Reportage

Die Insel der Hoffnung

Die italienischen Gefängnisse sind hoffnungslos überfüllt: 65'000 Gefangene kommen derzeit auf 47'000 Schlafplätze. Es fehlt an Geld, an Personal, an Arbeit. Nur auf der Gefängnisinsel Gorgona ist alles anders.

An vielen Tagen im Jahr vollkommen von der Umwelt abgeschnitten: Gefängnisinsel Gorgona vor Livorno. Foto: United Archives

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Eine Wespe hat Benedetto Ceraulo schlimm zugerichtet. Die linke Gesichtshälfte ist vom Stich verschwollen und verzerrt, das Auge nur noch ein Schlitz. Die Wange ist heiss, sie schmerzt und pocht. Zur Arbeit gegangen ist er trotzdem, denn heute ist der Chef da, und der Chef kommt nicht so oft.

Nicht, dass Florenz so weit entfernt wäre. Wenn alles gut geht, braucht Lamberto Frescobaldi von seinem Palazzo im Herzen der Altstadt bis zum Weinkeller auf Gorgona etwa zweieinhalb Stunden. Aber es geht selten alles gut auf dem Weg nach Gorgona: ein Felseneiland im Meer vor Livorno, schroff und unnahbar, noch nicht einmal einen Hafen gibt es. Nur wenn das Meer spiegelglatt und ruhig ist, wie an diesem strahlenden Herbstmorgen, kann die Insel von den wendigen Polizeibooten, die am Quai andocken, überhaupt angelaufen werden. Wer hier lebt, der ist also an vielen Tagen im Jahr vollkommen von der Umwelt abgeschnitten, ein bisschen Wind, ein paar Wellen, und schon geht nichts mehr.

Italiens letzte Inselhaftanstalt

«Isolation» komme von «Insel», Lateinisch «Insula». Vollkommen ist die Isolation, wenn ein Gefängnis auf einer Insel liegt. Klaustrophobie und Agoraphobie, ein starkes Unwohlsein an bestimmten Orten, kommen da auf das Beklemmendste und Unausweichlichste zusammen. Gorgona ist ein Gefängnis – die letzte Inselhaftanstalt Italiens. Zu den Häftlingen gehört auch Benedetto Ceraulo. Fünf Jahre in Gefangenschaft hat er noch vor sich, in einem Job, der ihn begeistert: Kellermeister bei Frescobaldi, einem der grossen Weinproduzenten Italiens. Seit 700 Jahren machen die Florentiner Adligen Wein, seit einem Jahr lässt Familien- und Firmenvorstand Lamberto Frescobaldi einen Weinberg auf Gorgona beackern. Eine winzige Parzelle, gerade mal 1 Hektar, die 2700 Liter Weisswein abwirft.

Der lagert jetzt im Eichenfass, in einem von Benedetto Ceraulo blitzblank gescheuerten Raum. Hinter den Fenstern glitzert das Meer, praktisch von jedem Punkt der Insel ist es zu sehen. Ceraulo stammt aus Sizilien, schon der Grossvater habe dort eigenen Wein gekeltert, «aber damals hat es mich nicht interessiert». Damals, im Leben vor Gorgona. In der Freiheit. Welchen Beruf hat Ceraulo eigentlich gelernt? Er schweigt lange, er hält sich die schmerzende Wange. «Sagen wir: Maurer.» Bekannt wurde Benedetto Ceraulo als Killer eines Prominenten. Im März 1995 erschoss er Maurizio Gucci, als der gerade seine Wohnung verliess, auf dem Weg ins Büro. Gucci war Erbe des gleichnamigen Modehauses, das von seinem Grossvater in Florenz gegründet worden war, ein schwerreicher Mann aus einer der bekanntesten Familien Italiens, getötet von einem Gelegenheitsarbeiter. Guccis Ex-Frau hatte Ceraulo angeheuert, angeblich für 500 Millionen Lire, etwa 300'000 Franken. Viel, sehr viel Geld für jemanden ohne einen richtigen Job. Gestanden hat er indes nie.

Vom Mörder zum Edelwinzer

Benedetto Ceraulo kam hinter Gitter und vor zwei Jahren wegen guter Führung nach Gorgona. Dort begegnete er Lamberto Frescobaldi, der Mörder traf den Marchese. «Ich habe es ja nicht geahnt», sagt Frescobaldi, «man spricht hier nicht über das Leben davor, über das, was die Leute hierher gebracht hat.» Der drahtige Ceraulo mit dem fein geschnittenen Gesicht, seiner ruhigen Art: Der hat tatsächlich Manieren. Und dann dieses Verbrechen, ausgerechnet Gucci, eine andere Florentiner Weltmarke. «Danach kann ich nicht gehen», murmelt Frescobaldi, es klingt entschlossen. Er hat dem Häftling einen Job in Aussicht gestellt, für danach. Der Gucci-Mörder könnte dann auch in Freiheit für den Edelwinzer Frescobaldi arbeiten.

Gorgona, Insel der Hoffnung. Wer hier landet, sagt Benedetto Ceraulo, habe schon mal einen Sechser im Lotto gewonnen, «weil man wie ein Mensch behandelt wird». Auch wenn man nicht gerade zu den drei Glücklichen in Lamberto Frescobaldis Projekt gehört, die nach der Strafentlassung beim Marchese weiterarbeiten können. Nach Gorgona kommt nur, wer eine Reststrafe von maximal zehn Jahren und ein einwandfreies Führungszeugnis hat, kein Mafioso ist und kein Sexualstraftäter.

2800 Häftlingsklagen in Strassburg hängig

Die Warteliste ist lang, denn die gut 70 Häftlinge von Gorgona sind privilegiert, weil sie einen Grossteil des Tages ausserhalb ihrer Zellen verbringen können. Zellen, die nicht hoffnungslos überfüllt sind wie anderswo. Auf 47'000 Schlafplätze in Italiens Gefängnissen kommen derzeit 65'000 Gefangene, das grösste Gefängnis, Poggioreale in Neapel, beherbergt statt der vorgesehenen 1300 Häftlinge fast 3000. Staatspräsident Giorgio Napolitano war nach seinem jüngsten Besuch in Poggioreale so schockiert, dass er das Parlament um eine Amnestie für Straftäter mit kurzen Haftstrafen bat. Das Gesuch des Staatsoberhaupts wurde abgelehnt, weil die Freilassung der Häftlinge wie ein Geschenk für Silvio Berlusconi gewirkt hätte. Berlusconi, der den Fiskus um mehr als 7 Millionen Euro betrog, muss dafür neun Monate lang für eine gemeinnützige Einrichtung arbeiten – irgendwann. Vor ihm sind Hunderte von Häftlingen an der Reihe, die den Sozialdienst herbeisehnen, um endlich aus ihren Zellen zu kommen.

Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte hat Italien im Mai ein Jahr Zeit gewährt, um die unhaltbaren Zustände zu ändern. 2800 Häftlingsklagen sind in Strassburg hängig – den ersten Klägern gab der Gerichtshof bereits recht. Sie hatten sich in einem lombardischen Kerker zu dritt eine 9-Quadratmeter-Zelle teilen müssen. Verglichen damit, sind die Verhältnisse auf Gorgona idyllisch. Die Inselhäftlinge verbringen nicht nur einen guten Teil des Tages an der frischen Luft, sondern sie arbeiten auch und werden dafür bezahlt. Sechs Stunden täglich, von 7 bis 13 Uhr, sind sie mit ihrer Selbstversorgung beschäftigt. Sie melken die Kühe, Ziegen und Schafe auf der Insel, schlachten ab und zu ein Schwein, um an Schnitzel, Braten und Wurst zu kommen. Sie versorgen den grossen Gemüsegarten hoch über dem Meer, pflegen den Salat, die Paprika, Kohlköpfe, Tomaten, Kartoffeln, Auberginen und Artischocken. Sie backen Brot aus dem Hartweizenmehl, das vom Festland gebracht wird. Und sie produzieren ihr eigenes Olivenöl und den eigenen Käse auch für andere Haftanstalten.

Der Blick nach draussen

Es ist eine Menge Arbeit in Gemeinschaft, für 4.75 Euro Stundenlohn. 570 Euro ergibt das im Monat, ein Teil davon geht als Unkostenbeitrag an den Staat. Einen Staat, der so hoch verschuldet ist, dass er die Häftlinge auf dem Festland nicht mehr bezahlen kann. Nur ein Fünftel der italienischen Gefängnisinsassen hat derzeit Arbeit: die Krise.

Auf Gorgona erzählen die Häftlinge von ihrer Zeit in einem normalen Gefängnis. Dass es die Hölle sei, den ganzen Tag über zur Untätigkeit gezwungen zu sein. Wie unerträglich die Zustände in den überfüllten Zellen waren. Dass es an allem mangelte, an Warmwasser, an Bettdecken, sogar im Februar. Am allermeisten aber, das sagen sie alle, fehlte ihnen der Blick nach draussen. Dieses ewige Starren auf eine Mauer. Oder durch ein vergittertes Fenster aus Plexiglas auf eine andere Mauer. Die Überfahrt nach Gorgona sei ein Schock gewesen: nur Meer, nur Weite, endlos. Auf der Insel, sagen die Gefangenen, hätten sie wieder sehen gelernt.

Italiens Gefangene sind das schwächste Glied in einem Justizsystem, das vor dem Kollaps steht. In den Gerichten stapeln sich die Akten von Hunderttausenden unerledigten Fällen. Die Prozesse dauern ewig. Bis ein Urteil nach drei Instanzen überhaupt rechtskräftig wird, vergehen Jahre, oft sogar Jahrzehnte – wie auch im Fall Berlusconis. Das System ist undurchsichtig; auch Verdächtige von Kleindelikten kommen schnell in Untersuchungshaft, werden dann freigelassen und erst viel später, wenn sie womöglich die Rückkehr in ein geregeltes Leben geschafft haben, verurteilt und wieder ins Gefängnis gesteckt. In eine enge Zelle, ohne Zukunft, denn Resozialisierung ist zur Utopie geworden. Unbezahlbar.

Es mangelt an Wachpersonal, in den vergangenen fünf Jahren wurden 7500 Stellen abgebaut. Bewährungshelfer fehlen erst recht, Sozialarbeiter wie Giuseppe Fedele, ein Hüne mit sanfter Stimme, der über seine Klientel sagt: «Hier wird keiner verurteilt; das ist nicht unsere Aufgabe. Verurteilt wurden alle schon vorher, auf Gorgona sollen sie ins Leben zurückfinden.»

Ein Wein mit Geschichten

Seit 27 Jahren betreut Fedele Gefangene auf Gorgona, ein Mann von einfacher, ungekünstelter Herzlichkeit. Alle duzen ihn, und er duzt sie. Man sieht ihn die Häftlinge umarmen, mit ihnen Karten spielen. Schuld und Sühne sind für ihn Stationen des Lebenstheaters, extrem, aber leider nicht auszuschliessen. «Ein Moment nur, und das Schicksal ändert sich», sagt auch Frescobaldi, der elegante, unterkühlt wirkende Adlige, aufgewachsen mit 1000-jähriger Familientradition in einer Welt des Luxus und der Moden. Gorgona ist für ihn ein Deal, ein Wein, in dem ungeheuerliche Geschichten stecken, die Flasche für 65 Euro. Die Häftlinge selbst hätten gewollt, dass ihr Produkt nicht verschenkt werde, erklärt er. Damit er nicht aus Mitleid nach Gorgona kommen müsse.

Frescobaldi, der Unternehmer mit 83,5 Millionen Euro Jahresumsatz, fühlt sich nicht als Wohltäter. Er zahlt die Mitarbeiter nach dem üblichen Gefängnistarif und lässt keinen Tropfen von seinem Wein auf der Insel. Dazu sind die paar Flaschen zu begehrt, es gibt schon Anfragen aus Korea, demnächst soll die Grösse des Weinbergs verdoppelt werden; auch rote Trauben sollen dort wachsen. Und dann gibt es den Käse, an dem die Enoteca Pinchiorri in Florenz interessiert ist – eines der besten und teuersten Restaurants Italiens. Der Marchese und die Mörder, das kann eine Marke in diesen zynischen Zeiten noch interessanter machen: Lebensmittel von der Gefängnisinsel, allesamt bio und handgezogen und natürlich wahnsinnig exklusiv. Aber Lamberto Frescobaldi ist eher der Typ altmodisch-verantwortlicher Feudalherr – Zynismus ist ihm fremd. Er will seinen Beitrag leisten, Gorgona braucht ja dringend Leute wie ihn. Denn nur, wenn sich Mäzene finden, die das Projekt unterstützen, hat Italiens letzte Gefängnisinsel eine Zukunft.

Das Verrückte ist: Der italienische Staat riskiert lieber Schadenersatzzahlungen von 40 Millionen Euro für Ex-Häftlinge, die in Strassburg klagen, als in die wenigen Haftanstalten zu investieren, die noch funktionieren. So wie bei Gorgona. Das Eiland, auf dem die Gefangenen wieder sehen lernen, ist von der Schliessung bedroht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2013, 11:49 Uhr

Bildstrecke

Gefängnisinsel Gorgona in Italien

Gefängnisinsel Gorgona in Italien Während andere Gefängnisse des Landes an überbelegt sind, führen die Insassen in der Stafkolonie auf Gorgona ein beschauliches Leben.

Die Häftlinge arbeiten sechs Stunden täglich zur Selbstversorgung. Foto: Christiano Bendinelli (LUZphoto)

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