Interview

«Die Stimmung war wie nach einem Fussballspiel»

Während die Menschen auf der Krim das Abstimmungsergebnis feiern, verhängt der Westen Sanktionen gegen Russland. Journalist Ulrich Krökel schildert seine Eindrücke aus Simferopol.

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Herr Krökel, Sie haben das gestrige Referendum vor Ort verfolgt. Wie haben Sie den Tag rückblickend erlebt?
Auf der Siegesfeier im Herzen von Simferopol herrschte eine ausgelassene Stimmung – wie nach einem Fussballspiel. Überall waren Autokorsos und tanzende Menschen mit russischen Fahnen zu sehen. Die russischstämmigen Krimbewohner haben diesen Sieg ehrlich gefeiert. Auf dem Lenin-Platz war eine grosse Bühne aufgestellt, wo Livemusik gespielt wurde und lokale Politiker emotionale Reden hielten. Die Stimmung war sehr friedlich, obwohl in der Stadt nach wie vor schwer bewaffnete Sicherheitskräfte präsent sind. Es gab aber keinerlei Zusammenstösse – was auch damit zusammenhängt, dass es von ukrainischer Seite keine Störmanöver gab.

Was ist von dem überwältigenden Abstimmungsergebnis zu halten?
Als neutraler Beobachter habe ich an der Richtigkeit der Zahlen meine Zweifel: Zwar ist die hohe Zustimmung von über 90 Prozent durchaus realistisch, die überwältigende Wahlbeteiligung von 82 Prozent halte ich aber für unwahrscheinlich. Allein Krimtataren und Ukrainer bilden fast 40 Prozent der Bevölkerung – dass die in Scharen an die Wahlurnen geströmt sind, bezweifle ich.

Haben Sie Menschen getroffen, die vom Abstimmungsergebnis enttäuscht waren?
Gestern habe ich vor den Wahllokalen vereinzelt mit Personen gesprochen, die ihren Stimmzettel ungültig gemacht haben. Solche Stimmen hört man aber sehr selten. Viele halten sich aus Angst mit solchen Statements zurück, während man die prorussischen Sprüche in aller Öffentlichkeit hören kann.

Wie ist die Stimmung in Simferopol heute?
Sehr entspannt. In der Stadt sieht man noch Menschen mit russischen Fahnen, auf dem Lenin-Platz wird die Siegesfeier als eine Art Volksfest fortgesetzt. Die Banken sind heute zwar geschlossen geblieben, weil die Einführung des Rubels vorangetrieben wird. Das Alltagsleben wird dadurch aber genauso wenig beeinflusst wie durch Befürchtungen, die Ukraine könne die Gaszufuhr auf die Krim blockieren.

Wie reagieren die Krimtataren auf das Abstimmungsergebnis?
Eine Sprecherin sagte mir heute, das Referendum sei eine Farce. Es bleibt ihnen aber wenig anderes übrig, als das Ergebnis hinzunehmen. Aufgrund der hohen Militärpräsenz können die Krimtataren nicht mobilisieren. Es mag sein, dass eine Auswanderungswelle folgt. Wenn es Putin jedoch gelingt, die Wirtschaft in Gang zu bringen, werden auch die Krimtataren sich in ihr Schicksal fügen. Zumal die ukrainische Regentschaft in den letzten 20 Jahren für die Menschen auch nicht immer gut verlaufen ist.

Gibt es schon konkrete Überlegungen, wie das Referendum jetzt umgesetzt wird?
Das Parlament auf der Krim verabschiedet jetzt im Eiltempo einige Beschlüsse zur Umsetzung. In Moskau wird sich morgen Putin äussern, dann wird das Parlament im Laufe der Woche die Verfassung ändern. Die praktische Umsetzung beginnt damit, dass der Rubel als Parallelwährung eingeführt wird. Bald werden vermutlich auch die Sozial- und Rentenzahlungen vom russischen Staat übernommen. Putin kündigte bereits ein «Modernisierungsprogramm für die Krim» an – er wird also viel Geld auf die Halbinsel pumpen, um die Menschen ruhigzustellen.

Was ist von Putins morgiger Rede zu erwarten?
Er wird das Referendum anerkennen und den Willen der Menschen bekräftigen. Einige Experten sprechen zwar davon, dass er einen Rückzieher machen und mit dem Westen eine Art Schwebezustand vereinbaren wird, indem die Krim zum Protektorat wird. Ich halte diese Einschätzung jedoch für unrealistisch.

Die ukrainische Regierung mobilisiert offenbar ihre Truppen. Wie ist dieser Schachzug zu verstehen?
Die Mobilisierung ist vor allem ein Zeichen an die eigene Bevölkerung, um zu bekräftigen, dass man sich nicht widerstandslos geschlagen gibt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das ukrainische Militär auf der Krim Aktionen starten wird. Eskalieren könnte die Situation höchstens im Osten des Landes, falls das russische Militär dort einmarschiert. Momentan spricht aber mehr dafür, dass Wladimir Putin sich mit der Krim zufriedengibt.

Erstellt: 17.03.2014, 17:55 Uhr

Ulrich Krökel ist Osteuropa-Korrespondent von Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Derzeit berichtet er aus der Ukraine.

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