«Die Türkei hat die Schlacht um die Wahrheit verloren»

100 Jahre nach dem Völkermord an den Armeniern tut sich die Türkei immer noch sehr schwer mit ihrer Geschichte. Die Gesellschaft sei aber der Regierung voraus, sagt der türkische Politologe Cengiz Aktar.

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Recep Tayyip Erdogan hat vor einem Jahr mit einer Versöhnungsgeste überrascht. Vor dem 99. Jahrestag des Armenier-Genozids sprach der damalige Ministerpräsident der Türkei den «Enkeln der 1915 getöteten Armenier» sein Beileid aus. Es war das erste Mal, dass ein türkischer Regierungschef eine solche Erklärung an die Armenier abgegeben hat. Den Begriff «Völkermord» benutzte der Präsident der Türkei allerdings nicht, und er sprach auch keine Entschuldigung aus – beides verlangen die Armenier von der Türkei. Die Türkei ist die Rechtsnachfolgerin des Osmanischen Reichs, dessen jungtürkische Regierung für den Tod von bis zu 1,5 Millionen Armeniern verantwortlich ist.

Beim 100. Genozid-Gedenktag am kommenden Freitag, 24. April, werden sich Armenien und die Türkei nicht näherkommen, die Fronten haben sich verhärtet. Erdogan lehnte nicht nur die Einladung seines armenischen Amtskollegen Sersch Sarkisjan nach Jerewan ab. Gleichzeitig liess er die für die Türkei wichtige Gedenkfeier zur Gallipoli-Schlacht von 1915 vorverlegen – vom 25. auf den 24. April. Den 100. Jahrestag des Siegs der Osmanen gegen die Entente im Ersten Weltkrieg wird Erdogan in Çanakkale feiern. Eingeladen wurde auch Armeniens Präsident. Sarkisjan empfand dies als weitere Provokation von Erdogan.

Türkische Regierung ist «schizophren und paradox»

«Das ist kindisch, die Leute in der Türkei lachen über Erdogans Verhalten», sagt der türkische Politikwissenschaftler Cengiz Aktar bei einem Gespräch in Zürich, wo er kürzlich an einer Veranstaltung von Christian Solidarity International als Redner auftrat. Der 60-Jährige, der viele Jahre für die UNO und die EU gearbeitet hat, zählt in der Türkei zu den führenden Intellektuellen und Publizisten, die sich für mehr Demokratie und Minderheitenrechte einsetzen. Und er ist Mitinitiant einer Onlinekampagne, mit der die Türkei aufgefordert wurde, sich für den Genozid bei den Armeniern zu entschuldigen. «Falls die Türkei eine moderne, demokratische Gesellschaft werden möchte, muss sie sich mit den dunklen Kapiteln ihrer Geschichte auseinandersetzen», sagt Aktar. «Solange die Türkei dies nicht tut, ist sie auch kein Kandidat für einen EU-Beitritt.» Von einer Anerkennung des Genozids sei die türkische Regierung jedoch «weit entfernt». Den Umgang der türkischen Regierung mit der Vergangenheit bezeichnet er als «schizophren und paradox».

Obwohl der Genozid für die offizielle Türkei ein Tabu bleibt, ist die Aufarbeitung der Geschichte in der jüngeren Vergangenheit in Gang gekommen, «weil die Zivilgesellschaft weiter ist als der Staat», wie Aktar erklärt. In der türkischen Gesellschaft werde heute offen über den Genozid an den Armeniern gesprochen. Dies sei zwar immer noch verboten, Gesetzesverstösse wie die Beleidigung des Türkentums würden aber nicht mehr strafrechtlich verfolgt. Den Meinungswandel in der Armenier-Frage sieht Aktar auch in der zunehmenden Zahl von Gedenkanlässen. 2010 fand die erste und einzige Veranstaltung in Istanbul statt. Mittlerweile wird in 28 türkischen Städten des Armenier-Genozids gedacht. Hinter diesen Gedenkfeiern stehen ausschliesslich zivilgesellschaftliche Initiativen und Gruppierungen.

Viele Türken mit armenischen Grossmüttern

Vor allem die jüngere Generation hinterfrage die offizielle Geschichtsschreibung, sagt Politologe Aktar. Im Zeitalter von Internet und Social Media sei es schwierig geworden, den Menschen bestimmte Meinungen über historische Ereignisse aufzuzwingen. An den Universitäten stosse der Völkermord auf zunehmendes Forschungsinteresse. Der Genozid werde auch in den Medien immer häufiger thematisiert, und es gebe immer mehr Bücher darüber. Aktar erwähnt als Beispiel die Publikationen über die «armenischen Grossmütter» der Türken. Diese waren als junge Frauen aus ihren christlichen, armenischen Familien gerissen, zwangsislamisiert und in muslimische Familien zwangsintegriert worden. Jahrzehntelang schwiegen viele Türken über armenische Vorfahren. Inzwischen betonen sie laut Aktar ihre armenischen Wurzeln, und es häufen sich die Übertritte zum Christentum. Schätzungsweise eine Million Türken haben «armenische Grossmütter».

Vor dem Ersten Weltkrieg hatten über zwei Millionen Armenier in Anatolien gelebt, heute gibt es in der Türkei noch 50'000 bis 60'000 Menschen dieser christlichen Minderheit. Die Säuberungsaktionen der jungtürkischen Regierung trafen nicht nur die Armenier, sondern auch Assyrer und Aramäer, ebenfalls Christen, sowie die Minderheit der Griechen. Als Beginn des Völkermords gilt der 24. April 1915, als die Jungtürken über 200 armenische Intellektuelle, Politiker und Geistliche in Istanbul, damals noch Konstantinopel, festnehmen und grösstenteils töten liessen. Es folgten Massaker und Deportationen in die nordsyrische Wüste. Unzählige Armenier, die die Todesmärsche überlebten, starben an Hunger, Erschöpfung und Krankheiten.

«Wenn in der heutigen Gesellschaft die Menschen zum ersten Mal mit den Fakten über den Völkermord konfrontiert werden, sind sie geschockt», erklärt Aktar. «Und der Schock nimmt zu, wenn sie das Ausmass der Verbrechen begreifen.» Die Verbrechen an den Armeniern seien so gross, dass die Menschen dies nicht wahrhaben wollten oder könnten. Dabei gebe es keine Alternative, als sich der historischen Wahrheit zu stellen. Der Istanbuler Politikwissenschaftler zitiert eine französische Redensart: «Die Leiche ist zu gross, um sie im Kleiderschrank zu verstecken.»

Türkei: Die Armenier waren nicht nur Opfer

Aktar kritisiert, dass die Geschichtslehrbücher den Schülern bis heute verschweigen, was vor 100 Jahren in ihrem Land den Armeniern angetan worden war. Die türkische Geschichtsvereinigung, die seit über 80 Jahren das offizielle Geschichtsbild prägt, hat den Auftrag, das Bild eines homogenen türkischen Staatsvolks zu vermitteln, das sich gegen alle äusseren Gefahren behauptet und 1923 die Republik Türkei gegründet hat. Die offizielle Türkei bestreitet die Qualifizierung der Massaker an den Armeniern als Genozid. Sie weist insbesondere eine Vernichtungsabsicht der damaligen Regierung des Osmanischen Reiches zurück. Die Genozid-Leugner betonen immer wieder, dass die Deportationen eine kriegsnotwendige Massnahme gewesen seien, da die Armenier sich während des Ersten Weltkriegs mit Russland solidarisiert und so das Osmanische Reich verraten und gefährdet hätten. Zudem, so ein weiteres Argument, seien die Deportationen eine Reaktion auf armenische «Terrorakte» oder «Gräueltaten» gewesen. Die Armenier seien auch Täter gewesen, es seien unzählige Muslime getötet worden. Schliesslich sei die Opferzahl auf armenischer Seite zu hoch angesetzt.

Im Streit um die geschichtliche Wahrheit fordert die Erdogan-Regierung regelmässig die Einsetzung einer internationalen Kommission mit türkischen und armenischen Historikern. Dies würde nach Ansicht von Aktar jedoch nichts bringen, da Genozid-Experten und Genozid-Leugner nie zu einem gemeinsamen Fazit kommen würden. Vor allem sei der Völkermord schon längst detailliert dokumentiert worden. Diese Auffassung teilen neben zahlreichen internationalen Historikern auch etwa zwei Dutzend Staaten, darunter Frankreich und Russland. Manche Regierungen, etwa von USA und Deutschland, vermeiden jedoch den Genozid-Begriff, um die Türkei nicht zu verärgern. Erst letzte Woche protestierte Ankara heftig gegen Papst Franziskus, weil er die Armenier als Opfer des ersten Genozids des 20. Jahrhunderts bezeichnet hatte.

Zürcher Protokolle von 2009 bleiben ohne Wirkung

Die Bildung einer armenisch-türkischen Historikerkommission hätte längst erfolgen müssen. Denn dies war ein wesentlicher Beschluss der sogenannten Zürcher Protokolle. Unter Vermittlung der Schweiz und unter Druck der USA und der EU hatten die Aussenminister der Türkei und von Armenien am 11. Oktober 2009 an der Universität Zürich ein Friedensabkommen unterzeichnet. Dabei verständigten sie sich insbesondere auf die Wiederaufnahme von diplomatischen Beziehungen und die Öffnung der gemeinsamen Grenze. Zwischen Ankara und Jerewan herrscht seit 1993 diplomatische Eiszeit. Der Grund dafür ist der Konflikt um die Region Bergkarabach zwischen Armenien und Aserbeidschan, das mit der Türkei enge politische und wirtschaftliche Beziehungen pflegt. Das Friedensabkommen von 2009 wurde bis heute weder vom türkischen noch vom armenischen Parlament ratifiziert. «Faktisch sind die Zürcher Protokolle tot», sagt Aktar. «Der Friedensdeal mit den Armeniern hat für die Türkei keine Priorität mehr.»

Der Politologe beobachtet, dass die Erdogan-Regierung seit den Massenprotesten im Istanbuler Gezi-Park im Sommer 2013 immer autoritärer wird. Aktar äussert die Hoffnung, dass die Regierung nicht wieder beginnt, die öffentliche Thematisierung des Genozids zu unterdrücken. Die Dynamik der Zivilgesellschaft werde ohnehin dazu führen, dass sich künftige türkische Regierungen vertiefter mit der Armenier-Frage auseinandersetzen werden. «Dieser Prozess lässt sich nicht stoppen», ist Aktar überzeugt. «Die Türkei hat die Schlacht um die Wahrheit längst verloren.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.04.2015, 18:51 Uhr

Cengiz Aktar ist Politikwissenschaftler am Istanbul Policy Center (IPC) der Sabanci-Universität in Istanbul und Publizist. Eines seiner neun Bücher trägt den Titel
«L'Appel au pardon, des Turcs s'adressent aux Arméniens». Aktars Kommentare erscheinen regelmässig in türkischen Publikationen wie «Taraf» und «Today's Zaman».

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