«Der neue Papst ist ein Mann ohne Berührungsängste»

Der frühere Churer Weihbischof Peter Henrici ist erfreut über die Wahl von Franziskus. Auf den Theologenpapst folge ein Seelsorgerpapst.

Guter Draht zu den Menschen: Der neu gewählte Papst Franziskus grüsst die Gläubigen. (13. März 2013)

Guter Draht zu den Menschen: Der neu gewählte Papst Franziskus grüsst die Gläubigen. (13. März 2013) Bild: Keystone

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Sind Sie vom Ausgang der Wahl überrascht?
Die Wahl ist eine grosse Überraschung. Und sie ist eine gute Überraschung.

Weshalb eine gute Überraschung?
Bei Benedikt XVI. stand die Glaubenslehre im Vordergrund. Bei Franziskus wird es die Glaubensverkündigung sein. Nach dem Theologenpapst wurde ein Seelsorgerpapst gewählt, ein Papst für die Armen.

Die Bezeichnung «Papst für die Armen» weckt sehr grosse Erwartungen. Kann Franziskus diese erfüllen?
Ich kenne Jorge Mario Bergoglio nicht persönlich. Aber er gehört wie ich dem Jesuitenorden an. Es ist äussert bemerkenswert, wenn sich ein Jesuit – und nicht ein Franziskaner – den Namen Franziskus gibt. Dieser Name wurde in der ganzen Geschichte des Papsttums noch nie gewählt. Es ist der Name des Franziskus von Assisi, des Heiligen der Armen, des Erneuerers der Kirche und des Patrons für die Bewahrung der Schöpfung. Auch Franziskus soll ein ausgeprägtes ökologisches Bewusstsein haben.

Was hat den Ausschlag gegeben für seine Wahl?
Bergoglio war bei der letzten Papstwahl der Gegenkandidat von Joseph Ratzinger. Er gehörte zum Lager der Reformer um den Mailänder Kardinal Carlo Maria Martini, der selbst aus gesundheitlichen Gründen nicht wählbar war. Offenbar haben die Kardinäle nun entschieden, die damals übergangene Seite zu berücksichtigen. Zudem wird auch wichtig gewesen sein, was Bergoglio während der Kardinalsversammlungen gesagt hat. Davon dringt in der Regel jedoch nichts nach aussen.

Was für einen Einfluss hat seine Herkunft?
Fast die Hälfte der Katholiken lebt in Südamerika. Das spricht für einen Papst von diesem Kontinent. Zudem kann die katholische Kirche so ihre Position gegenüber den Freikirchen stärken, die dort immer mehr Aufwind haben. Auch findet im Juli das nächste Jugendtreffen der katholischen Kirche in Rio de Janeiro statt. Da wird nun ein südamerikanischer Papst auf über eine halbe Million Jugendliche treffen – ein Grossereignis, das auf die ganze Kirche ausstrahlen wird.

Wissen Sie, wie sich Bergoglio während der argentinischen Militärdiktatur verhalten hat?
Das weiss ich nicht. Er war damals Provinzoberer der argentinischen Jesuiten. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Jesuiten auf der Seite der Militärdiktatur standen.

Gibt es nun einen Richtungswechsel in der katholischen Kirche?
Ich würde nicht von einem Richtungswechsel sprechen, sondern von einem anderen Stil. Das konnte man bereits beim ersten Auftritt des Papstes sehen. Das Ganze war viel schlichter als bei Benedikt XVI. Zunächst dankte der Papst seinem Vorgänger. Dann bat er darum, für ihn selbst zu beten – und betete anschliessend mit dem Volk das Vaterunser. Das hat es noch nie gegeben.

Wie werten Sie dieses Zeichen?
Man sieht, dass Franziskus ein sehr spiritueller Mensch ist, der auf das Volk zugeht. Er ist ein Mann ohne Berührungsängste. In Buenos Aires war er oft mit der U-Bahn unterwegs. Benedikt XVI. hingegen war eher schüchtern.

Franziskus ist 76 Jahre alt. Ist er ein Übergangspapst?
Vom Alter her ist er ein Übergangspapst. Allerdings war auch Johannes XXIII. bereits 77 Jahre alt, als er Papst wurde. Und er hat danach das Zweite Vatikanische Konzil einberufen und damit einen grossen Reformschritt getan.

Was für einen Handlungsspielraum hat der neue Papst denn, sofern er wirklich Reformen anpacken will?
Interessant werden seine Ernennungen sein. Wer wird zum Beispiel Kardinalsstaatssekretär, die Nummer zwei im Vatikan? Und was für Akzente wird der neue Papst in den nächsten Wochen setzen? Ich denke, er wird vor allem als Seelsorger und als Bischof von Rom wirken wollen. Und ich hoffe, dass er den einzelnen Ortskirchen mehr Selbstständigkeit einräumt.

Das ist eine Forderung, die auch von vielen Katholiken in der Schweiz erhoben wird. Denken Sie, dass sich diese Hoffnung erfüllt?
Als Argentinier weiss der neue Papst, dass die Probleme in Lateinamerika anders liegen als in Europa. Ich denke, dass er die Vielfalt in der katholischen Kirche fördern wird.

Wird er auch Themen wie die Abschaffung des Zölibats oder das Frauenpriestertum angehen?
Das erwarte ich nicht.

Was wird der neue Papst als Erstes tun? Ruhe in die Kurie bringen oder Zeichen gegen aussen setzen?
Als Erstes wird er zweifellos die Reform der Kurie an die Hand nehmen müssen. Auf dem Arbeitstisch des Papstes liegt ein 300-seitiger Bericht über Missstände in der Kurie. Da muss er handeln.

Ist Franziskus denn genug stark, um sich gegen Widerstände innerhalb der Kurie durchzusetzen?
Offensichtlich trauen ihm die Kardinäle das zu.

Sie hätte ja auch bewusst einen schwachen Kardinal wählen können.
Aus den wenigen Informationen, die aus den Sitzungen der Kardinäle nach aussen gedrungen sind, wurde klar, dass die Mehrheit den Reformbedarf innerhalb der Kurie sieht. Deshalb haben die Kardinäle bestimmt nicht einen Papst gewählt, dem sie diese Aufgabe nicht zutrauen würden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.03.2013, 06:25 Uhr

Der Zürcher Jesuit Peter Henrici war von 1960 bis 1993 Philosophieprofessor an der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom. Von 1993 bis 2007 wirkte er als Weihbischof in Chur. (Bild: Keystone )

Gläubige begrüssen Papst Franziskus I. (Video: Reuters )

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