Die Putschisten und ihre Whatsapp-Gruppe

Ein verhafteter Viersternegeneral, eine Hochzeit und ein Chat: Was bisher über die Drahtzieher des Putsches bekannt ist.

Er soll den Befehl für den versuchten Staatsstreich gegeben haben: Der Luftwaffengeneral Akin Öztürk wird der Polizei vorgeführt. Bild: Screenshot Youtube/Edson Ba

Er soll den Befehl für den versuchten Staatsstreich gegeben haben: Der Luftwaffengeneral Akin Öztürk wird der Polizei vorgeführt. Bild: Screenshot Youtube/Edson Ba

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Der versuchte Staatsstreich in der Türkei wird der Weltöffentlichkeit als jener in Erinnerung bleiben, den sie erstmals per Livestream mitverfolgen konnte. Auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan musste auf Facetime zurückgreifen, um sein Volk zum Widerstand aufzurufen. Und selbst die Putschisten kommunizierten über neue Medien, wie das Onlineportal «Middle East Eye» mit Berufung auf den arabischen Nachrichtensender al-Jazeera schreibt. Demnach hatten die Putschisten eine Whatsapp-Gruppe namens «Frieden zu Hause». Darin diskutierten sie ihre Strategie, nannten Namen von Verantwortlichen und riefen zum Angriff auf das Hotel im Südwesten des Landes auf, in dem Präsident Erdogan an jenem Tag seine Ferien verbrachte.

Auch zu möglichen Drahtziehern des Putschversuchs gibt es neue Informationen. Seit dem missglückten Staatsstreich in der Nacht auf Samstag meldet Ankara laufend neue Verhaftungen von Offizieren, Kommandanten, Richtern, Soldaten. Rasch nannten Regierungskreise die Namen von jenen, die für den Putschversuch verantwortlich sein sollen – Schuldeingeständnisse gab es bisher allerdings nicht.

Der Viersternegeneral

Insgesamt sollen fünf Generäle und 28 weitere Männer im Range eines Oberst zu den Rädelsführern zählen. Türkische Medien rücken dabei den Namen des früheren Luftwaffenchefs Akin Öztürk in den Fokus. Der türkische Viersternegeneral hätte Ende August in Rente gehen sollen. Er gehörte zur Elite des Landes und war Mitglied des obersten Militärrats. Dieses Gremium entscheidet unter anderem, welche Offiziere befördert werden. Nun verbreitet die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu ein Video von Öztürk in Polizeigewahrsam, die Hände auf dem Rücken zusammengebunden.

Verhaftung von mutmasslichen Putschisten: Szenen aus einer Polizeistation in Ankara. (Video: Edson Ba/Youtube)

Öztürk soll beim Putschversuch eine zentrale Rolle gespielt haben. Verlässliche Informationen sind schwer zu bekommen – die Nachrichtenagentur DHA und die Zeitung «Cumhuriyet» schreiben jedoch, Öztürk habe am Freitagabend um 22 Uhr den Befehl für den Putsch erteilt. Der versuchte Staatsstreich begann demnach auf der Militärbasis Akinci bei Ankara, die der Schwiegersohn von Öztürk kontrollierte. Dieser soll nicht eingeweihte Soldaten am Freitagabend früher in den Feierabend geschickt, um dann mit den übrigen loszuschlagen.

Akin Öztürk dementierte, ein Putschist zu sein. Er habe immer treu zu Armeechef Hulusi Akar gestanden und alles getan, um den Putschversuch zu stoppen, sagte er der Nachrichtenagentur DHA. Was aber soll seine Motivaton gewesen sein? «Hürriyet» zufolge gab es vergangenes Jahr Gerüchte, dass er ein Gefolgsmann von Erdogans Intimfeind Fethullah Gülen sein soll. Öztürk soll deshalb Angst um seinen Posten gehabt und sich für einen Putsch entschieden haben.

Laut der Zeitung habe Öztürk ausgenutzt, dass die übrige Führung der Luftwaffe gemeinsam auf einer Hochzeitsfeier in Istanbul war. Die Tochter eines Generalleutnants habe geheiratet – nur Öztürk habe an der Feier nicht teilgenommen. «Hürriyet» zufolge schickte er einen Militärhubschrauber zur Hochzeit – und liess die übrige Führung als Geiseln nehmen. Das sollte verhindern, dass Soldaten auf anderen Militärflugplätzen gegen die Putschisten aktiv würden. Später allerdings griffen F-16-Kampfbomber die Aufständischen an.

Er galt bisher als Ehrenmann: Der Ex-Luftwaffenkommandant Akin Öztürk auf einer Aufnahme vom November 2014. (Bild: Keystone)

Der Militärberater

Am Sonntag meldete die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu, es sei ein Haftbefehl gegen den ranghöchsten Militärberater Erdogans, Oberst Ali Yazici, erlassen worden. Welche Rolle er beim Putschversuch spielte, war zunächst unklar. Der Kommandeur des auch von der Bundeswehr und US-Streitkräften genutzten Luftwaffenstützpunkts Incirlik, General Bekir Ercan Van, wurde nach Angaben aus Regierungskreisen ebenfalls festgenommen.

Noch vor wenigen Monaten defilierten sie zusammen: Präsident Erdogan (rechts) und sein Militärberater Ali Yazici an einer Ehrengarde in Ankara. (12. April 2016) (Bild: AFP)

Die kleinen Männer

Unter den Hunderten Verhafteten sind viele Kommandanten, Offiziere und andere ranghohe Militärangehörige – aber ebenso auch viele junge, einfache Soldaten, wie CNN schreibt. Möglicherweise hatten ihre Befehlsgeber sie gar im Unwissen gelassen: Die Soldaten sollen geglaubt haben, unterwegs zu einer Übung zu sein und nicht zu einer Militärrevolte. Sie waren dann allerdings jene, die die Wut der Bürger über sich ergehen lassen mussten. Auf einem Video ist zu sehen, wie ein Polizist den Mob zur Besinnung mahnt und einen verzweifelten, jungen Soldaten, der mit Steinen beschossen wird, in die Arme nimmt.

Seltene Geste der Menschlichkeit: Ein Polizist schützt den Soldaten vor der wütenden Menge. (Video: Twitter Studio/Youtube)

Der Staatsfeind

Rasch wurde auch der Name von Fethullah Gülen genannt, dem türkischen Staatsfeind Nummer eins. Einst war er ein enger Vertrauter von Erdogan, heute hassen sich die beiden bis aufs Blut. Ihre Allianz war an Korruptionsvorwürfen gegen Erdogans Umfeld zerbrochen. Der Prediger Gülen hat aber in der Türkei nach wie vor grossen Einfluss und lebt in den USA. Den Medien verweigert er sich in der Regel – doch am Wochenende empfing der den deutschen «Spiegel», um seine Beteiligung am Putschversuch in der Türkei vehement zurückzuweisen. Er sei bereit, sich von einer internationalen Kommission durchleuchten zu lassen, lässt er sich zitieren. Und: «Wenn sie mich für schuldig befindet, gehe ich auch in die Exekutionskammer. Aber das wird nicht passieren. Denn ich habe nichts getan.» Erdogan fordert derweil Gülens Auslieferung aus den USA.

Einst Gefährte von Erdogan, heute sein Feind: Fethullah Gülen auf einer Aufnahme vom Dezember 2013. (Bild: Keystone)

Die «Verräter»

Acht mutmassliche Putschisten haben sich nach Griechenland abgesetzt. Die Soldaten flogen am Samstag mit einem türkischen Militärhelikopter in die nordgriechische Hafenstadt Alexandroupoli und baten um Asyl. Die Besatzung hatte zuvor ein Notsignal an die Flughafenbehörde gesendet. Die türkische Regierung verlangte die sofortige Auslieferung der «Verräter». Die Soldaten bestreiten eine Beteiligung am Putschversuch. Vielmehr hätten sie um ihr Leben gefürchtet, als Polizisten das Feuer auf sie eröffneten. Sie müssen sich wegen illegalen Grenzübertritts und wegen Verletzung des griechischen Luftraums verantworten.

Das Gesicht verdeckt: Zwei der acht türkischen Soldaten verlassen das Gericht in Alexandroupoli. (17. Juli 2016) (Bild: AFP)

Unter Verwendung von Material der Süddeutschen Zeitung (thu)

Erstellt: 18.07.2016, 10:59 Uhr

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Die Zahlen der Regierung

Nach dem fehlgeschlagenen Militärputsch in der Türkei sind nach Presseangaben mehr als hundert Generäle und Admiräle festgenommen worden. Insgesamt seien seit der Niederschlagung des Umsturzversuchs am Samstagmorgen 103 Admiräle und Generäle in Gewahrsam genommen worden, meldete die amtliche Nachrichtenagentur Anadolu am Montag.

Laut der Nachrichtenagentur Dogan wurden zehn Generäle auf Anweisung der Justiz in Haft genommen. Den Festgenommenen wird der Versuch zum gewaltsamen Sturz der Regierung und ein Verstoß gegen die Verfassung vorgeworfen. Sie werden zudem verdächtigt, der sogenannten Fethullahci Terrororganisation (Feto) anzugehören. Damit bezeichnet die Regierung die Hizmet-Bewegung des islamischen Predigers Fethullah Gülen, der jede Beteiligung an dem Umsturzversuch bestreitet. (AFP)

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