Der neue Guerillakrieg

Wer die Cyberattacke auf den französischen Auslandskanal TV 5 als Terrorismus bezeichnet, spielt den Urhebern in die Hände.

Ein Polizist bewacht den Pariser Hauptsitz von TV 5 Monde. An dem Sender ist auch die SRG beteiligt. Foto: Yoan Valat (EPA, Keystone)

Ein Polizist bewacht den Pariser Hauptsitz von TV 5 Monde. An dem Sender ist auch die SRG beteiligt. Foto: Yoan Valat (EPA, Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sieht man das Gute im Schlechten, dann ist dem sympathischen Sender TV 5 Monde ein Scoop gelungen: Der ansonsten wenig beachtete französische Auslandskanal, an dem auch die Schweizer SRG beteiligt ist, hat in beispielloser Weise die Macht von Hackern vorgeführt. Mit kaum einem journalistischen Beitrag hätte er so eindrucksvoll zeigen können, wozu Angreifer aus dem Cyberspace in der Lage sind: In der Nacht zum Donnerstag meldete sich auf der Twitter-Seite von TV 5 das «Cyberkalifat», die Website war unerreichbar, das komplette Fernsehbild fiel aus. Der Sender wurde stundenlang ferngesteuert.

Nicht viel beruhigender war es, dass am nächsten Morgen gleich drei französische Minister in der Senderzentrale erschienen und das Gefühl schürten, es habe sich eine Art 11. September der Medienwelt ereignet. Dagegen spricht: Erstens sind am 8. und 9. April keine Menschen ums Leben gekommen, anders etwa als bei 9/11 oder jüngst beim Attentat auf die Satirezeitschrift «Charlie Hebdo».

Zweitens zeigte sich die Terrorgruppe al-Qaida am 11. September 2001 auf dem Höhepunkt ihrer Kraft: Ihre Anschläge waren so grausam wie brillant inszeniert. Leider muss man befürchten, dass die Extremisten der Terrorgruppe Islamischer Staat (oder wer auch immer für den Cyberangriff auf TV 5 verantwortlich ist) noch am Üben sind – den Gipfel ihres Könnens haben sie wohl noch nicht erreicht. Trotz seiner primitiven Enthauptungsvideos ist der Islamische Staat (IS) nicht bloss ein Haufen Wilder, sondern eine professionelle Privatarmee, die jedem in Europa und Amerika zumindest einen Schrecken einjagen kann.

Regierungen lehnen Regeln ab

Die Gefahr durch Cyberangriffe ist echt, und man sollte sich dagegen rüsten: mit Technik, aber auch mit Gelassenheit. Wie schon nach dem mutmasslich nordkoreanischen Cyberangriff auf die Filmfirma Sony Pictures im Dezember sollte man sich fragen, womit man es eigentlich zu tun hat. US-Präsident Barack Obama, der damals bemerkenswert entspannt reagierte, nannte die Tat «Cybervandalismus». Das beschreibt den Angriff auf TV 5 insoweit, als bloss das Bild ausfiel. Terroristisch war die Attacke allenfalls in der Hinsicht, dass die Hacker auf der Facebook-Seite von TV 5 den Familien französischer Soldaten drohten. Wer aber, wie die französische Kulturministerin, die Cyberattacke undifferenziert als «Terrorismus» bezeichnet, der spielt den Urhebern in die Hände: Damit verbreitet sich jener Schrecken, den sich die Hacker wünschen. Man verstärkt damit die propagandistische Wirkung der Tat: Die Angreifer möchten andere erschrecken und sich für potenzielle Rekruten und Geldgeber attraktiv darstellen.

Trotzdem sollte man Gefahren aus dem Cyberspace ernster nehmen als bisher. Erstens sind die Täter meist kaum zu fassen, sie agieren mit der Fernbedienung und sind damit womöglich besonders skrupellos. Zweitens ist im Cyberspace so gut wie alles möglich: Die Welt ist so vernetzt, dass man überall und gegen jedes Ziel sabotieren und spionieren kann. Wie die westlichen Cyberangriffe auf Atomanlagen des Iran gezeigt haben, kann man sogar Industrieanlagen zerstören. Die nächsten Angriffe könnten Kraftwerken gelten, Flugzeugen, Raketen. Drittens unterschätzt man selbst im technologisierten Westen diese Gefahren noch immer. Jeder Angriff offenbart Leichtsinn und Inkompetenz der Opfer. Das gilt selbst für die US-Regierung.

Die Weltgemeinschaft hätte sich längst ein Regelwerk für den Cyberspace geben und sich in der Abwehr von Angriffen durch Terrorgruppen oder Kriminelle abstimmen müssen. Aber die Regierungen haben daran kein Interesse, weil sie die neue Wunderwelt längst selbst zum eigenen Vorteil erforschen. Amerikaner und Chinesen etwa hacken sich durch die gegnerischen Militärgeheimnisse und würden sich deswegen nie einer Instanz unterwerfen, etwa einem UNO-Schiedsgericht für Cyberfälle. Der glimpfliche Angriff auf TV 5 erinnert westliche Regierungen daran, dass sie lieber vorbeugen sollten, als grosse Sprüche zu machen.

Die Vorzüge von Hackereinheiten für Terrorgruppen jedenfalls sind offensichtlich. Das Cyberspace bietet alle Vorteile der asymmetrischen Kriegsführung: Man kann sich verstecken, aus dem Hinterhalt angreifen – man kann mit wenig viel erreichen. Cyberkrieg ist der neue Guerillakrieg.

Erstellt: 09.04.2015, 23:30 Uhr

Artikel zum Thema

Nach Hack-Angriff: Sony-Chef bricht sein Schweigen

«Bösartige und zynische Cyberattacke»: Auf der Elektronikmesse CES hat sich Kazuo Hirai erstmals zum Angriff auf die Filmproduktionsfirma Sony Pictures geäussert. Mehr...

Hacker greifen Microsoft an

Genau wie Facebook und Apple wurde nun auch Microsoft zum Ziel einer Cyberattacke. Zudem stoppte eine hausgemachte Panne einen Service des Computerunternehmens. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Die Welt in Bildern

Nichts wie weg: Ein Känguru flieht vor den Flammen in Colo Heights, Australien, die bereits 80'000 Hektaren Wald zerstört haben (15. November 2019).
(Bild: Hemmings/Getty Images) Mehr...