Der meistgehasste Mafiajäger Italiens

Antonio Ingroia ist das Feinbild der Mafia. Seit 22 Jahren lebt er unter Polizeischutz. Der Staatsanwalt bezeichnet Italien als unfähig, das organisierte Verbrechen zu bekämpfen. Nun verlässt er das Land.

Wird für ein Jahr Chef einer Mafia-Ermittlergruppe in Guatemala: Der 53-jährige Antonio Ingroia.(Archivbild)

Wird für ein Jahr Chef einer Mafia-Ermittlergruppe in Guatemala: Der 53-jährige Antonio Ingroia.(Archivbild) Bild: Reuters

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Der Oberste Richterrat hat grünes Licht für Antonio Ingroia gegeben, der im Auftrag der UNO als Chef einer Ermittlergruppe gegen die Drogenmafia für ein Jahr nach Guatemala gehen möchte. Der bärtige 53-Jährige aus Palermo ist der derzeit am meisten angefochtene und diffamierte Staatsanwalt Italiens. Gegen allerlei Widerstände hat er mit seinem Team unerwünschte Wahrheiten über Verhandlungen in den Neunzigerjahren zwischen Staat und Mafia ans Licht befördert und am Dienstag Anklage gegen zwölf Repräsentanten der Republik und gegen schwergewichtige Mafiosi erhoben.

Justizministerin Paola Severino erzählte dieser Tage, Ingroia sei wegen seines Reisewunsches im Mai bei ihr gewesen – also lange vor den jüngsten Polemiken. Der Anti-Mafia-Staatsanwalt hatte Ex-Innenminister Nicola Mancino wegen des Verdachts abhören lassen, er habe von den ominösen Verhandlungen von Politikern und Polizeioffizieren mit den Bossen gewusst, dies aber verschwiegen. Um sich gegen diesen Verdacht zu wehren, suchte Mancino jedwede Hilfe, telefonisch auch bei Staatspräsident Giorgio Napolitano, dessen Stimme also auch auf den Abhörbändern erschien. Zufällig oder nicht, der Staatschef am Telefon darf nicht angezapft werden.

Ob die – übrigens unergiebigen – Bänder sofort oder später vernichtet werden müssen, darüber entstand ein über das Juristische hinausgehender Streit. Dessen Heftigkeit erklärt sich damit, dass staatliche Institutionen in der Vergangenheit die Wahrheitsfindung oft behindert haben und dass bei Aktionen von Ingroia, für viele ein rotes Tuch, oft grosse Aufregung entsteht.

Im Ausland mehr geschätzt

Für eine parlamentarische Rund­umattacke zog Ex-Landwirtschaftsminister Calogero Mannino, einer der angeblichen Mafia-Kontaktierer, am Mittwoch sogar das Argument heran, dass der Staatsanwalt vor Jahrzehnten in seinem Büro ein Che-Guevara-Plakat hängen gehabt habe. In diesem Klima begründete der Spezialist für die organisierte Kriminalität sein UNO-Engagement in Zentralamerika auch so: «Wenn ich Italien für eine Weile verlasse, könnte das auch den Druck auf meine Dienststelle in Palermo vermindern.» Er fügte als «bittere Feststellung» noch an, dass er im Ausland eben mehr geschätzt sei.Seit zweiundzwanzig Jahren lebt der offene, freundliche Familienvater unter Polizeischutz. Erst schien ein Begleitschützer ausreichend, bevor es nach den Morden an Giovanni Falcone und Paolo Borsellino 1992 und den Bombenattentaten der Mafia 1993 immer mehr wurden. Zeitweilig wurde die Umgebung seines Hauses wie bei Kollegen zusätzlich von Militär gesichert. Auf dem Treppenabsatz vor der Wohnung sass rund um die Uhr ein Soldat.

Das macht das Privatleben, insbesondere die Leidenschaft für den Fussball und das Kino, nicht gerade einfach. Als er einst seinen ersten Sohn in den Kindergarten brachte, wurde ihm von dessen Leitung nahegelegt, dies wegen der belastenden Wirkung auf die Kinder zu unterlassen.

Als er in den dunklen Jahren der Gewalt eines Morgens aus dem Fenster schaute, blickte er auf Plakate, die forderten, das wegen der Sicherheit seiner Familie verhängte Parkverbot in der Strasse sei aufzuheben. Diese Feind­seligkeit seiner bürgerlichen Umgebung, die von der Allgegenwart der Mafia wusste, aber in keiner Weise daran erinnert werden wollte, hat den gebürtigen Palermitaner tief getroffen.

Extrem exponiert

Heute Staatsanwalt in Italien zu sein, bedeute, in Medien und Politik exponiert zu sein, wie man es nicht vorausgesehen habe. Ausserdem werde man dazu gedrängt, «moralischer Bezugspunkt» für den Teil der Gesellschaft zu sein, der auch als Gegenposition zum Italien der Korruption und der Illegalität von der Staatsanwaltschaft einen Beitrag zu «Erneuerung und Reformen» erwarte. Das schreibt Ingroia in seinem neuesten Buch «Palermo. Glanz und Elend, Heroismus und Feigheit». Der Anti-Mafia-Kämpfer hat als Schüler des unbequemen Paolo Borsellino, der möglicherweise mit Wissen oder gar Zutun des Staates ermordet worden ist, in dessen Büro seine ersten beruflichen Schritte gemacht.

«Heute wie einst ist ein Teil der führenden Klasse dieses Landes mit der Mafia in stabiler Weise beim Umgang mit der Macht immer verbündet gewesen» – diese Erkenntnis führt zu harten Urteilen über Italien, das unfähig und unwillig sei, «die dunklen und dreckigen Ecken seiner Vergangenheit auszuleuchten». Ingroia reist unermüdlich durchs Land zu Kundgebungen, Schulen, TV-Auftritten und sogar zu einem Parteitag der Kommunisten. Die wütenden politischen Reaktionen konnte er auch mit der Feststellung nicht kontern, dass er auch zu einem Kongress der Berlusconi-Partei fahren würde, die ihn aber nicht einlade.

In seiner Arbeit fühlt er sich unparteiisch, aber glaubt auch an sein Recht und seine Pflicht, öffentlich zur Verteidigung der Verfassung aufzutreten. «Ich fühle mich als Partisan» – schon schreien viele auf, ohne weiter hinzuhören –, «ich fühle mich als Partisan der Verfassung», erklärt Ingroia – und weiss um die Provokation.

Erstellt: 28.07.2012, 18:35 Uhr

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