Die Diktatur der Software

Bei der Sperrung des Luftraums stützten sich die Entscheidungsträger auf Simulationsmodelle. Das Vorgehen bei der Aschewolke ist kein Einzelfall. Eine Analyse.

Wannn versinkt Europa im Chaos? Wenn ein Vulkan Asche spuckt.

Wannn versinkt Europa im Chaos? Wenn ein Vulkan Asche spuckt.

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Wer die Dominanz der Wirtschaft über die Politik beklagt, dem spendeten die Tage unter der Aschewolke vielleicht Trost. Per Behördenentscheid wurde in Europa ein ganzer Industriezweig am Boden gehalten. Die Klage der Fluggesellschaften über tägliche Einbussen von 200 Millionen Euro hatte keinen Einfluss. Für einmal mussten die wirtschaftlichen Interessen hinter anderen zurückstehen, in diesem Fall der Sicherheit. Doch war die Politik tatsächlich so unabhängig, wie es auf den ersten Blick scheint?

«Wenn ich bei allerbestem Wetter den blauen Himmel sehe, dann müsste die Existenz einer gefährlichen Aschewolke erst verifiziert werden», forderte Werner Knorr, Pilotenchef der Lufthansa, in der «Frankfurter Allgemeinen». Gewiss: Knorr ist ein Interessenvertreter und seine Kritik am Flugverbot deshalb durchsichtig. Trotzdem legt er den Finger auf einen interessanten Punkt: Die Wolke, die den Luftverkehr lahmlegte, bestand nicht aus sichtbarer Asche und Staub, sondern aus virtuellen Daten.

Modellrechnungen statt Wissen

Nicht durchgeführte Messungen, ob die vom Vulkan unter dem Eyjafjalla-Gletscher ausgestossenen Partikel tatsächlich Flugzeuge zum Absturz bringen können, führten zum Flugverbot, sondern Computersimulationen. Sie spuckten Informationen aus, gemäss denen eine Gefahr für die Triebwerke bestand. Die Software dazu lieferte eine britische Firma.

Es war dies nicht das erste Mal, dass sich Entscheidungsträger auf Modellrechnungen abstützten. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) vertraute letztes Jahr bei ihren Prognosen zur Schweinegrippe ebenfalls auf Computersimulationen. Die Berechnungen liessen Dramatisches befürchten, sodass die WHO die höchste Warnstufe ausrief. Die Folgen sind bekannt: Die Gesundheitsbehörden aller Länder kauften mehr als 1 Milliarde Dosen Impfstoff. Davon profitierte die Pharmaindustrie, während die Pandemie bisher glimpflich verlief.

Druck massiv erhöht

Die Entscheidungsträger orientierten sich in beiden Fällen am Grundsatz «Sicherheit zuerst». Sie liessen sich nicht von jener Art Kritik beeinflussen, die im Nachhinein immer recht behält: Tritt die Katastrophe ein (Flugzeugabsturz), sagen die Kritiker: Man hätte mehr tun müssen (Flugraum sperren). Läuft die Pandemie glimpflich ab, beanstanden sie die umfangreichen Vorkehrungen.

Allein die Möglichkeit, mittels Softwareprogrammen die Gefahren zu berechnen, hat den Druck auf die Entscheidungsträger bereits massiv erhöht. Wer möchte schon die Verantwortung für Entscheide übernehmen, die gegen die Resultate von Computern gefällt wurden? Wer Schadenersatzklagen vermeiden will, vertraut besser auf die unerbittliche Logik der Mathematik. «Die Fähigkeit vieler Organisationen, mit Krisen umzugehen, hält nicht Schritt mit den Möglichkeiten, Auswirkungen von Krisen zu prognostizieren», schreibt die «Süddeutsche Zeitung» dazu.

Totale Sicherheit?

Dieses Dilemma wird sich nicht auflösen lassen. Heisst das, dass wir in Sicherheitsfragen auf alle Zeiten Sklaven von Softwareprogrammen sein werden? Die Entwicklung jedenfalls geht in diese Richtung und weitet sich auf immer neue Lebensbereiche aus. In Florida beispielsweise errechnet neuerdings eine Software die soziale Prognose straffälliger Jugendlicher: Sie macht Aussagen über die Wahrscheinlichkeit, dass die Täter rückfällig werden, was wiederum das Strafmass, die Haftbedingungen sowie den Zeitpunkt der Entlassung beeinflusst. Für Erfahrung und Intuition, also den sogenannten gesunden Menschenverstand, bleibt immer weniger Raum.

Denken in Wahrscheinlichkeiten

Die Entscheidungsträger können ihre Autonomie erst dann zurückgewinnen, wenn sich die Erwartungen bezüglich Sicherheit ändern. Wenn also nicht mehr davon ausgegangen wird, dass in jedem Lebensbereich zu jedem Zeitpunkt totale Sicherheit herrschen soll. Doch wie lässt sich auf die Vollkasko-Mentalität einwirken?

Albert Einstein würde in dieser Frage für ein Denken in Wahrscheinlichkeiten plädieren. Konkret: Wer vor der Zahl der Toten durch das Schweinegrippevirus warnt, sollte dazu die Zahl der Infizierten ins Verhältnis setzen. Und wer über die Rückfallgefahr von Straftätern redet, sollte auch sagen, wie viele tatsächlich wieder Verbrechen begangen haben. Erst das erlaubt Aussagen über eine wirkliche Bedrohung der Bevölkerung oder einzelner Risikogruppen. Computerprogramme bieten übrigens auch keine totale Sicherheit, sondern schaffen lediglich die Illusion von Sicherheit: Gerne geht vergessen, dass sie keine Tatsachen liefern, sondern Modelle.

Ein Leben in totaler Sicherheit ist ohnehin nicht erstrebenswert. Man würde keine Häuser mehr bauen, denn diese können jederzeit einstürzen. Wegen Brandgefahr dürfte man auch keine Elektrizität gebrauchen. Und in ein Flugzeug würde auch niemand mehr steigen: Es kann abstürzen, selbst wenn keine vulkanische Aschewolke am Himmel hängt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.04.2010, 11:25 Uhr

«Tages-Anzeiger»-Autor Dario Venutti.

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