In der Trotzburg

«Jetzt erst recht» – die FPÖ macht sich nach dem Ibiza-Video mit Parolen Mut. Als Antreiber ist immer noch Heinz-Christian Strache zu erkennen.

FPÖ-Spitzenkandidat Harald Vilimsky (links) und Norbert Hofer, der neue starke Mann, bei der Abschlusskundgebung zur Europawahl in Wien. Foto: Getty Images / Michael Gruber

FPÖ-Spitzenkandidat Harald Vilimsky (links) und Norbert Hofer, der neue starke Mann, bei der Abschlusskundgebung zur Europawahl in Wien. Foto: Getty Images / Michael Gruber

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Auf dem Viktor-Adler-Platz im 10. Wiener Gemeindebezirk feiert die FPÖ das grosse Finale des EU-Wahlkampfes, und alle, naja, fast alle sind gekommen: der designierte neue Parteichef Norbert Hofer, der EU-Spitzenkandidat Harald Vilimsky und natürlich die John-Otti-Band, die seit ewigen Zeiten das Wahlvolk der FPÖ beschallt. Umstände-halber fehlt nur Heinz-Christian Strache, doch auf den Bannern immerhin ist noch sein Name zu lesen – und die Stimmung prägt er sowieso. Denn die ist kämpferisch und wird zusammengefasst in einem Motto, das in grossen Lettern überall zu sehen ist: «Jetzt erst recht.»

Jetzt erst recht – diese Parole soll der Rettungsanker sein für die durch das Ibiza-Video und den Abgang ihres Vorsitzenden Strache in die Defensive geratene Partei. Drei Worte voller Trotz und Wut und Kampfeswillen, die so perfekt zum Markenkern der FPÖ passen. Denn in diesem Satz lässt sich der ganze Verschwörungs- und Opfermythos bündeln, mit dem die Freiheitlichen auf den tiefen Fall ihres vormaligen Frontmannes Strache reagieren. Die demaskierende Falle, die ihm und seinem Gefährten Johann Gudenus auf Ibiza gestellt wurde, wird zwar vordergründig aufgearbeitet. Dass der Auftritt «peinlich», «katastrophal» und «dumm» war, das hat auch Strache selbst bei seinem Rücktritt eingeräumt. Vor allem aber trommelt die Partei gegen jene finsteren Mächte «aus dem Ausland», die als Drahtzieher vermutet werden für ein «politisches Attentat» auf Strache, einen «Anschlag» auf die Regierungsarbeit von ÖVP und FPÖ oder gar einen «Angriff auf Freiheit und Demokratie».

Als Antreiber im Hintergrund ist dabei immer noch Heinz-Christian Strache zu erkennen, der vor allem über die sozialen Medien präsent bleibt. Dort hatte er auch als Erster die «Jetzt erst recht»-Losung ausgegeben – allerdings damit zunächst auch seine eigenen Parteifreunde irritiert, weil er es womöglich persönlich meinte.

Video: Die brisanten Aufnahmen

Das Skandal-Video: Heinz-Christian Strache trifft sich mit einer angeblich reichen Russin auf Ibiza. Video: Süddeutsche Zeitung

«Der Standard» jedenfalls zitiert aus einer Whatsapp-Nachricht an Spitzenfunktionäre, in der er schrieb: «Wiener Vorstand besteht einstimmig auf meinem Verbleib als Obmann.» Das war schnell wieder vom Tisch. Doch auf Facebook, wo er 800'000 Follower hat, sammelt Strache Unterstützung. Am Freitag veröffentlichte er ein neues Rechtfertigungsvideo, in dem er seine Ibiza-Aussagen als unschuldige «Gedankenspiele» darstellt und sich zu dem Satz «Die Gedanken sind frei» aufschwingt.

Das Ruder übernommen haben in der Partei nun Hofer, der bereits zum Spitzenkandidaten für die Neuwahl im September erkoren wurde, und der geschasste Innenminister Herbert Kickl, der die Fraktion im Parlament anführen soll. Die Rollenverteilung ist schon beim ersten gemeinsamen Auftritt der beiden zu Wochenbeginn deutlich geworden: Der allzeit freundliche Herr Hofer umschmeichelt das Wahlvolk, der weniger freundliche Sozius Kickl nimmt die Konkurrenz aufs Korn. Hofers Charmeoffensive konnte in seinen ersten Chef-Tagen kaum einer entkommen: Bei den alten Regierungskollegen bedankte er sich für die gute Zusammenarbeit, auch die Sozialdemokraten bekamen viel Anerkennung. Die Grenzen der Glaubwürdigkeit testete er aus mit einem Lob für die Medien im Allgemeinen und das linke Wiener Wochenblatt «Falter» im Besonderen. Er versprach die lückenlose Aufklärung aller durch das Ibiza-Video aufgeworfenen Fragen nach einer möglicherweise illegalen Auftragsvergabe oder Spendenpraxis. Und er kündigte einen Wahlkampf an, wie es ihn in Österreich schon sehr lange nicht mehr gegeben habe – «ohne Schmutzkübel» nämlich.

Dieser Schmeichel- und Schmusekurs steht allerdings in deutlichem Kontrast zu der von Herbert Kickl gelebten politischen Praxis. Kickl ist zurückgefallen in seine alte Rammbock-Rolle. Das bevorzugte Ziel seiner Attacken ist Bundeskanzler Sebastian Kurz von der ÖVP, dem er vorhält, «machtbesoffen» die Koalition aufgekündigt zu haben. Vor dem Misstrauensantrag gegen Kurz im Parlament am Montag lässt er Rachegelüste erkennen. Und auch gegen den Bundespräsidenten feuert er seine Breitseiten ab: Alexander Van der Bellen habe sich «von Kurz und seinen Beratern quasi übertölpeln lassen», schimpfte Kickl. Mit solchen Sätzen sollen die Reihen geschlossen werden für die Kämpfe, die nun anstehen, weit über die EU-Wahl hinaus.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 25.05.2019, 13:20 Uhr

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