Deutschlands «coolster Kerl» wird 95

Der deutsche Altkanzler Helmut Schmidt ist 95. Das Interesse an der Politiker-Legende ist noch immer gross. Doch Schmidt will zu seinem Geburtstag keine Reden und Bankette.

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Was für eine Frage: Natürlich gibt es kein rauschendes Fest, keine staatstragenden Reden und auch keine üppigen Bankette. Helmut Schmidt feiert traditionell in seinem Doppelhaus im Norden Hamburgs - und zwar im engsten Kreis.

Das hat er schon beim 90. Geburtstag so gehalten - und er gedenke es nun bei seinem 95. am 23. Dezember auch nicht anders zu machen, lässt der frühere deutsche Bundeskanzler über sein Büro wissen. Ansonsten gebe es nichts zu sagen.

Helmut Schmidt ist zwar seit gut 30 Jahren kein Regierungschef mehr. Doch das Interesse an dem Hamburger Ehrenbürger, zigfachen Preisträger und Herausgeber der Wochenzeitung «Die Zeit» ist nach wie vor gross. Wo immer er auftaucht, und egal ob er Europa, China oder gleich die ganze Welt analysiert - die Säle sind voll.

Der «coolste Kerl Deutschlands»

Besonders in Hamburg, wo die Menschen Schmidts Engagement als Innensenator bei der verheerenden Sturmflut 1962 mit mehr als 300 Toten nicht vergessen haben. Damals hatte der gebürtige Hamburger eigenmächtig kurzerhand die Bundeswehr herbeibeordert, um den Menschen zu helfen.

Längst ist der 2008 in einer Umfrage zum «coolsten Kerl Deutschlands» gewählte Schmidt auf dem Weg in die politische Unsterblichkeit. Das Lob gilt über Parteigrenzen hinweg.

So bescheinigte ihm zu seinem 90. Geburtstag vor fünf Jahren der damalige Bundespräsident Horst Köhler: «Die Qualität seines Urteils ist einzigartig.» Und Kanzlerin Angela Merkel zeigt sich vor allem von der Standhaftigkeit ihres Vorgängers angetan.

Seinen runden Geburtstag feiert Schmidt als Witwer. Am 21. Oktober 2010 starb seine Ehefrau Loki im Alter von 91 Jahren. Er und die Hamburger Ehrenbürgerin waren 68 Jahre verheiratet. Knapp zwei Jahre danach bekannte sich Schmidt zu einer neuen Beziehung mit seiner früheren Mitarbeiterin Ruth Loah - was Schmidts Tochter Susanne «sehr froh» gemacht habe.

Kanzlerschaft durch RAF-Terror geprägt

Am stärksten in Erinnerung geblieben ist in Deutschland jedoch die Kanzlerschaft von 1974 bis 1982: Sie war von der Ölkrise, der Vorbereitung eines europäischen Währungssystems und dem NATO-Doppelbeschluss geprägt.

Vor allem aber der Terror der Roten Armee Fraktion (RAF) haben Schmidts Amtszeit bis heute geprägt. Denn als am 5. September 1977 Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer von RAF entführt wurde, blieb der Kanzler hart, verweigerte den Terroristen Verhandlungen. Nach sechs dramatischen Wochen war Schleyer tot.

«Mir ist sehr klar bewusst, dass ich - trotz aller redlichen Bemühungen - am Tode Hanns Martin Schleyers mitschuldig bin», sagte Schmidt - und war gerade deshalb sehr bewegt, als ihm die Familie Schleyer 36 Jahre nach dem RAF-Mord als Zeichen der Versöhnung im April 2013 den Hanns-Martin-Schleyer-Preis verlieh.

«Es rührt mich heute zutiefst, dass die Familie Schleyer öffentlich ihren Respekt gegenüber meiner damaligen Haltung zum Ausdruck bringt», sagte Schmidt bei der Preisverleihung.

Immer für Überraschung gut

Helmut Schmidt ist seit 1946 SPD-Mitglied. Doch parteipolitische Aktivitäten waren nach dem Abgang aus Kanzleramt und Bundestag nicht mehr wirklich seine Sache. Auf Parteitagen erschien er nur sehr selten.

Gleichwohl weiss Schmidt seine Sozialdemokraten immer wieder zu überraschen. So versetzte er sie gehörig in Aufregung, als er schon 2011 für den Hamburger Peer Steinbrück als Kanzlerkandidaten für die Wahl 2013 aussprach.

Bekanntlich haben sich die Menschen in Deutschland für Merkel entschieden. Für den überzeugten Raucher Schmidt, der wegen des künftigen Verbots von Menthol-Zigaretten angeblich rund 200 «Reyno«-Stangen in seinem Haus hortet, dürfte das aber kein Problem sein.

Er denkt sowieso lieber in grossen weltgeschichtlichen Linien, referiert gern etwa über Syrien oder Europa, um danach - wie zuletzt bei seinem einzigen grossen Wahlkampfauftritt für die SPD in Brandenburg - zu sagen: «Sie haben einem uralten Mann zugehört. Sie müssen ihn nicht unbedingt ernst nehmen.» (kpn/sda)

Erstellt: 23.12.2013, 18:49 Uhr

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