Die Flüchtlinge und das Oktoberfest

Das Bier fliesst, Millionen strömen auf die Wiesn – und treffen auf Zehntausende Flüchtlinge. Ein Konfliktherd, prophezeit die CSU.

Sind sich einig: Bayerns Regierungschef Horst Seehofer und sein Innenminister Joachim Herrmann (im Hintergrund). (14. September 2015)

Sind sich einig: Bayerns Regierungschef Horst Seehofer und sein Innenminister Joachim Herrmann (im Hintergrund). (14. September 2015) Bild: EPA/ Andreas Gebert

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Einmal im Jahr herrscht in München das geplante Chaos: Oktoberfest. Kommenden Samstag ist es wieder so weit. Das Fass wird auf der Theresienwiese angestochen, und dann fliesst zwei Wochen lang für 6 bis 7 Millionen Besucher aus aller Welt das Bier in ähnlichen Massen.

Dieses Jahr kommt zum geplanten Chaos noch ein ungeplantes hinzu. Allein in den letzten zwei Wochen seit Ende August strömten rund 63'000 Flüchtlinge in die bayrische Landeshauptstadt. Die Solidarität und die Hilfsbereitschaft der Menschen sind riesig. Doch das System kollabiert unter der schieren Menge Anreisender – und weil viele andere Bundesländer sich weigern, den Bayern bei der Umverteilung der Flüchtlinge zu helfen (wir berichteten).

Diese Kombination aus geplantem und ungeplantem Chaos in der Landeshauptstadt ruft nun die bayrische Regierungspartei CSU auf den Plan. Ministerpräsident Horst Seehofer sagte: «Ich habe heute gebeten, dass wir für die 14 Tage des Oktoberfestes in geeigneter Form Vorsorge treffen, dass München nicht dieser Anlaufpunkt bleibt, wie er zurzeit ist.» Von anderer Stelle aus der Landesregierung hiess es, München solle dann «nicht als Verteilerdrehscheibe verwendet werden».

Seehofers Innenminister, Joachim Herrmann, legte noch einen drauf, wie dieser Tweet vom Westdeutschen Rundfunk zeigt:

Doch Herrmann mahnte auch an, dass allfällige Konflikte von Oktoberfestgästen ausgehen könnten. Man könne nicht voraussehen, «wie mancher besoffene Wiesn-Besucher sich verhält».

Wie bei vielen grossen Veranstaltungen mit Millionen von Menschen und hohen Promillewerten kommt es am grössten Volksfest der Welt jedes Jahr zu Schlägereien. Geprügelt wird nicht nur direkt auf der Wiesn, sondern auch am Hauptbahnhof. Herrmann befürchtet, dass das Konfliktpotenzial dieses Jahr höher sein könnte.

Gewöhnungsbedürftig – nicht nur für muslimische Flüchtlinge: Ein Wiesn-Besucher feiert. (Foto: AP Photo; 2015)

Im Internet wurden die Forderungen der CSU-Spitze kommentiert. Unter #Oktoberfestung sammelt sich Kritik auf Twitter:

Bayerns Innenminister Herrmann forderte nach eigenen Worten bei Bundesinnenminister Thomas de Maizière eine deutliche Verstärkung der Bundespolizei in Bayern insgesamt und speziell am Münchner Hauptbahnhof an. «Der Minister hat mir versprochen, dass er in Kürze für eine Verstärkung sorgen wird», sagte Herrmann laut Nachrichtenagentur DPA.

Neben einer höheren Zahl Einsatzkräfte wollen die Behörden die einzelnen Gruppierungen nach Informationen von FAZ.net vor allem «kanalisieren». Flüchtlinge kommen derzeit vor allem im Nordteil des Hauptbahnhofes an, «von dort werden die Menschen in einen abgesperrten Bereich geleitet, in dem sie Lebensmittel und eine medizinische Erstversorgung erhalten», schreibt die FAZ.

Doch dann machen sich viele Flüchtlinge von München selber auf den Weg zu Freunden oder Verwandten in andere deutsche Regionen oder Richtung Nordeuropa. Nicht alle sind mit den von Behörden organisierten Sonderzügen unterwegs, sondern im regulären Verkehr – und würden somit auf die Wiesn-Besucher treffen. Dieses Szenario würde noch stärker wiegen, wenn sich die meisten Bundesländer weiterhin weigern würden, Flüchtlinge aufzunehmen. Dann müssten diese in München in Notunterkünften untergebracht werden, wie der Präsident der Regierung von Oberbayern, Christoph Hillenbrand, der FAZ sagte.

Durch den Flüchtlingsstrom platzt München aus allen Nähten, wie der Oberbürgermeister Dieter Reiter im ZDF-Interview sagte. Hinzu kommen noch Millionen von Wiesn-Besuchern. Das Oktoberfest unter diesen Umständen absagen? Kommt nicht infrage, heisst es bei der Landesregierung.

Erstellt: 14.09.2015, 15:45 Uhr

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