Die Anti-Atom-Sexbombe

Für ein Atom-Veto darf Deutschlands Bundespräsident mit Charlotte Roche ins Bett. Kreativität, die unter der Gürtellinie spielt, ist das Markenzeichen der einstigen Viva-Starmoderatorin.

Hat ein unmoralisches Angebot gemacht: Autorin und Schauspielerin Charlotte Roche.

Hat ein unmoralisches Angebot gemacht: Autorin und Schauspielerin Charlotte Roche. Bild: Keystone

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Eine originelle Meldung lockerte gestern Deutschlands verhärmte und verhärtete Politik kurz mal auf: Sozusagen von Mensch zu Mensch schlägt Charlotte Roche (32) dem Bundespräsidenten Christian Wulff (51) einen Handel vor. Wulff soll das umstrittene Gesetz über längere Laufzeiten für Atomkraftwerke nicht unterzeichnen. Dafür stellt Atomkraftgegnerin Roche in Aussicht, «mit ihm ins Bett zu gehen».

Nichts mit Verklemmtheit zu tun

Kreativität, die unter der Gürtellinie spielt, ist das Markenzeichen der einstigen Viva-Starmoderatorin. Ihr Roman «Feuchtgebiete» hat sich seit 2008 weit über eine Million Mal verkauft – obwohl oder gerade weil sich in dem Buch die Tabubrüche häufen: Da geht es um Intimrasuren, Analfissuren, Hämorrhoidenoperationen, aber auch um Selbstbefriedigung per Avocadokern und Mukophagie – an dieser Stelle ist man froh, dass das Fremdwort unverständlich ist.

Ob sie sich als Feministin verstehe, wurde Roche, eine in England geborene Deutsche, die inzwischen auch Mutter ist, einmal gefragt. Sie bejahte, machte aber auch klar, dass das nichts mit Verklemmtheit und Sexfeindlichkeit zu tun habe. Sie lege im Gegenteil wert darauf, eine sexpositive Feministin zu sein.

Dieser Tage münzt Roche das Credo in eine politische Aktion um. Grundsätzlich ist ihre Methode nicht neu; des Öfteren brauchten und brauchen Frauen in Situationen gefühlter oder realer Ohnmacht den eigenen Körper als politisches Vehikel. Soeben demonstrierten junge Ukrainerinnen gegen die prorussische Ausrichtung ihrer Regierung. Sie taten es oben ohne mit dem an den Innenminister gerichteten Spruch: «Mogilew, nimm mich!»

Demonstratives Stillen

Überhaupt sind Brüste erstaunlich wirksam. Studentinnen, die sich die alten Bildungsbürger wegwünschten, streckten 1969 an der Frankfurter Uni dem grossväterlichen Neomarxisten Theodor Adorno den blanken Busen entgegen; der eilte katastrophiert von dannen.

Spanierinnen erkämpften sich Mitte der 70er-Jahre die gesellschaftliche Entspannung am Strand, indem sie in Massen den Bikini auszogen. Und 2006 veranstalteten Amerikanerinnen auf 30 Flughäfen ein «Nurse-in»: Nachdem eine junge Mutter wegen Stillens aus dem Flugzeug gewiesen worden war, stillten sie demonstrativ öffentlich. Die Fluggesellschaft musste sich schliesslich entschuldigen. 1999 zogen sich Aktivistinnen am Bundeswehrgelöbnis gar ganz aus – für ein entmilitarisiertes Berlin.

Wenn Frauen mit ihrem Leib Politik machen, dann tun sie es aber ebenso oft durch Entzug desselben. Berühmt ist die Komödie «Lysistrata» von Aristophanes aus dem kriegsgeschüttelten alten Griechenland. Die Frauen Athens und Spartas verbünden sich hinter dem Rücken ihrer militanten Männer, um Frieden zu erlangen. Sie verweigern den Beischlaf.

Nur vordergründig schlüpfrig

1986 traten 100 Engländerinnen aus Little Wymondley in einen Koitus-Streik, um für ihr Dörflein eine Umfahrungsstrasse zu erzwingen. 2008 taten Türkinnen im Süden des Landes dasselbe für eine bessere Trinkwasserversorgung, ihr Motto lautete: «Bis das Wasser im Dorf ankommt, geht die Bestrafung der Männer weiter.» Ein Jahr später riefen kenianische Frauen den Sexstreik aus, um die Politiker zur Überwindung einer peniblen Koalitionskrise zu, sagen wir, motivieren.

Sexpositiv und sexnegativ sind Kehrseiten einer Medaille: Frauen nutzen ihr handfestes Männerlenkungspotenzial. Was Charlotte Roche angeht, hat sie ihre Offerte noch verfeinert. Weil Christian Wulffs Gattin bekanntlich tätowiert ist, stellte sie klar: «Ich habe auch Tattoos.»

Das alles sei im Übrigen mit ihrem Ehemann abgesprochen, betonte Roche. Dieser mag sich damit trösten, dass die Angelegenheit nur vordergründig schlüpfrig-unmoralisch ist; letztlich handelt es sich ja um einen moralischen Zweck. Und natürlich wird es bei der Rhetorik bleiben. Aber das unanständige Angebot ist clevere Anti-AtomPropaganda. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.11.2010, 08:21 Uhr

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