«Die England-Schweizer sind gegen den Brexit»

Tausende Schweizer leben in Grossbritannien. Wie stehen sie zum Brexit? Antworten von der Pfarrerin der Schweizer Kirche in London.

Carla Maurer ist seit drei Jahren Pfarrerin der Schweizer Kirche in London: Diese wurde im 18. Jahrhundert von Auswanderern aus der Schweiz gegründet. (Bild: Luca De Carli)

Carla Maurer ist seit drei Jahren Pfarrerin der Schweizer Kirche in London: Diese wurde im 18. Jahrhundert von Auswanderern aus der Schweiz gegründet. (Bild: Luca De Carli)

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Es werden immer mehr. Im Jahr 2015 lebten laut der Auslandschweizerstatistik bereits rund 34'000 Schweizerinnen und Schweizer in Grossbritannien. Zum Vergleich: In der Schweiz leben aktuell etwas über 40'000 Britinnen und Briten. Zwei Drittel der Schweizer im Vereinigten Königreich sind Doppelbürger und können damit am Donnerstag ebenfalls über den Brexit abstimmen.

Was sind die Erwartungen der England-Schweizer vor dem historischen Tag? Tagesanzeiger.ch/Newsnet hat dazu Carla Maurer befragt. Sie ist reformierte Pfarrerin in der Schweizer Kirche in London:

Frau Maurer, welche Signale haben Sie aus Ihrer Gemeinde erhalten? Würden die Schweizer dem Brexit zustimmen?
Das EU-Referendum beschäftigt vor allem die jüngere Generation der Auslandschweizer, jene, die noch voll im Berufsleben stehen. Von ihnen ist die Mehrheit klar gegen den Brexit.

Warum gerade die jüngere Generation?
Die jungen Auslandschweizer kommen aus beruflichen Gründen oftmals nur für wenige Jahre nach Grossbritannien und ziehen danach in ein anderes Land weiter. Das gilt insbesondere für die Region London. Sie fürchten, dass der Brexit ihre Bewegungsfreiheit einschränken könnte. Die ältere Generation lebt dagegen meist seit langem im Land und hat sich definitiv hier niedergelassen.

Die Schweizer Kirche steht in Covent Garden mitten in London. (Bild: Luca De Carli)

Welcher Aspekt der Brexit-Debatte wurde unter den England-Schweizern besonders stark diskutiert?
Vielen ist aufgefallen, dass in der Debatte die bilateralen Verträge zwischen der Schweiz und der EU immer wieder als Beispiel dafür genommen wurden, wie es für Grossbritannien nach einem EU-Austritt weitergehen könnte. Das weckte das Bedürfnis, sich in die Debatte einzumischen und die Briten darüber aufzuklären, wie die Zusammenarbeit zwischen der Schweiz und der EU tatsächlich läuft.

Wurden die Briten denn falsch informiert?
Ich würde nicht sagen falsch, sondern vor allem schlecht. In der Kampagne der Brexit-Befürworter wurde das Schweizer Modell viel zu positiv dargestellt. Es wurde oftmals suggeriert, dass sich die Schweiz in der Beziehung mit der EU einfach herauspicken kann, was sie will. Und dass vergleichbare Verträge zwischen der EU und Grossbritannien nach dem Brexit innert wenigen Monaten ausgehandelt werden könnten.

Die Zuwanderung war das grosse Thema in der Brexit-Debatte. Fühlt man sich da als Auslandschweizer ebenfalls angesprochen?
Natürlich. Wenn man jeden Abend in der U-Bahn mitbekommt, wie die Leute die Gratiszeitungen aufschlagen, auf deren Titelseite Schlagzeilen zum Thema Ausländer stehen, die neusten Zahlen, wie viele woher gekommen sind, dass die Zuwanderung begrenzt werden soll. Dann nimmt man das persönlich.

Und fühlt sich unerwünscht?
Ja. Ich habe es bis zu einem gewissen Grad so wahrgenommen. Das geht natürlich nicht allen Schweizern so. Viele Schweizer in London bezeichnen sich selber nicht als Einwanderer, sondern als Expats und grenzen sich damit zum Beispiel gegen Migranten aus Osteuropa ab.

Vor einigen Jahren wurde die Schweizer Kirche renoviert. (Bild: Luca De Carli)

Erstellt: 22.06.2016, 17:23 Uhr

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