«Die Deutschen haben Warschau richtiggehend ausgelöscht»

Vor 75 Jahren schlugen die Nazis den Warschauer Aufstand nieder. Historiker Krzysztof Ruchniewicz über das Ereignis.

Eine kranke Frau wird während des Warschauer Aufstands in einem Liegestuhl abtransportiert. Foto: Ullstein (Getty Images)

Eine kranke Frau wird während des Warschauer Aufstands in einem Liegestuhl abtransportiert. Foto: Ullstein (Getty Images)

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Die Erinnerung an den Warschauer Aufstand spielt eine grosse Rolle in Polen. Wie haben Sie davon erfahren?
Durch meine Grossmutter, eine Zeitzeugin. Gemeinsam mit ihren Töchtern, darunter meine Mutter, hat sie während der deutschen Besatzung in Warschau gewohnt und den Aufstand miterlebt und auch durchlitten. Meine Mutter konnte über die Erlebnisse nicht reden, sie war zu traumatisiert. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist die Familie umgezogen ins bis dahin deutsche Niederschlesien. Denn in der Hauptstadt war die Wohnung zerstört, wie fast alles.

Die Deutschen haben Warschau damals in weiten Teilen in Schutt und Asche gelegt.
Das kann man wohl sagen! Zu Beginn des Weltkriegs gab es schon Zerstörungen, während des Ghetto-Aufstands 1943 noch mehr, beim Warschauer Aufstand 1944 wurden dann ganze Teile der Stadt vernichtet. Was noch übrig war, gerade an wichtigen Gebäuden für die Kultur wie Bibliotheken, sprengten und verbrannten die Deutschen anschliessend. Die Deutschen haben Warschau regelrecht ausgelöscht, die meisten Bewohner wurden anschliessend in alle Himmelsrichtungen vertrieben oder zu Arbeitssklaven gemacht.

Wie wirkte sich diese Zeit auf das polnische Selbstverständnis aus?
Viele Polen waren von dem Tod der Nächsten seelisch erschüttert. Ausserdem der Verlust von wichtigem Kulturgut und Kunstschätzen, der baulichen Substanz der Hauptstadt, die schrecklichen Jahre der deutschen Besatzung mit den unzähligen Toten, all das hat sich tief ins kollektive Gedächtnis eingegraben. Das, was sich über Jahrhunderte angesammelt hatte, hörte damals auf zu existieren.

Wie hat die Erinnerung an den Warschauer Aufstand die Sicht auf die Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg geprägt?
Zunächst hat das keine grosse Rolle gespielt, weil man auf sich geschaut und die Toten beweint hat. Allerdings wurde in Polen sehr genau registriert, wie man mit den Hauptverantwortlichen auf deutscher Seite umgegangen ist. Der SS-General Erich von dem Bach-Zelewski, der die Niederschlagung des Aufstands befehligte, wurde dafür nach dem Krieg nicht angeklagt. Heinz Reinefarth, ein weiterer SS-Kommandeur, der den Befehl zur Ermordung von Zehntausenden Zivilisten im Warschauer Viertel Wola gab, machte später politische Karriere in der Bundesrepublik.

Wurde in der kommunistischen Zeit über die 63 Tage des Aufstands gesprochen?
Offiziell kaum, das Gedenken lief eher privat ab. In meiner Schulzeit wurde dieses Kapitel nur ganz am Rande erwähnt, was wenig verwundert: Denn Moskau hat die polnischen Widerstandskämpfer 1944 bewusst nicht unterstützt – sie hatten vor den Toren Warschaus gewartet, bis der Aufstand ausblutete. Nach dem Krieg haben die polnischen Kommunisten dafür gesorgt, dass die Veteranen des Warschauer Aufstands verfolgt und hingerichtet wurden. Erst mit Aufkommen der oppositionellen Solidarnosc-Bewegung 1980 habe ich Zugang gehabt zur «verbo­tenen Literatur», die sich eingehend mit dem Warschauer Aufstand befasst hatte. Auf diese Weise haben wir die andere Seite der Geschichte kennen gelernt – die, die nicht vom kommunistischen Regime manipuliert und zensiert war.

Und wie wurde das Thema in der DDR und der Bundesrepublik behandelt?
Es fand wenig Beachtung, auch nach dem Ende des Kalten Kriegs. Wenn man sich mit Polen im Zweiten Weltkrieg beschäftigte, dann lag der Fokus meistens auf dem Überfall 1939 und natürlich auf den deutschen Vernichtungslagern wie Auschwitz. Ausser einem kleinen Kreis von Spezialisten kannte sich kaum jemand aus. Der Auftritt des damaligen Bundespräsidenten Roman Herzog 1994 veranschaulichte, wie wenig man sich in Deutschland mit unserer Geschichte beschäftigt hatte. Denn Herzog verwechselte bei einer Rede den Warschauer Aufstand von 1944 mit dem Aufstand im Warschauer Ghetto von 1943.

Sie sehen noch Aufarbeitungsbedarf?
Ja, aber nicht nur wegen des Aufstands. Die gesamte Geschichte Polens vom Kriegsausbruch 1939 bis zum Angriff des Deutschen Reichs auf die Sowjetunion 1941 sollte eingehender erforscht werden: die Verfolgung der polnischen Intelligenz durch die deutschen und sowjetischen Besatzer, auch die Deportationen von polnischen Bürgern in das Innere der Sowjetunion. Es gibt noch sehr viel Nachholbedarf.

Welche Rolle spielt die Erinnerung an den Aufstand heute in der polnischen Innenpolitik?
Da gibt es einen wichtigen Punkt: die Debatte, ob Deutschland verpflichtet ist, für die Verluste von damals Entschädigungen zu zahlen. Es gibt verschiedene Studien zur Höhe der Reparationen, das Ergebnis einer Kommission zum Thema soll in den kommenden Wochen veröffentlicht werden.

Das Thema nutzen auch Nationalisten, was in Deutschland viele beunruhigt.
Die innenpolitischen Debatten mit Vergangenheitsbezug werden bei uns teilweise sehr emotional geführt. Aber das sollte man nicht als irgendein innerpolnisches Phänomen abtun. Man kann die Empfindungen besser verstehen, wenn man sich endlich eingehender mit dem Schicksal der polnischen Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg und danach beschäftigt.

Erstellt: 01.08.2019, 20:27 Uhr

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Am 1. August 1944 begann in Warschau ein Aufstand der polnischen Untergrund-armee Armia Krajowa (Polnische Heimat-armee) gegen die deutschen Besatzer, die das Land 1939 überfallen hatten. Einer ihrer bekanntesten Oberkommandierenden war Tadeusz Komorowski, der einem polnischen Adelsgeschlecht entstammte und in der österreichischen Armee gedient hatte. Mit äusserster Brutalität schlugen die Deutschen den Warschauer Aufstand nieder. Systematisch zerstörten sie ganze Viertel der polnischen Hauptstadt, auch Frauen und Kinder wurden bestialisch ermordet. Nach 63 Tagen war der Versuch der Polen, die Truppen Hitlerdeutschlands zu vertreiben, gescheitert. Bis zu eine Viertelmillion Menschen waren tot.

Die übrige Bevölkerung vertrieben die Deutschen aus der Stadt – darunter auch die Grossmutter und die Mutter von Krzysztof Ruchniewicz. Der 1967 in Wroc?aw, dem früheren Breslau, geborene Historiker hat sich eingehend mit der deutsch-polnischen Geschichte beschäftigt. Seit Anfang der 1990er-Jahre hat er einen Lehrauftrag an der Universität seiner Heimatstadt. Inzwischen ist Ruchniewicz dort Professor für Zeitgeschichte und Direktor des dortigen Willy-Brandt-Zentrums für Deutschland- und Europastudien.

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