ist, im Südwesten zu regieren. Kritiker sagen, den Grünen fehle es bisher am organisatorischen Unterbau, um die Verantwortung für ein so grosses Land wie Baden-Württemberg zu tragen.

Tiefes Loch in der Staatskasse

Zur Gratwanderung wird die Energiepolitik: Zwar will Kretschmann alle AKW so schnell wie möglich vom Netz nehmen. Das Land Baden-Württemberg ist jedoch am AKW-Betreiber ENBW beteiligt. Das Umschwenken auf grüne Energien könnte deshalb ein tiefes Loch in der Staatskasse hinterlassen.

Auch beim umstrittenen Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 ist noch nicht alles entschieden. Kretschmann und die Grünen sind zwar für einen Baustopp, der Koalitionspartner SPD will dagegen an dem Vorhaben festhalten. Aus dem Dilemma soll eine Volksabstimmung helfen, bei der die Baden-Württemberger über die staatlichen Finanzspritzen an das Projekt befinden können.

Erstellt: 28.03.2011, 06:39 Uhr

Bildstrecke

Richtungswahl in Baden-Württemberg

Richtungswahl in Baden-Württemberg Erstmals seit über 50 Jahren muss die CDU in die Opposition.

Neue Debatte zu Stuttgart 21 gefordert: Das Bahnhofsprojekt bleibt auch nach der Landtagswahl und dem Sieg von Grün-Rot umstritten. (Video: Reuters )

Artikel zum Thema

Grüne erringen Erdrutschsieg

Mit einem gewaltigen Stimmengewinn sind die Grünen die Wahlsieger im deutschen Baden-Württemberg. Spitzenkandidat Winfried Kretschmann wird wohl der erste grüne Ministerpräsident Deutschlands. Mehr...

«Das Regieren wird schwieriger»

Interview Ihren historischen Erfolg in Baden-Württemberg verdanken die Grünen hauptsächlich der Atomdebatte nach Fukushima. Jetzt warten einige Herausforderungen, sagt Politikwissenschaftler Uwe Wagschal. Mehr...

Was die Grünen in Baden-Württemberg verändern wollen

Vor der Landtagswahl im südlichen Bundesland haben die Grünen ihren Wählern Versprechen abgegeben. Zwei von ihnen dürften die Menschen ganz besonders überzeugt haben. Mehr...

Paid Post

Hoher Blutdruck: Senken Sie das Risiko

Ein zu hoher Blutdruck kann gefährlich werden. Vor allem, wenn er lange nicht erkannt wird. Die jährliche Blutdruckmessung in der Rotpunkt Apotheke hilft mit, die Risiken zu senken.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Feuerschweif: Eine Spezialeinheit demonstriert am Indian Navy Day in Mumbai ihr Können. (4. Dezember 2019)
(Bild: Francis Mascarenhas) Mehr...