Der zaudernde Weltmeister

Deutschland spielt nicht nur besser Fussball als alle anderen. Es ist auch sonst stark und mächtig geworden. Das Problem: Berlin ziert sich bis heute, die Führungsrolle anzunehmen.

Sinnbild der neuen deutschen Macht: Man wollte den Pokal – und hält ihn nun in den Händen. Und jetzt? Wie geht es mit Deutschland weiter? Foto: Matthias Schrader (Keystone)

Sinnbild der neuen deutschen Macht: Man wollte den Pokal – und hält ihn nun in den Händen. Und jetzt? Wie geht es mit Deutschland weiter? Foto: Matthias Schrader (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Mit dem Abpfiff ist in der Nacht auf Montag vor dem Brandenburger Tor der Lärmpegel explodiert. Zehntausende jubelten, schrien sich die Freude aus dem Leib, Feuerwerk knallte. Deutschland ist Weltmeister!

Einer dürfte von dem lärmigen Fest nichts mehr mitbekommen haben: der oberste CIA-Vertreter in Berlin. Er residierte bis vor kurzem in der US-Botschaft, einen Steinwurf von der Fanmeile entfernt. Vergangene Woche hat ihn die Bundesregierung aus dem Land komplimentiert – als Antwort auf die anhaltende US-Spionage.

Mit anderen Worten: Deutschland legt sich mit einer Weltmacht an und gewinnt nur Tage später die WM. Fussball kann manchmal eben doch Allegorie sein für den Zustand eines Landes.

Ein symbolischer Höhepunkt

Der Titel von Brasilien ist ein vorläufiger, ein symbolischer Höhepunkt für Deutschlands Bedeutungsgewinn. Berlin hat massgeblich dazu beigetragen, den Euro zu retten. In der Ukrainekrise hat zeitweise nur noch Angela Merkel einen direkten Draht zum Kreml gehabt – an ihr lag es, im Namen der westlichen Welt eine weitere Konfrontation mit Russland zu verhindern. Überhaupt Merkel: Das Magazin «Forbes» hat sie im Frühjahr zum vierten Mal in Folge zur «mächtigsten Frau der Welt» gekürt. In Europa gibt es keinen Staats- oder Regierungschef, der es auch nur annähernd mit ihr aufnehmen könnte.

Was typisch ist an dieser neuen, deutschen Macht: Sie triumphiert nicht, sie kommt bescheiden daher, sie ist demokratisch und sympathisch. Den hässlichen Deutschen gibt es nicht mehr. Im Fussball ist das nicht anders. Mit den Deutschen hat nicht nur das beste Team die WM gewonnen, sondern vielleicht auch das beliebteste. Vorbei sind die Zeiten des deutschen Panzerfussballs. Diese Mannschaft hat fein und elegant gespielt. Auf der ganzen Welt hat sie Fans. Erstaunt berichtete kürzlich «Der Spiegel» von einem Public Viewing in der Mongolei. Die meisten Zuschauer trugen Symbole in Schwarz-Rot-Gold. Auch in der Schweiz, bisher nicht gerade ein Hort fussballerischer Deutschfreundlichkeit, fiebern inzwischen viele mit dem DFB-Team mit.

Fussballexperten sind sich einig: Grundlage des Erfolgs in Brasilien sind Reformen gewesen, welche nach der Jahrtausendwende in Angriff genommen wurden. Der deutsche Fussball steckte damals in einer Krise, man brauchte dringend neue Ideen, frische Spieler. Die Verantwortlichen begannen, Förderprogramme für den Nachwuchs aufzubauen. Für Kontinuität und eine Modernisierung der Spielweise sorgte Jogi Löw, der die Elf seit 2006 trainiert.

Nicht unähnlich ging es dem Land: Vor gut zehn Jahren wurde es noch als «kranker Mann Europas» verspottet. Dann kamen die Schröder-Reformen, brachen alte Strukturen auf. Später übernahm Merkel und brachte Ruhe ins Spiel.

Wer sät, der erntet

Deutschland könnte Vorbild sein für so viele Länder. Seht her, sagt seine Geschichte, es lohnt sich, etwas zu investieren, vorauszudenken, sich anzustrengen. Man muss Geduld haben. Wer sät, der erntet.

Das Problem ist bloss: Deutschland weiss nicht recht, wie es mit seiner neuen Kraft umgehen soll. Im Fussball ist es noch einfach. Der Weltmeister- titel wird gefeiert. Ekstatisch in der Nacht auf Montag. Doch schon beim Haushochsieg gegen Brasilien hatte sich gezeigt, dass die Deutschen ihrer Überlegenheit nicht ganz trauen. 7:1 zu gewinnen – das war fast zu viel. Statt Triumph hörte man auf den Strassen Berlins Worte des Bedauerns für die Brasilianer.

Erst recht schwierig wird es politisch: Die Regierung Merkel hat zwar nun einmal einen Punkt gemacht und den obersten CIA-Mann ausgewiesen. Deutschland, so das Signal, ist erwachsen geworden und will sich nicht von den USA überwachen lassen wie ein Teenager von den Eltern. Gleichzeitig werden beschwichtigende Signale nach Washington gesendet. Man will ja weiter zusammenarbeiten, auch zwischen den Geheimdiensten.

Neutral, reich, unabhängig

Was nun, Weltmeister? Wie geht es weiter? Berlin ziert sich bis heute, 25 Jahre nach dem Mauerfall, die Führungsrolle anzunehmen, die ihm aufgrund seiner Grösse eigentlich zusteht. Einige Politiker versuchen zwar, die Gesellschaft aufzurütteln. Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen etwa oder Bundespräsident Joachim Gauck fordern ein verstärktes Engagement in der Welt. Deutschland soll seine Kraft einsetzen, um auf der Welt den Frieden zu sichern – wenn nötig auch militärisch.

Die Aufrufe werden jedoch von Bedenkenträgern zerredet. Den Konservativen ist das alles zu teuer, die Linken fürchten einen Rückfall in deutschen Militarismus. Viele Stimmen plädieren für einen quasi-isolationistischen Kurs: grosser Abstand zu den USA, Europa soll zu einem profanen Wirtschaftsraum degradiert werden. Deutschland würde eine grosse Schweiz: neutral, reich, unabhängig.

Es ist niemandem zu wünschen, dass das so kommt. Die Zahl der schweren Krisen auf der Welt nimmt nicht ab: Ukraine, Syrien, Irak, um nur einige zu nennen. Weniger werden jedoch die potenten Akteure, die eine konstruktive Rolle spielen. Die USA sind auf dem Rückzug, Briten und Franzosen haben eigene Probleme. Handlungsfähig sind Leute wie Putin oder das chinesische Regime. Zum Glück, muss man sagen, gibt es noch den Weltmeister Deutschland.

Erstellt: 15.07.2014, 07:37 Uhr

Artikel zum Thema

US-Spionageaffäre in Deutschland weitet sich aus

Die Stimmung zwischen Deutschland und den USA ist nach den Spionage-Enthüllungen gereizt. Wie sich jetzt herausstellt, haben wohl deutlich mehr Quellen für die CIA gearbeitet als angenommen. Mehr...

Deutschland zum vierten Mal Weltmeister!

Fussball Deutschland ist zum vierten Mal Fussball-Weltmeister. "Joker" Mario Götze erlöst das Team von Joachim Löw mit einem Volley-Tor in der Verlängerung. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Paid Post

Ein Fehltritt mit Folgen

Eine kleine Unaufmerksamkeit, ein bisschen Pech – ein Unfall ist schnell passiert. Zum Glück hat die Suva die Kosten im Griff.

Kommentare

Blogs

Geldblog Ein Goldschatz für den Fall der Fälle
Mamablog Mein erstes Handy
Sweet Home Gut ist gut genug!

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Was für eine Aussicht: Ein Mountainbiker macht Rast auf dem Gipfel des Garmil. Im Hintergrund sieht man die Churfirsten und die Alviergruppe. (13. September 2019)
(Bild: Gian Ehrenzeller) Mehr...