«Die Türkei könnte zum Transitland werden»

Das Projekt South Stream ist dem Ende nah: Putin will von der Gas-Pipeline nichts mehr wissen. Gasmarkt-Experte Harald Hecking sagt, wer nun leidet – und wer profitiert.

Hier wird wohl niemals Gas durchfliessen: Vor einem Jahr wurde in Serbien ein Teilstück der South-Stream-Pipeline eröffnet. (24. November 2013)

Hier wird wohl niemals Gas durchfliessen: Vor einem Jahr wurde in Serbien ein Teilstück der South-Stream-Pipeline eröffnet. (24. November 2013)

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In Europa fürchtet man seit Ausbruch der Ukrainekrise, dass das russische Gas irgendwann ausbleiben könnte. Ist die Gefahr nun grösser geworden, nachdem Wladimir Putin das South-Stream-Projekt für tot erklärt hat?
Nicht unbedingt. Die Pipeline war in Planung und stand noch nicht im Einsatz, durch den Projektstopp würde sich also vorderhand nichts ändern. Es bliebe beim Status quo mit der Ukraine als wichtigstes Transitland für russische Gasexporte. Das Lieferverhältnis zwischen Russland und Europa bliebe dasselbe, ausser dass Russland künftig einen Gas-Absatzkanal weniger hätte als geplant. Das South-Stream-Projekt ist aus wirtschaftlicher Sicht ohnehin umstritten.

Warum?
2010 haben wir am Energiewirtschaftlichen Institut in einer Studie herausgefunden, dass die Pipeline nicht vollständig ausgelastet würde, weil andere Transportrouten aus Russland mit dem Projekt konkurriert hätten. Die Ukraine beispielsweise hätte vermutlich Transite und die damit verbundenen Einnahmen an die South Stream verloren, ob das allerdings für deren profitablen Betrieb reichen würde, bleibt fraglich. Ausserdem ist die Gasnachfrage in Europa derzeit eher niedrig und es ist nicht klar, wie diese sich in Zukunft entwickeln wird. Bleibt sie auf einem konstant tiefen Niveau, hätte das den Erfolg des Projekts zusätzlich gefährdet.

Viele vermuten hinter dem Projektstopp politische Gründe: Russland wende sich weiter von Europa ab und Asien zu. Andere glauben, es gebe finanzielle Probleme: Russlands Wirtschaft ist geschwächt, die Sanktionen setzen dem Land zu, es könne sich die Pipeline schlicht nicht mehr leisten. Was stimmt?
Russland verstärkt ganz offensichtlich seine Investitionen in Richtung des chinesischen Gasabsatzmarktes, aktuell wird dort an zwei grossen Projekten gearbeitet (Anm. d. Red.: Russland und China einigten sich auf den Bau zweier Gaspipelines von Sibirien nach Nordwest-China. Die erste, mit dem Namen Sila Sibiri, befindet sich bereits im Bau.) Gleichzeitig sind die finanziellen Mittel von Gazprom aufgrund der politischen Sanktionen, aber auch wegen der aktuell geringen Gas- und Ölpreise geschrumpft. Das könnte dazu führen, dass Gazprom Investitionen in den chinesischen Markt bevorzugt und ein teures Projekt wie South Stream aufgibt. Ich glaube aber nicht, dass Russland kurz- oder langfristig die Fördermenge nach Europa reduzieren wird. Gazprom kann es sich nicht leisten, einen so wichtigen Absatzmarkt wie Europa zu verlieren.

Es kommt noch eine weitere Erklärung infrage: Die Pipeline würde das Konfliktgebiet Ukraine umgangen und der EU damit etwas mehr Sicherheit in der Energieversorgung geben. Ohne die Pipeline hätte Putin weiterhin die Möglichkeit, über die Ukraine die Gaslieferungen an den Rest Europas zu kontrollieren.
Es geht bei South Stream nicht nur um Versorgungssicherheit für Europa, sondern auch um Absatzsicherheit für Russland. Würde Russland die Lieferungen durch die Ukraine stoppen, fiele etwa ein Drittel der Exporte nach Europa aus, das kann sich Gazprom vermutlich kaum leisten. Zudem könnte Russland die Exportmengen so oder so einschränken, mit oder ohne South Stream. Zum Beispiel über die Pipeline durch Polen oder die Nord Stream. Das hat es bis jetzt aber noch nie gemacht.

Putin hat aber ganz offen damit gedroht, weniger Gas nach Europa und dafür mehr in die Türkei und nach China zu liefern.
Kurzfristig will Russland weiterhin Gas nach Europa verkaufen, dazu hätte ja auch die South-Stream-Pipeline gedient. Langfristig aber kann es gut sein, dass Gazprom sich umorientiert. Das hat möglicherweise politische, sicher aber auch wirtschaftliche Gründe. In Europa wird man in Zukunft wohl kein grosses Nachfragewachstum sehen, in China hingegen mit Sicherheit. Trotzdem: Russland liefert zwar relevante Gasmengen nach China, aber letztlich wird es in den nächsten zehn bis 15 Jahren nicht möglich sein, den gesamten europäischen Absatz mit dem chinesischen zu ersetzen. Zudem fragt sich, ob die Chinesen bereit sind, denselben Preis zu zahlen wie die Europäer.

Was bedeutet das Ende von South Stream für die Länder, die am Bau beteiligt waren – Bulgarien, Serbien, Ungarn, Slowenien und Österreich?
Vor allem Bulgarien wird darunter leiden, weil es sehr stark von der Ukraine als Transitland abhängig ist und durch das Projekt Eigenständigkeit gewinnen würde. Zudem würde die Pipeline an seiner Küste anlanden – es würde also zu einem wichtigen Transitland. Die anderen Länder, insbesondere Österreich und Ungarn, können allfällige Fehlmengen durch Speicher und die Anbindung an andere Exportrouten zumindest über einen kurzen Zeitraum kompensieren. Sollten die Transite aus der Ukraine aber mehr als ein Jahr ausfallen, hätten auch Österreich und Ungarn ein Problem.

Welche Länder werden profitieren?
Die Türkei und Griechenland, vorausgesetzt die vagen Pläne für eine weitere Gaspipeline von Russland in die Türkei sowie einen Gas-Hub an der türkisch-griechischen Grenze werden konkretisiert. Die Türkei könnte damit zum wichtigen Transitland werden und von den Einnahmen profitieren, welche Bulgarien nun vorenthalten bleiben. Damit würde das Land auch politisches Gewicht gewinnen. Dasselbe gilt für Griechenland, sollte das Gas tatsächlich über die Grenzen weiterfliessen.

Was bedeutet das Ende von South Stream für die TAP-Pipeline des Schweizer Konzerns Axpo, die von Griechenland nach Italien führen soll?
Die TAP-Pipeline soll ab 2018 Gas aus Aserbeidschan über die Türkei nach Süditalien führen. South Stream würde also nicht direkt mit der TAP konkurrieren. Kommt aber der Gas-Hub in der Türkei tatsächlich zustande, könnte die TAP-Pipeline auch russisches Gas nach Europa bringen. Insofern sind das für die Axpo gute Nachrichten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 02.12.2014, 19:54 Uhr

Harald Hecking leitet den Forschungsbereich Gas und Kohle des Energiewirtschaftlichen Instituts an der Universität zu Köln. Er beschäftigt sich unter anderem mit der Ökonomie langfristiger Gaslieferverträge. (Bild: zvg)

Nun sucht die EU nach einer Lösung

Nach dem Aus für das Pipeline-Projekt South Stream will die Europäische Kommission über andere Wege der Gasversorgung in Südosteuropa beraten. Am kommenden Dienstag ist in Brüssel ein Treffen mit acht EU-Staaten geplant, die von dem Stopp besonders betroffen sind.

Dies sind Bulgarien, Ungarn, Slowenien, Österreich, Kroatien, Italien, Griechenland und Rumänien.

Mehr Gas nach Südosteuropa

Insgesamt gehe es um die Frage, wie Südosteuropa schneller an das europäische Leitungsnetz für Gas angeschlossen werden könne, sagte eine Sprecherin der Brüsseler Behörde am Dienstag. Das Treffen am Rande einer Tagung der europäischen Energieminister sei sowieso geplant gewesen.

Durch die 2380 Kilometer lange Erdgasleitung wollte Russland Gas an der Ukraine vorbei durch das Schwarze Meer nach Bulgarien und von dort über Serbien bis nach Westeuropa pumpen.

Russlands Präsident Wladimir Putin hatte am Montagabend überraschend bekanntgegeben, dass Moskau die Pläne aufgibt. Das Projekt sei wegen der «Blockadehaltung» der EU sinnlos geworden, sagte er in Ankara. Gazprom-Chef Alexej Miller betonte: «Das war's. Das Projekt ist geschlossen.» Als Alternative hätten Russland und die Türkei den Bau einer Offshore-Pipeline vereinbart.

Betroffene Balkanstaaten enttäuscht

Betroffene Balkanstaaten reagierten enttäuscht, darunter Serbien, das als enger Partner Moskaus gilt. «Serbien war in keiner Weise an dieser Entscheidung beteiligt», sagte Regierungschef Aleksandar Vucic dem Staatsfernsehen RTS. «Wir haben sieben Jahre in dieses Projekt investiert, aber wir zahlen jetzt den Preis für die Konflikte der Mächtigen.» Vucic kündigte Gespräche mit Putin an, um den Kremlchef umzustimmen.

Putin kritisierte, dass sich vor allem Bulgarien auf Geheiss der EU querstelle. «Die Position der EU-Kommission ist nicht konstruktiv und entspricht nicht den Wirtschaftsinteressen Europas.» Die Regierung in Sofia hatte nach Bedenken aus Brüssel die Vorbereitung für den Bau des bulgarischen Abschnitts der South Stream auf Eis gelegt, bis das Projekt im Einklang mit den EU-Regeln gebracht werde. Das einst kommunistische Balkanland hängt auch fast acht Jahre nach dem EU-Beitritt beinahe komplett von russischen Gaslieferungen ab. (sda)

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