Die Eliten haben Marine Le Pen den Aufstieg leicht gemacht

Visionslos und reformschwach: Frankreichs Polit-Establishment ist dramatisch gescheitert.

Sie überstrahlt derzeit alle: Marine Le Pen vom rechtsradikalen Front National (FN) feiert den Triumph ihrer Partei in den Europawahlen. Foto: EPA, Keystone

Sie überstrahlt derzeit alle: Marine Le Pen vom rechtsradikalen Front National (FN) feiert den Triumph ihrer Partei in den Europawahlen. Foto: EPA, Keystone

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Das Denkwürdigste ist, dass niemand erstaunt ist. Niemand in Frankreich kann behaupten, er habe die Welle nicht kommen sehen, die das Land nun mächtig überrollt – weder die Politik noch die Medien noch weniger die Bürger. Seit einigen Jahren schon pflanzt sich der rechtsextreme Front National (FN) mitten ins Herz der kriselnden Republik. Schlägt Wurzeln. Bewässert sie mit einem neu dosierten Diskurs aus Nationalpopulismus und Abschottungsmythos. Und erreicht so viele Enttäuschte und Marginalisierte. Sein Triumph bei den Europawahlen war so absehbar, dass man sich unter Demoskopen seit einem Jahr lediglich fragte, ob es der FN auf 22, 23 oder 24 Prozent bringen würde. Es wurden 25 Prozent. Von Tsunami zu reden, wie das französische Zeitungen tun, ist geheuchelt. Ein Tsunami kommt ­überraschend.

Als es Jean-Marie Le Pen 2002 in die zweite Runde der Präsidentschaftswahl schaffte, war noch ein schöner Teil der Franzosen geschockt. Auch Le Pen senior selber war wie versteinert, weil er, im Gegensatz zu seiner Tochter Marine, nie an die Macht wollte. Ihm genügte diese Rolle als wüster Berserker, als extremer Systemkritiker. Es gab damals spontane Strassenkundgebungen gegen den FN. Junge, Linke, Liberale – alle vereint gegen das Monster. Die Welt schaute nach Paris und fand, ja, so kenne man die Franzosen: in ständiger Revolte gegen böse Geister.

Nun passiert gar nichts. Viele jener Leute, die vor zwölf Jahren auf die Strasse gegangen wären, wählen heute FN. Und stehen offen dazu. Man braucht nur bei den Versammlungen der Partei reinschauen, mit dem Publikum reden: Da versteckt sich niemand mehr, da gilt «Marine» als legitime Alternative zur herkömmlichen politischen Klasse, als einzige Hoffnung gar. Es ist eine verzweifelte Hoffnung, geboren im Verdruss über das Establishment. Aber sie treibt die Leute in die Wahllokale. Bei den unter 35-Jährigen brachte es die Partei bei der Europawahl auf einen Anteil von 30 Prozent. Und unter den Arbeitern, der früheren Stammklientel der Linken, liegt die Quote gar bei 43 Prozent.

Sie muss (noch) nicht regieren

Natürlich hat dieser Aufstieg viel mit der Krise zu tun, in der Frankreich steckt. Seit sechs Jahren stagniert die nationale Wirtschaft; stolze Grossunternehmen werden ins Ausland verkauft; die Arbeitslosigkeit steigt. Da setzt Marine Le Pen an. Anders als ihr Vater, der am liebsten mit Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit polterte, ergänzt sie ihre eigene Islamfeindlichkeit mit einem wirtschaftspolitischen Programm. Ökonomen halten ihre Rezepte wahlweise für verrückt oder selbstmörderisch. Doch das kümmert sie nicht: Sie muss ja nicht regieren, jedenfalls noch nicht.

Neben der konjunkturellen Deutung von Le Pens Sieg gibt es auch eine politische und kulturelle: Das Establishment, das bürgerliche wie das linke, hat ihr den Aufstieg leicht gemacht, ihn sogar eigenhändig befördert. Die mächtigen Eliten, ausgebildet an denselben Schulen, bewegen sich auch in denselben Pariser Clubs und Zirkeln, unter Kronleuchtern, in extremer Selbstbezogenheit. Sie leiden an einer fatalen Verkennung der nationalen Verfassung. Die Diskrepanz zwischen Selbstbild und Realität ist mittlerweile so gross, dass jede Beschwörung der Grösse des Landes, mag sie auch als Motivationsritual gedacht sein, dumpf und nostalgisch scheppert. Zumal in den Ohren der Franzosen.

Tatsache ist, dass Frankreichs Eliten versagt haben, politisch und moralisch. Seit geraumer Zeit fehlt es an grossen Visionen, mit denen sich das Land aufrichten und das trübe Gerede der Le Pens kontern liesse. Stattdessen werden aus ihren Reihen fast wöchentlich neue, niedere Skandale bekannt. Vor allem aber fehlt es diesen Eliten am Mut zu Reformen, die man dem reformrenitenten Volk behutsam erklären und notfalls abringen müsste.

Hollande im Fokus der Kritik

Im Fokus der Kritik steht nun François Hollande. Und zu Recht. In nur zwei Jahren hat der Sozialist alle Volksgunst verspielt: 18 Prozent Popularität. So unbeliebt war seit 1958 kein Präsident vor ihm. Sein sozialdemokratischer Reformkurs zeigt zwar in die richtige Richtung. Doch er kann ihn nicht erklären, er durchdringt ihn nicht mit seiner Person, wie man das in Frankreich von einem grossen Präsidenten erwartet. Vor ihm war Nicolas Sarkozy kläglich gescheitert. Dabei hatte dessen Mandat in besseren Zeiten begonnen, mit mehr Rückhalt und Gestaltungsmöglichkeiten. Doch auch er reformierte das Land nicht. Er politisierte nur. Und wie radikal er politisierte! Le Pen wird nicht müde, sich öffentlich bei Sarkozy dafür zu bedanken.

Um Präsident zu werden, wandte Sarkozy eine Taktik an, dem FN Wähler «abzusaugen» – «siphonner», nannte er es. Er musste dafür nur die Eingeweide der Frontisten massieren. Gegen Ende seiner Amtszeit befreite er mit hetzerischen Reden gegen Roma und Einwanderer den fremdenfeindlichen Diskurs so sehr, dass er heute nur noch banal wirkt. Wenn das Elysée schon so redet, sagten sich die Wähler fortan, warum soll nicht auch der FN, gewissermassen das Original des Genres, so reden dürfen. Sarkozy hat die Le Pens aus der Isolation geholt – ein weiterer Beleg für die Einfallslosigkeit der Eliten.

Seither bröckeln die Dämme. Viele wählen nur noch das Original. Und die Welle rollt recht ungebremst.

Erstellt: 26.05.2014, 23:07 Uhr

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