Die Stadt, die es ohne Tschernobyl nicht gäbe

In Slawutitsch leben viele Liquidatoren und Opfer von Tschernobyl. Trotz der AKW-Katastrophe verbindet Slawutitsch grosse Hoffnungen mit der Kernenergie.

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Nach nur zwei Monaten Planung und einjähriger Bauzeit war sie errichtet, die Stadt Slawutitsch, 60 Kilometer nordöstlich von Tschernobyl und 200 Kilometer nördlich von Kiew. Slawutitsch entstand als Vorzeigestadt für die Menschen von Tschernobyl und von Prybjat, der Arbeiterstadt, die nach der atomaren Katastrophe von Tschernobyl innert weniger Stunden evakuiert werden musste. Der Kreml hatte die besten Architekten aus acht damaligen Sowjetrepubliken aufgeboten, um ein «Werk des 21. Jahrhunderts» zu schaffen.

Die Stadt Slawutitsch hat ihren 24'600 Einwohnern einiges zu bieten, unter anderem ein Kulturhaus, ein Spital, genügend Schulhäuser, Kindergärten mit Hallenbädern, Kinderkrippen, grosszügige Parkanlagen und einen Rummelplatz – also mehr als andere Städte gleicher Grösse in der Ukraine. Aus westlicher Optik erscheint Slawutitsch allerdings als eine Ansammlung weiträumig verteilter Wohnkasernen, als Tristesse in Beton. Die Stadt wirkt erstaunlich wenig lebendig, vielleicht liegt das am riesigen Stadtplatz, wo die Menschen winzig erscheinen.

Stadtverwaltung entdramatisiert die Situation

In Slawutitsch leben Tausende Liquidatoren und ihre Familien. Viele sind Opfer der radioaktiven Verseuchung, die mit gesundheitlichen Problemen wie Schilddrüsenkrebs zu kämpfen haben, wenn sie nicht schon gestorben sind. Die Stadtoberen von Slawutitsch sprechen allerdings lieber von Helden als von Opfern. Und sie bemühen sich, die Situation zu entdramatisieren. «Die gesundheitlichen Probleme sind nicht grösser als anderswo in der Ukraine», sagt Lidja Leonetz, Mitglied des Stadtrats und Sekretärin des Bürgermeisters, beim Empfang einer Schweizer Reisegruppe mit Parlamentariern. In Slawutitsch lebten 3600 Kinder, 112 davon seien invalid.

Laut Leonetz geht es den Menschen in Slawutitsch vergleichsweise gut. Die Jugendlichen, die etwa ein Drittel der Bevölkerung ausmachen, hätten gute Ausbildungschancen. Die Arbeitslosenquote betrage nur gerade 1,8 Prozent. Bedeutende Arbeitgeber seien eine Lampenfabrik und eine Fabrik für Kanzleiwaren. Die Stadt fördere auch kleine und mittlere Unternehmen. Im Laufe des Gesprächs mit der Stadtvertreterin wird aber immer klarer, dass Slawutitsch zu einem substanziellen Teil von der Atomwirtschaft abhängt – so wie Prybjat, bevor in Tschernobyl ein Reaktor explodierte.

Atomreparaturservice als wichtiger Arbeitgeber

Rund 3000 Menschen, Arbeiter und Wissenschaftler, fahren täglich zur Arbeit nach Tschernobyl. Der letzte Reaktor wurde zwar vor elf Jahren stillgelegt, die Überwachungs- und Erhaltungsarbeiten rund um den Katastrophenreaktor, der von einem brüchigen Sarkophag umhüllt wird, dauern aber an und werden noch viele Jahre für Beschäftigung sorgen. Zudem gibt es ein bedeutendes Unternehmen, das sich Atomreparaturservice nennt. Hier arbeiten knapp 1000 Spitzenkräfte der Nukleartechnologie. Ihre Auftraggeber sind die vier Kernkraftwerke, die derzeit in der Ukraine in Betrieb sind. Aber auch im Ausland gilt der Atomreparaturservice von Slawutitsch als eine gute Adresse.

«Unsere Spezialisten sind unter anderem in Libyen und im Iran gefragt», sagt Lidja Leonetz in einem Anflug von Stolz, bei dem sie die politische Brisanz ihrer Aussage offenbar nicht bemerkt. «Mit dem Atomreparaturservice ist die Hoffnung für die Zukunft verbunden», sagt sie. Leonetz geht davon aus, dass diese Branche weiter wachsen werde. Im Moment sieht sie keine Alternative zur Atomenergie. Alternative Energien würden in der Ukraine nicht diskutiert.

«Das erinnert mich an die Sowjetunion»

Eine Frau, die zur Reisegruppe aus der Schweiz gehört, schüttelt den Kopf, nachdem sie die Ausführungen der offiziellen Vertreterin der Stadt Slawutitsch gehört hat. Damit meint sie die beschönigende Darstellung der Realität und das sture Festhalten an der Atomkraft. Die Frau, die bis zum 13. Lebensjahr in Kiew lebte, sagt dann zusammenfassend: «Das erinnert mich an die Sowjetunion.»

Erstellt: 26.04.2011, 09:50 Uhr

Tagesanzeiger.ch/Newsnet-Reporter Vincenzo Capodici ist in der Tschernobyl-Region unterwegs.

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