Porträt

Der populäre Polterer

Der deutsche Sozialdemokrat und Präsident des Europaparlaments Martin Schulz will Chef der EU-Kommission werden. Und Europa vom Kopf auf die Füsse stellen.

In Athen sieht man ihn als Vertreter des anderen Deutschland: Martin Schulz.

In Athen sieht man ihn als Vertreter des anderen Deutschland: Martin Schulz. Bild: Michael Trippe/laif

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Die Politik versucht sich in diesen Tagen gerne darin, sich locker zu machen. Gerade in Europa. Also sitzt Martin Schulz an diesem Tag in Aachen auf einem weissen Barhocker. Aber richtig wohlfühlt sich der Präsident des Europaparlaments nicht. Man sieht das. Er rutscht hin und her, schlägt mal die Beine übereinander wie ein wohlerzogenes Mädchen, probiert es für einen Moment breitbeinig, aber auch das passt nicht. Noch dazu an einem Ort wie diesem, dem ehrwürdigen Krönungssaal im Aachener Rathaus.

Und so springt Schulz vom Hocker auf und tippelt vor dem Stehtisch auf den Füssen. Fast wie ein Boxer vor dem Kampf. Dann endlich darf er vortreten ans gläserne Rednerpult. «Europa – Welche Werte tragen und erneuern die Gemeinschaft?» lautet der sperrige Titel der Veranstaltung. Aber Schulz plant um. Eigentlich habe er eine andere Rede halten wollen, sagt er, «die habe ich spontan in die Tonne gekloppt». Pech für den Redenschreiber. Aber sein Chef ist gern ein wenig unberechenbar. Und er ist gern direkt. Also redet Schulz frei und holt im rheinischen Akzent aus zum ersten Punch: «Wir müssen Europa vom Kopf auf die Füsse stellen.»

Das ist keine kleine Aufgabe. Aber wo liesse sich besser über Europa sinnieren als an diesem Ort in Aachen. Der Karlspreis für verdiente Europäer wird hier jährlich im holzgetäferten Krönungssaal verliehen. Und auch sonst weht hier sehr viel Geschichte. Tief unten ruhen die Festen der Kaiserpfalz Karls des Grossen. Und im Saal glänzen in einer Vitrine Krone und Zepter des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Karl der Grosse hat es einst begründet. Wo schon mal so viel Geschichte grüsst, darf auch daran erinnert werden. Von Aachen aus machte Karl sich im Jahr 800 auf den Weg nach Rom. Dass der Mann aus dem Norden nach dem römischen Kaisertitel griff, war für die Zeitgenossen ein Staatsstreich mit Krönung.

Mehr Demokratie wagen

Auch Martin, der noch nicht ganz so Grosse, eilt in diesen Tagen nach Rom. Europas Sozialdemokraten feiern dort eine eigene Krönungsmesse. Sie küren Schulz am Sonntag nicht nur zu ihrem Spitzenkandidaten für die Europawahl am 25. Mai. Sie nominieren ihn gleichsam auch für das Amt des EU-Kommissionspräsidenten. Erstmals soll der Wähler selbst über Europas wichtigsten Job entscheiden. Das ist ein echter Umsturzversuch.

Bisher verhielt es sich mit dem Amt des Kommissionschefs so: Europas Staatschefs kungelten den Job stets unter sich aus. Gern ging das Amt an einen der ihren. Politisches Flaschendrehen also. Schulz will das ändern. Seine Vision für Europa: weniger Macht für die Mitgliedsstaaten, mehr Rechte für das Europaparlament, kurzum: mehr Demokratie wagen. Aber die Beharrungskräfte sind gross. Das deutsche Bundesverfassungsgericht hat gerade gezeigt, was es von Europa und seinem Parlament hält: Polit-Zirkus für jedermann.

Der Zirkusdirektor Schulz ist eher stämmig. Ein kantiger Kerl mit markantem Gesicht. Auf den ersten Blick nichts Leichtes. Er kann viele Rollen geben, den Demokratisierer, den Kämpfer und den Diplomaten. Im Vorfeld der Schweizer Volksabstimmung zur Einwanderung war Schulz der einzige hochrangige EU-Politiker, der in der «NZZ am Sonntag» für Europa warb.

Er kann aber auch Angriff. «Na, Austern essen?», raunzt er Gästen beim Neujahrsempfang der deutschen Sozialdemokraten im Brüsseler Museum Belvue zu. Dazu muss man wissen, dass es Austern in Belgien auf jedem Wochenmarkt gibt. Eine Art maritime Currywurst. Schulz will an diesem Tag den kleinen Mann von unten geben. Also stapft er zum Pult und schaut auf zu den hohen Decken des Cafés. Auch ein Blick kann eine Anklage sein. «Ich weiss, wie das ist, wenn man ganz unten ist», sagt Schulz. Eigentlich spricht er über Griechenland, die Krise und die Menschen. Aber jeder versteht die Anspielung. Der Spross einer Bergmannsfamilie aus dem Aachener Umland war mal ein guter Kicker. Die AC Bellinzona soll einst an ihm Interesse gezeigt haben. Dann zwickte das Knie, und es floss zu viel Alkohol. Der Bruder rief ihn zur Besinnung.

Alkohol ist seither tabu. Das spricht für Disziplin. Die Botschaft aber ist klar: Man darf hinfallen, man muss aber wieder aufstehen. Es ist das alte Aufsteigerversprechen. Schulz hat es selbst erlebt. Er arbeitet als Buchhändler und macht in der SPD-Karriere. 1987, mit 31, wird er Bürgermeister seiner Heimatstadt Würselen nahe Aachen. 30'000 Einwohner.

1994 zieht der Pragmatiker Schulz ins EU-Parlament ein. Er macht aus der Zeit in Brüssel eine Art Erasmus für Erwachsene, lernt Englisch und Französisch, wird 2012 EU-Parlamentspräsident. Als solcher wird er im Weissen Haus empfangen und vom Papst in Rom. Nicht schlecht für einen Buchhändler aus Würselen.

Schulz ist also weit gegangen. Aber er ist noch nicht am Ziel. Der Kandidat ist nicht allein in den Aachener Krönungssaal gekommen. Neben ihm auf dem Barhocker-Podium sitzt Christopher Clark. Der Historiker aus Oxford hat ein grosses Buch über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs verfasst. «Schlafwandler» lautet der Titel von Clarks Buch. Es ist das erste Werk, das diesen Krieg aus gesamteuropäischer Perspektive beschreibt. Clark nimmt den Leser mit auf eine Reise durch Europas Hauptstädte Berlin, Paris, Moskau, Wien – und in den Abgrund. Es ist ein Buch über das Versagen der Politik. Versagt Europa wieder?

Ein netter Grenzland-Europäer

Martin Schulz hat sich früh für diesen Krieg interessiert. Als junger Kerl, erzählt er später, sei er über die Schlachtfelder von Verdun gestiefelt. Immer auf der Suche nach einer Antwort auf die deutsche Urkatastrophe. Schulz sagt: «Der Erste Weltkrieg war die Psychiatrisierung einer ganzen männlichen Generation.» Schulz, Jahrgang 1955, aus Würselen im Dreiländereck, ist die letzte Generation, die davon erzählen kann. Was zeichnet Grenzland-Europäer wie Schulz aus? Der Historiker Clark sagt: «Ihre Familien lebten im Spannungsfeld der grossen Politik. Sie haben das kriegerische Leid der Geschichte über Generationen erfahren. Das prägt.»

Nur ist Europa diese Prägung abhandengekommen. Clark und Schulz haben sich im Vorjahr in der TV-Sendung «Beckmann» kennen gelernt. Man schätzt sich. Das spürt man auch in Aachen. Clark erzählt weniger vom Krieg als von Umfragen. Im Ansehen der Menschen in Europa kommt hinter der EU nur noch der Junkie. «Der nachfolgenden Generation fehlt das Bauchgefühl für Europa», sagt Clark über die schwindende Kraft der Friedensidee. Der Kämpfer Schulz holt tänzelnd aus zum nächsten Punch: «Europa war immer ein Versprechen. Das Versprechen, dass es der nächsten Generation besser geht. Dieses Zutrauen ist uns in der Krise abhandengekommen.» Das Publikum nickt – die Damen mit Dauerwelle und die Jungs mit Piercing.

Von Berlusconi beschimpft

«Reich ohne Eigenschaften» heisst ein Kapitel in Clarks Buch. Es geht um die Habsburgermonarchie, aber es könnte auch gut von der EU handeln. Schulz will der Europäischen Union einen neuen Kick verpassen. Er will nicht mehr Europa, er will mehr Demokratie in Europa. Und er will den Menschen das alte Versprechen zurückgeben, dass es aufwärtsgeht. Er ist in der Krise früh nach Athen gefahren. Die Menschen dort erlebten den leicht Anti-Austeritären als den anderen Deutschen.

Auch der Konvent tagt jetzt nicht zufällig in Rom. Manche in Italien verehren Schulz gerade für das Poltern. Das liegt an jenem 2. Juli 2003, der das Leben von Martin Schulz beschleunigte. Im EU-Parlament piesackt der SPD-Abgeordnete den italienischen Premier Silvio Berlusconi so lange mit Zwischenfragen, bis dieser ihm bescheinigt, Schulz könne in einem Film jederzeit auch den KZ-Kapo geben. Schulz hat die Beschimpfung stoisch über sich ergehen lassen, die Worte blieben an Berlusconi haften. Bis zu diesem Tag war Schulz der Ex-Bürgermeister von Würselen, danach europaweit der Berlusconi-Bezwinger.

Das zählt in diesem Wahlkampf. Denn es gibt nicht viele Europapolitiker, den die Europäer von Aberdeen bis La Valetta auf Wahlplakaten erkennen. Und so haben sich Europas Christdemokraten auf den Luxemburger Jean-Claude Juncker verständigt. Der war gefühlt schon seit Karl dem Grossen da. Aber auch ihn kennt man.

Für Schulz ist es schon ein Erfolg, dass die Christdemokraten überhaupt einen eigenen Spitzenkandidaten aufstellen, die englische «Financial Times» hat das deutsche Wort sogar in ihren Sprachschatz erhoben. Andere sind zurückhaltender. Kanzlerin Angela Merkel beharrt weiter darauf, dass es keinen Automatismus zwischen Wahl und Kür zum Kommissionschef gibt. Es wird also noch ein heisser Kampf. Schulz hat ihn angenommen. Der kleine Mann versucht sich nun als kleiner Marx. Beim Vom-Kopf-auf-die-Füsse-Stellen haben sich aber schon andere verhoben. Der Historiker Clark kontert: «Das ist der Vorteil der Geschichte. Dass wir aus ihr lernen.»

Erstellt: 28.02.2014, 08:16 Uhr

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Europa hat die Wahl

Sozialdemokraten tagen in Rom
Der Deutsche Martin Schulz (58) wird am Sonntag in Rom von Europas Sozialdemokraten zum Spitzenmann für die Europawahl am 25. Mai gekürt und damit zum Kandidaten für das Amt des EU-Kommissionschefs. Das ist ein Novum in der EU-Politik. Der Kommissionspräsident bedurfte bisher lediglich einer Bestätigung durch das Parlament.

Mit dem Vertrag von Lissabon hat sich das seit 2009 geändert. Darin heisst es: «Der Europäische Rat schlägt dem Europäischen Parlament nach entsprechenden Konsultationen (. . .) einen Kandidaten für das Amt des Präsidenten der Kommission vor; dabei berücksichtigt er das Wahlergebnis zum Europäischen Parlament.» Martin Schulz interpretiert das sehr weit. Wie in jeder parlamentarischen Wahl soll auch in der EU die folgende Regel gelten: Wer den Urnengang gewinnt, hat Zugriff auf das Amt des Regierungschefs. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sieht die Ambitionen ihres Landsmanns kritisch. Es bestehe kein «Automatismus» zwischen Wahl und Kür, hat sie erklärt.

Mit Spannung erwartet wird der erste europäische Auftritt des neuen italienischen Ministerpräsidenten Matteo Renzi bei dem Kongress der Sozialdemokraten in Rom. Europas Christdemokraten von der EVP entscheiden kommenden Freitag in Dublin über ihren Kandidaten. Als Favorit gilt der frühere luxemburgische Premierminister Jean-Claude Juncker (59). Es kandidieren auch der französische EU-Binnenmarktkommissar Michel Barnier und der lettische Ex-Regierungschef Valdis Dombrovskis. Nach einer Umfrage der London School of Economics für die EU-Initiative Pollwatch vom 19. Februar kommen die Sozialdemokraten auf 221 der 751 Sitze, die christdemokratische EVP käme demnach auf 202 Mandate. Liberale erhielten 64, Linke 56, Grüne 44, Europas Konservative 42, die restlichen 122 Sitze entfielen auf Kleinparteien. (rp)

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