Porträt

Die Abschafferin

Frankreichs Ministerin für Frauenrechte, Najat Vallaud-Belkacem, gilt als politische Aufsteigerin. Sie war die treibende Kraft hinter dem neuen Prostitutionsgesetz.

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Als es dann endlich ernst galt, sass Najat Vallaud-Belkacem plötzlich im Parlament – lächelnd, ein bisschen triumphierend gar. Es war ja auch ein Coup, gewissermassen ihre Reifeprüfung. Wochenlang hatte sie andere debattieren, sich echauffieren lassen und arbeitete selber im Hintergrund, wirkte auf die Abgeordneten ein, bis die Parlamentsmehrheit für das neue Prostitutionsgesetz gesichert war. Die 36-jährige französische Ministerin für Frauenrechte, eine politische Aufsteigerin in einer Regierung mit sinkenden Popularitätswerten, wollte dieses Gesetz mit aller Kraft. Ihr Paradesatz geht so: «Nach der Abschaffung des Sklavenhandels müssen wir die Prostitution und den Handel mit Prostituierten abschaffen.»

Der Satz ist als Maxime formuliert, als Ideal gegen den Fatalismus. Najat Vallaud-Belkacem gehört ins Lager der «abolitionnistes», der Abschaffer. Nicht dass sie glauben würde, das Gewerbe werde von heute auf morgen verschwinden. Sie fragt nur sehr grundsätzlich und rhetorisch: «Was rechtfertigt es, dass Frauen Preisschilder tragen – wie Tiere, wie Lebensmittel?» Ihr Diskurs erinnert stark an jenen der deutschen Feministin Alice Schwarzer. Und da bisher nichts gewirkt hat im Kampf gegen die Ausbeutung der zumeist ausländischen, von Zuhälterbanden in unwürdigen Konditionen gehaltenen Frauen, will es Frankreich nun also mit der Bestrafung der Freier versuchen.

Das Geheiss aus dem Elysée

Bei der gestrigen Abstimmung in der Assemblée Nationale haben 268 Abgeordnete für das neue Gesetz gestimmt und 138 dagegen. Nun muss es noch in den Senat. Eine Mehrheit ist auch dort absehbar. Und so dürften in Frankreich bald einmal Freier mit einer Busse von 1500 Euro belegt werden, die in flagranti erwischt werden, wie sie Sex kaufen. Die Norm lehnt sich an das Vorbild aus Schweden an, wo es ein ähnliches Gesetz schon seit 1999 gibt. Mit einem neuen Fonds soll Prostituierten in Frankreich dabei geholfen werden, das Milieu zu verlassen, einen Job und eine Wohnung zu finden. Da es sich bei den meisten der rund 20'000 bis 40'000 Prostituierten um Ausländerinnen ohne gültige Papiere handelt, stellt Paris den ausstiegsbereiten unter ihnen Aufenthaltsbewilligungen in Aussicht.

Die anfängliche Zurückhaltung war der Ministerin von ganz oben empfohlen worden, aus dem Elysée. François Hollande wollte nicht, dass sich seine Regierung in dieser kontroversen Debatte allzu sehr exponiert. Wahrscheinlich wollte er auch seine jüngste Ministerin vor der Vehemenz einer solch polarisierenden Gesellschaftsreform schützen, wobei nicht ganz klar ist, ob die ambitiöse Frau diesen Schutz noch braucht. Sie hat eine spannende Geschichte, eine jener Geschichten, die den Glauben an die Integrationskraft der Republik und an die Leistungsgesellschaft gerade in Zeiten aufsteigender Rechtspopulisten stärken könnte.

Najat Belkacem kam in einem Bauerndorf im Norden Marokkos auf die Welt. Ihr Vater fand als Bauarbeiter im Norden Frankreichs einen Job und holte die Familie nach, als seine Zweitgeborene von sieben Kindern fünf Jahre alt war. Französisch musste Najat erst lernen. Eingebürgert wurde sie mit 18, behielt aber auch den marokkanischen Pass. Die republikanische Schule, sagte sie später, sei ihre grosse Chance gewesen. Najat Belkacem studierte Rechtswissenschaften, absolvierte dann die Eliteuniversität Sciences Po, wo sie ihren Mann, Boris Vallaud, kennen lernte.

Der Ausrutscher gegen Sarkozy

Als es Jean-Marie Le Pen zum Schock vieler 2002 in die zweite Runde der Präsidentschaftswahl schaffte, schrieb sich die junge Juristin in der Parti Socialiste ein und diente dann einige Jahre lang als Beraterin dem Bürgermeister von Lyon, Gérard Collomb, ihrem Mentor. Der nationale Durchbruch gelang ihr 2007, als Ségolène Royal sie zur Sprecherin ihrer Präsidentschaftskampagne machte. Sie wollte nicht als Ikone der kulturellen Vielfalt gelten, nicht als «linke Rachida Dati», wie sie die Medien nannten, obschon ihr familiärer Hintergrund natürlich zum auffälligen Symbol gereichte. Sie bewegte sich immer ganz geschmeidig im Haifischbecken der französischen Politik, mit jugendlicher Frische und Mediengewandtheit.

Nur ein einziges Mal rutschte ihr ein unschöner, überzogen aggressiver Vergleich heraus: Nicolas Sarkozy, sagte sie, als der noch Präsident war, sei eine «Mischung aus Berlusconi und Putin». An solchen Sätzen sind schon Karrieren zerbrochen. Als Hollande an die Macht kam, war sie wieder voll da. Neben dem fachspezifischen Ressort der Frauenrechte trug man Najat Vallaud-Belkacem auch das Amt der Regierungssprecherin auf. Die Franzosen sehen sie deshalb oft am Fernsehen. Einfach ist das Vermitteln von Hollandes Politik nicht. Sie kontert kritische Fragen gern mit einem gelassenen Lächeln. Die Karriere hat eben erst begonnen.

Erstellt: 05.12.2013, 06:53 Uhr

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