Hintergrund

Die Euroskeptikerin wickelt die Franzosen um den Finger

Während François Hollande seine Wähler enttäuscht, ist Marine Le Pen in Frankreich so beliebt wie noch nie – nun will sie per Volksentscheid den EU-Austritt bewirken.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Frankreichs Arbeitslosenzahlen sind so hoch wie seit Jahren nicht mehr, in der Bevölkerung machen sich Unzufriedenheit und Zukunftsangst breit und die bürgerliche Opposition um die UMP steckt in der Sinnkrise. Faktoren, die Marine Le Pen offenbar in die Hände spielen: Laut einer aktuellen Umfrage des französischen Meinungsinstituts Ifop ist die Parteivorsitzende des rechtsextremen Front National (FN) die zweitbeliebteste Politikerin Frankreichs, nur knapp hinter IWF-Direktorin Christine Lagarde.

Die nette Rechte von nebenan

Vielleicht verkörpert Marine Le Pen das, was viele Franzosen an François Hollande und seiner Regierung vermissen: Kampfgeist, Tatendrang, klare Worte. «Ich kann einfach nicht still danebensitzen und zusehen», sagte sie 2012 der Presse. Die Tochter des Front-National-Gründers Jean-Marie Le Pen nimmt selten ein Blatt vor den Mund, gibt sich dabei aber gemässigter als ihr Vater, der den Front National fast 40 Jahre lang präsidierte und auch gerne mit antisemitischen und ausländerfeindlichen Äusserungen auffiel. Marine Le Pen versucht seit 2011 erfolgreich, die Partei zu «entteufeln», und spricht mit ihrem Kurs auch zunehmend die französische Mittelschicht an, die sich in der sympathisch wirkenden und zupackenden Frau wiederzuerkennen scheint.

Die studierte Juristin und Mutter von drei Kindern wurde 2004 ins Europaparlament gewählt. 2012 wurde Marine Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen mit knapp 18 Prozent Wähleranteil Dritte, einzelne Stimmen hatten sie zuvor sogar als mögliche Konkurrentin François Hollandes im zweiten Wahlgang gesehen. Spätestens ab diesem Zeitpunkt musste die französische Politik die «Thronerbin» des Front National ernst nehmen. Auch Le Pens Nachfolge scheint gesichert: Ihre Nichte, die Jurastudentin Marion Maréchal-Le Pen, schaffte 2012 den Einzug ins französische Parlament.

Le Pen wirbt für EU-Austritt

Marine Le Pen politisiert mit den Ängsten der Bevölkerung, argumentiert mit dem Säkularismus gegen die «Islamisierung Frankreichs» und sieht Brüssel als eine Art Staatsfeind – was sie am vergangenen Samstag erneut klarmachte, indem sie François Hollande aufforderte, im Januar 2014 eine Volksabstimmung zur EU-Mitgliedschaft zu organisieren. Immer wieder kritisierte Le Pen die «frankreichfeindlichen Entscheidungen» aus Brüssel, während des Wahlkampfs 2012 bezeichnete sie den Euro sogar als «Verbrechen». Ihr Vorschlag eines Referendums kommt nicht von ungefähr: Mit der Wirtschaftskrise sind viele Franzosen zunehmend euroskeptisch.

Sollte das Referendum stattfinden, werde ihre Partei für einen Austritt Frankreichs einstehen, verkündete Le Pen am nationalen Parteikongress des FN in Paris – es sei denn, die französische Regierung gehe in der Zwischenzeit ernsthafte Verhandlungen mit der EU ein, um unter anderem den Franc wieder einzuführen und aus dem Schengen-Abkommen auszutreten. Sie glaube aber nicht, dass Hollandes Regierung diese Ergebnisse erreichen könne oder wolle und sehe deshalb den Austritt Frankreichs aus der EU als einzige mögliche Lösung an. Sollte die Regierung das Referendum nicht organisieren, dann weil diese wisse, dass die Franzosen keine Lust mehr hätten, Teil der EU zu sein, meinte Le Pen.

Ob eine solche Volksabstimmung tatsächlich zustande kommt, scheint fraglich. Aber vielleicht ist das für Marine Le Pen auch gar nicht so wichtig, hat sie es doch erneut geschafft, für Aufmerksamkeit zu sorgen und im richtigen Moment die amtierende Regierung anzugreifen – in der Hoffnung, mit ihrer kritischen Haltung weiter zu punkten.

Erstellt: 04.03.2013, 16:07 Uhr

Artikel zum Thema

Marine Le Pen sucht die Nähe zur SVP

Die französische Rechtsaussen-Politikerin bewundert die Schweiz, sucht den Kontakt zur SVP und lobt den Mut von Oskar Freysinger. Und sie hat beste Chancen, die neue Chefin von Frankreichs Front National zu werden. Mehr...

Marine Le Pens teuflische Revanche

Sie hat den Front National ein bisschen modernisiert. Nun peilt sie die Führung einer neuen, nationalen Rechten an. Deshalb hofft sie auf Sarkozys Niederlage. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Blogs

Never Mind the Markets Chinas Aufstieg zur digitalen Macht

Geldblog Warum Selbstständige den Lohn versichern sollten

Die Welt in Bildern

Russische Torte: Indische Konditoren legen letzte Hand an eine essbare Kopie der Moskauer Basilius-Kathedrale, die sie für die 45. Kuchenausstellung geschaffen. (12. Dezember 2019)
(Bild: Jagadeesh NV) Mehr...