Die Scheidung, die 1534 den ersten «Brexit» auslöste

England trennte sich schon einmal vom Festland. Weil sich ein frivoler König nicht mehr von Rom ins Liebesleben dreinreden lassen wollte.

Ein «brillantgeschmückter Fleischermeister»: König Heinrich VIII. Bild: Hans Holbein

Ein «brillantgeschmückter Fleischermeister»: König Heinrich VIII. Bild: Hans Holbein

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England hat sich schon einmal von Europa getrennt. Nicht zuletzt wegen einer privaten Scheidung: König Heinrich VIII. wollte seine erste Frau, Katharina von Aragon, loswerden, um seine Geliebte Anne Boleyn zu ehelichen. Die Verhandlungen mit der römischen Kurie über eine Annullierung der Ehe zogen sich ab 1527 endlos hin und führten zu keiner Lösung. Von 1532 bis 1537 brachte Heinrich, am Ende seiner Geduld, einige Gesetze durch das Parlament in Westminster, die zur Gründung einer nationalen Kirche führten, der Church of England. Ihr Oberhaupt ist seither der britische Monarch, nicht mehr der Papst.

Dieser erste Brexit, sozusagen, war nicht auf ein theologisches Zerwürfnis zurückzuführen, und die Ehefrage war weniger die Ursache als der Auslöser. Heinrich, auf dem Thron von 1509-1547, war ein in der Wolle gefärbter Katholik – der englische Klerus hatte sich schliesslich schon anno 664 Rom unterstellt, im 12. Jahrhundert war Papst Adrian IV. der bisher einzige Brite auf dem Heiligen Stuhl. Heinrich, aus dem Hause Tudor, betrachtete sich bis zum Ende seines Lebens (in dem der König – den der Kulturphilosoph Egon Friedell als «brillantgeschmückten Fleischermeister» beschreibt – sechs Gemahlinnen verschliss) als katholisch. Von Heinrichs vital-volatilem Liebesleben abgesehen, waren Macht und Geld die Treiber für die englische Reformation.

National statt universal

Zur damaligen Zeit wirkten auf dem Kontinent «echte» Reformatoren, namentlich Martin Luther im Reich und Ulrich Zwingli in der Eidgenossenschaft. Papst Leo X. hatte Heinrich 1521 noch den Ehrentitel «Fidei Defensor», Verteidiger des Glaubens, verliehen, weil dieser sich gegen Martin Luthers Forderungen ausgesprochen hatte. Das allerdings hatte auch damit zu tun, dass sich Heinrich als Anwärter für die Kaiserkrone empfehlen wollte; Römischer Kaiser wurde jedoch der Habsburger Karl V. (dank Vorschüssen des Handelshauses Fugger – Wahlkämpfe mussten schon damals finanziert werden). Englands Geschichte wäre anders verlaufen, wenn seinerzeit eine Personalunion mit dem kontinentalen Kaiserreich zustande-gekommen wäre. «Defender of the Faith» nennen sich die gekrönten Häupter auf der Insel übrigens noch heute, allerdings ist damit die nationale Variante gemeint, nicht mehr die universale.

1534 erliess Westminster die Acts of Supremacy and Succession, quasi ein einseitig erklärter «Hard Brexit».

Was Heinrich VIII. störte, war die Minderung seiner Souveränität durch Rom – zur Kurie hatten kontinentale Mächte wie Frankreich, Spanien und das Römische Reich überdies engere Beziehungen. Was seinen Appetit zusätzlich anregte, war der grosse Besitz der Kirche in seinem Reich. 1534 erliess Westminster die Acts of Supremacy and Succession, quasi ein einseitig erklärter «Hard Brexit». Von nun an war der König alleiniger oberster Herr der Kirche in England (und der Erzbischof von Westminster ihr Primas), die Geistlichen mussten ihm Gefolgschaft schwören – weltliche und geistliche Macht in einer Hand, reiner Cäsaropapismus.

Alle ausländischen, sprich römischen Gesetze und Steuern (der Peterspfennig ging direkt nach Rom) wurden aufgehoben, der Papst konnte nicht mehr am König vorbei Bischöfe ernennen. Wer sich dagegen stellte, mit dem wurde ausgesprochen unchristlich umgesprungen.

Löste den ersten «Brexit» aus: Anne Boleyn. Bild: CC / P.S. Burton

Ab 1536 folgte eine zweite, einschneidende Massregel in der Abwendung vom Kontinent. Heinrich liess die Klöster, Hunderte an der Zahl, aufheben und deren Besitz einziehen. Es folgte ein gigantischer Vermögenstransfer: Die riesigen Ländereien der Kirche, vielleicht ein Viertel der Fläche Englands, gingen an Adlige, die fortan als eine Klasse der «Landed Gentry» dem König verpflichtet waren. Dazu füllte sich die Kasse des Königshauses. Die Leidtragenden waren die Armen im Lande, die oft nur dank der Klöster überlebt hatten.

Gläubige Katholiken, die dem Papst weiterhin anhingen und Heinrichs Gattinnenkarussell verabscheuten, wurden ebenso gnadenlos verfolgt wie fromme Protestanten, die das Zeremonienwesen verurteilten und die Priesterehe für erlaubt hielten; strenge Calvinisten, die die Brotverwandlung leugneten, galten als Ketzer. 1537 wurde Heinrich von Papst Paul III. exkommuniziert.

Ein merkwürdiges Zwitterding

Unter Heinrich wurde die Liturgie nur ansatzweise reformiert; es erschien immerhin ein Gebetsbuch in englischer Sprache, die in der Messe zunehmend die lateinische verdrängte. Heinrichs «High Church» war ein merkwürdiges Zwitterding, ein Katholizismus ohne Papst, Orden, Klöster, oder, andersrum, ein Luthertum mit Prälaten und Bischöfen, Beichte und Zölibat.

Das galt für England und Wales, wohingegen Irland, dessen König Heinrich 1542 wurde, grossteils katholisch blieb. Schottland, das vorwiegend calvinistisch wurde, war noch selbständig und seit langem in der «Auld Alliance» mit Frankreich verbunden. Das Ja in der Brexit-Abstimmung beschränkte sich auf England und Wales; Schottland und Nordirland stimmten dagegen. Die Frage der inneririschen Grenze ist Kernproblem des heutigen Brexit.

Um seine Geliebte zu ehelichen, gründete er kurzerhand eine eigene Kirche: König Heinrich VIII. Bild: CC / Hans Holbein

Heinrichs Bruch mit dem Festland bescherte England unruhige Zeiten. Unter seinen Nachfolgern ging es hin und her. Eduard VI. machte die Church of England protestantischer, danach trieb Maria I. («Bloody Mary») die Rekatholisierung brutal voran, schliesslich folgte die Stabilisierung unter der langen Herrschaft von Elisabeth I., Tochter Heinrichs VIII. und Anne Boleyns. Zu ihrer Zeit wurde die spanische Armada abgewehrt, was die antikatholische Stimmung im Land anheizte und England zur Seemacht aufsteigen liess.

Einst Tragödie, heute Farce

Aus den Parallelen zwischen den Brexit-Wirren der Gegenwart und dem von Heinrich veranlassten Schisma, das bald ein halbes Jahrtausend her ist, kann Londons ratloses Politikensemble nichts lernen, die Unterschiede sind denn doch zu gross. Im konservativen «Daily Telegraph» schrieb ein Kommentator, der anglikanische Geistliche Giles Fraser: «We survived our break from Europe then, and we’ll do so again» – eine Phrase, kein Nutzwert.

In der Debatte wird die historische Vorlage freilich schon gelegentlich erwähnt. So ist die Rede vom Unabhängigkeitsstreben gegenüber einer fernen, teuren Bürokratie, damals wie heute. Kardinal Wolsey, Heinrichs Kanzler, der in den Verhandlungen mit Rom keinen Deal in der Causa Katharina erreichte, wird mit Premierministerin May verglichen, die Brüssel keinen massgefertigten Scheidungsvertrag hat abluchsen können. Hingegen ist nunmehr ein Brexit wirtschaftlich unattraktiv; es gibt nichts, was sich stehlen und umverteilen liesse, wie einst die Kirchengüter.

Pikant ist, dass heute sogar konservative «Leavers» das Diktum von Karl Marx anwenden, wonach sich die Geschichte zweimal abspielt: Der erste Brexit war eine Tragödie, der gegenwärtige ist eine Farce.


Video: «Order!» – der Schiedsrichter im Brexit-Streit

Erstellt: 22.01.2019, 15:05 Uhr

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