«Die Angst ist immer da»

Die Zahl rassistischer Gewalttaten in Griechenland explodiert geradezu. Die Übergriffe werden immer brutaler. Von eigenen Existenznöten geplagt, scheinen viele Griechen nach Sündenböcken zu suchen.

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Für den jungen Mann aus Bangladesh kam der Angriff aus heiterem Himmel. Als der 28-Jährige neulich nachmittags in Mülltonnen nach Altmetall suchte, fielen zwei Frauen und ein Mann mit dem Messer über ihn her. Mit einer klaffenden Wunde im Bein kam er ins Spital.

Für die ermittelnde Polizei ist es ein weiterer Fall rechtsextremistischer Gewalt, wie sie im krisengeplagten Griechenland immer weiter zunimmt. Die Zahl rassistischer Gewalttaten ist Menschenrechtsgruppen zufolge im letzten Jahr geradezu explodiert – mit einem bemerkenswerten Anstieg seit den Wahlen im Mai und Juni, bei denen die rechtsextreme Partei Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte) kräftig zulegte.

Auch die Brutalität der Angriffe eskaliere: Waren es anfangs noch einfache Faustschläge, würden Einwanderer mit dunkler Hautfarbe inzwischen mit Messern und zerbrochenen Flaschen, mit Holzprügeln und Eisenstangen böse zugerichtet. Neuerdings werden auch bissige Hunde benutzt, die Opfer zu terrorisieren. «Die Gewalt wird immer ungezügelter, und die Angriffe laufen immer nach dem gleichen Muster ab, begangen von Gruppen auf ziemlich organisierte Art und Weise», berichtet der frühere Vorsitzende der griechischen Menschenrechtskommission, Kostis Papaioannou.

Sündenböcke gesucht

Im dritten Jahr der Krise hat der Lebensstandard des griechischen Normalbürgers deutlich gelitten. Ein Viertel der Erwerbsfähigen ist arbeitslos, unter den jungen Leuten sogar mehr als die Hälfte. Immer mehr Menschen können sich Güter des täglichen Bedarfs und Gesundheitsleistungen nicht mehr leisten.

Raubüberfälle und Einbrüche sind alltäglich. Ausländer, wie sie zu Hunderttausenden ein besseres Leben in der EU suchen, kommen da als Sündenbock gerade recht. In Ambulanzen von Hilfsorganisationen berichten manche Opfer, wie sie beinahe gelyncht wurden. Andere haben Angst zu sagen, was genau passiert ist – und noch mehr Angst, zur Polizei zu gehen. «Jeden Tag sehen wir jemanden, der über rassistische Gewalt klagt», sagt Nikitas Kanakis, Leiter der griechischen Sektion von Ärzte der Welt.

Opfer schweigen

Zahlen sind schwer zu nennen, da fremdenfeindliche Übergriffe nicht gesondert erfasst werden. Um dem abzuhelfen, versuchen Menschenrechts- und Hilfsorganisationen, die Gewalt zu dokumentieren. Von Januar bis September zählten sie 87 Fälle rassistischer Angriffe, gehen aber davon aus, dass die tatsächliche Zahl in die Hunderte geht.

«Meistens wollen die Opfer nicht darüber reden; sie fühlen sich nicht sicher», erklärt Kanakis. «Die Angst ist immer da, und das ist das grössere Problem.» Dieses Gefühl kennt Frances Williams, der die kleine tansanische Gemeinde von etwa 250 Leuten führt, nur zu genau. «Die Menschen haben grosse, grosse Angst», sagt er. Selbst wenn er nur nebenan Brot kaufen gehe, sei er «nicht sicher, dass ich wieder heil nach Hause komme». Das Kulturzentrum der Tansanier wurde vor einigen Wochen von einem Schlägertrupp heimgesucht.

Massiver Aufschwung

Die einstige Splitterpartei Goldene Morgenröte erlebt einen massiven Aufschwung, wie die Wahlen zeigten: Von unter einem halben Prozent 2009 legte sie im Juni auf fast sieben Prozent zu und errang 18 Parlamentssitze.

Die Partei mit dem Motto «Blut, Ehre, Goldene Morgenröte» und dem Wahlversprechen, «mit dem Gestank aufzuräumen», macht kein Hehl aus ihren Ansichten über Ausländer: Alle sind illegal im Land und müssen abgeschoben werden, die Landesgrenzen sind mithilfe von Landminen und Militär abzuriegeln, und wer Ausländer beschäftigt oder ihnen eine Wohnung vermietet, gehört bestraft.

Die Goldene Morgenröte bestreitet nachdrücklich, etwas mit ausländerfeindlichen Übergriffen zu tun zu haben. «Die einzigen rassistischen Angriffe, die es in Griechenland in den letzten Jahren gab, sind die Angriffe, die illegale Einwanderer gegen Griechen verüben», sagt der Abgeordnete Ilias Panagiotaro. Seine Partei führe einen «völlig legitimen politischen Kampf» im Parlament und an der Basis.

«Das geht uns alle an»

Die Taktik – armen Griechen mit Lebensmitteln zu helfen und jenen Schutz zu versprechen, die sich von der Polizei nicht beschützt fühlen – zieht. Jüngste Umfragen zeigen Zustimmungswerte von neun bis zwölf Prozent.

Ende August begann sich die Regierung des Themas illegale Einwanderung anzunehmen, bis Anfang November waren über 48'000 Menschen festgenommen und 3672 davon verhaftet. Menschenrechtsgruppen warnen bereits davor, dass die Übergriffe sich allmählich auf alle Andersdenkenden ausweiten. Die Gesellschaft müsse begreifen, dass der Aufstieg der extremen Rechten nicht nur Migranten betreffe, sagt Kanakis: «Das geht uns alle an. Das ist ein Problem der Demokratie im Alltag.»

Erstellt: 12.11.2012, 23:54 Uhr

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