Der schillernde Verteidiger von Srebrenica

Naser Oric hat in der bosnischen Kleinstadt Srebrenica gegen die serbische Aggression gekämpft. Die Belgrader Justiz wirft ihm Kriegsverbrechen vor. Jetzt sitzt er in Genf in Auslieferungshaft.

Naser Oric wartet Ende Juni 2006 auf das Urteil des UNO-Tribunals. Er wurde zuerst verurteilt und zwei Jahre später freigesprochen. Foto: Zoran Lesic (Keystone)

Naser Oric wartet Ende Juni 2006 auf das Urteil des UNO-Tribunals. Er wurde zuerst verurteilt und zwei Jahre später freigesprochen. Foto: Zoran Lesic (Keystone)

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Eine Festnahme in der Genfer Gemeinde Thônex sorgt für heisse Köpfe auf dem Balkan. Am vergangenen Mittwoch gegen Mittag legten die Mitarbeiter des Grenzwachtkorps Naser Oric die Handschellen an – aufgrund eines Haftbefehls aus Serbien. Die Belgrader Justiz wirft dem ehemaligen Befehlshaber der bosniakischen Truppen in Srebrenica vor, während des Krieges in den 90er-Jahren Zivilisten in den serbischen Dörfern in Ostbosnien eingeschüchtert, gefoltert und gemordet zu haben. Aus Protest gegen die strafrechtliche Verfolgung Orics hat Bosnien den für Dienstag geplanten Staatsbesuch des serbischen Präsidenten Tomislav Nikolic abgesagt.

Die Wut der bosniakischen Politiker richtet sich auch gegen die Schweiz. Vor der diplomatischen Vertretung der Eidgenossenschaft in der Hauptstadt Sarajevo haben Anhänger von Oric protestiert und seine unverzügliche Freilassung gefordert. Der prominente Politiker Bakir Izetbegovic – er vertritt die Bosniaken im dreiköpfigen Staatspräsidium – zitierte den Schweizer Botschafter in sein Büro und verurteilte scharf die Verhaftung. Nicht nur für die Bosniaken, wie sich die bosnischen Muslime selbst nennen, ist Oric unschuldig. Das Haager Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien hat ihn 2008 in zweiter Instanz von ­allen Vorwürfen freigesprochen. Die UNO-Justiz konnte keine Beweise dafür finden, dass der Verteidiger von Srebrenica sich Kriegsverbrechen an Serben schuldig gemacht hat.

Vorwürfe an die Genfer Polizei

Bakir Izetbegovic, Sohn des ersten bosnischen Präsidenten Alija Izetbegovic, warf der Genfer Kantonspolizei vor, Oric «unprofessionell und erniedrigend» behandelt zu haben. Nach Angaben des bosnischen Justizministeriums sei der ehemalige Kämpfer längst von der Interpol-Fahndungsliste gestrichen worden. Zudem beruft sich Bosnien auf eine bilaterale Vereinbarung mit Serbien aus dem Jahr 2013, die vorsieht, dass Verfahren wegen Kriegsverbrechen in der Heimat des Verdächtigen geführt werden. Im Fall von Oric wäre dies Bosnien und nicht Serbien. Oric soll auf dem Weg in die Schweiz die kroatische und die slowenische Grenze problemlos überschritten haben, die dortigen Behörden sahen offenbar keinen Grund, ihn festzunehmen. Warum die Schweiz dies tat, bleibt für viele Bosniaken unerklärlich. In einer Mitteilung des Bundesamtes für Justiz heisst es, man werde nun abklären, ob eine Auslieferung Orics «a priori zulässig erscheint» und ob sich die Vorwürfe der serbischen Seite von jenen unterscheiden, die vom UNO-Tribunal unter die Lupe genommen wurden. Jetzt sind die Belgrader Behörden am Zug: Sie müssen innerhalb von 18 Tagen ein Auslieferungsgesuch stellen.

Naser Oric ist kein Einzelfall. In den vergangenen Jahren hat die serbische Justiz immer wieder internationale Haftbefehle gegen hochrangige kosovarische Politiker erlassen. Doch mehrere Staaten haben sich geweigert, der serbischen Bitte Folge zu leisten, weil für die Verfolgung von mutmasslichen Kriegsverbrechern in erster Linie das Haager Tribunal zuständig war.

Der Leibwächter von Milosevic

Der US-Genozidforscher David Pettigrew erklärte in einem Protestbrief an die Schweizer UNO-Vertretung, der Haftbefehl gegen Naser Oric sei «politisch motiviert» und Teil der serbischen Strategie, den Völkermord in Srebrenica zu negieren. Anfang Juli 1995 hatten die Truppen des bosnisch-serbischen Generals Ratko Mladic die UNO-Schutzzone Srebrenica erobert, die holländischen Blauhelme überrumpelt und fast 8000 bosniakische Männer und Knaben massakriert. Dem Bosnienkrieg fielen etwa 100 000 Menschen zum Opfer, die meisten Bosniaken. In der Gedenkstätte Potocari, einem Vorort von Srebrenica, sind bisher 6241 identifizierte Opfer beerdigt worden.

Nach bosnischen Angaben wollte Oric zusammen mit dem Bürgermeister von Srebrenica an einer Gedenkveranstaltung in Genf teilnehmen, die zum 20. Jahrestag des Genozids in der ostbosnischen Kleinstadt organisiert wurde. Vor allem unter den Überlebenden des Krieges geniesst Oric immer noch Heldenstatus. Der Mann blickt auf eine schillernde Karriere zurück. In den 80er-Jahren glaubte der in der Nähe von Srebrenica 1967 geborene Oric an den sozialistischen Vielvölkerstaat Jugoslawien und wurde Bundespolizist. Er war Mitglied einer Sondereinheit, die damals in die Provinz Kosovo geschickt wurde, um die Proteste der Albaner gegen die Abschaffung ihrer Autonomie durch das Regime von Slobodan Milosevic zu unterdrücken.

Zurück in Belgrad, stieg er auf und wurde einer der Leibwächter von Milosevic. Zu Beginn der 90er-Jahre, als in Bosnien der blutige Konflikt ausbrach, vollzog er die Kehrtwende: Oric eilte seiner gefährdeten Heimatstadt zu Hilfe. Dort genoss er ein hohes Ansehen in der Bevölkerung, weil er kompromisslos gegen die serbischen Belagerer kämpfte. Der Publizist Emir Sulajgic, der damals für die UNO-Truppen übersetzte, bezeichnet Oric als jemanden, mit dem man lieber keinen Streit sucht. Noch heute ist nicht ganz klar, wie es Oric und seinen Soldaten im Sommer 1995 gelang, Srebrenica vor den anrückenden Serben zu verlassen und so dem sicheren Tod zu entgehen. Nach dem Bosnienkrieg rutschte auch Oric wie so viele sogenannte Kriegshelden ins kriminelle Milieu ab. Einmal wurde er wegen Erpressung von der bosnischen Polizei festgenommen. Er gilt als einer der Chefs der halbstaatlichen Unterwelt von Bosnien, deren Mitglieder mühelos über die ethnischen Grenzen hinweg eng zusammenarbeiten.

Oric bleibt vorläufig in Auslieferungshaft in Genf. Sollte er nach Belgrad überstellt werden, könnte die Wut der bosnischen Muslime steigen. Derweil bereitet Grossbritannien eine Srebrenica-Resolution vor, die Anfang Juli der UNO-Sicherheitsrat annehmen soll. Ziel der Resolution ist es unter anderem, den Völkermord von Srebrenica und dessen Leugnung zu verurteilen sowie künftigen Generationen das Ausmass des Verbrechens bewusst zu machen. Die serbischen Medien schlagen seit Tagen Alarm: Sollte die Resolution vom höchsten UNO-Gremium verabschiedet werden, dann müssten auch Serbien und die bosnisch-serbische Republik die Schulbücher korrigieren, um das Massaker als Völkermord zu bezeichnen. Serbische Politiker hoffen nun, dass Russland ein Veto gegen die Resolution einlegen wird. Das serbische Parlament hat den Massenmord in Srebrenica verurteilt, ohne das Wort Genozid ausdrücklich zu erwähnen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.06.2015, 22:55 Uhr

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