Die Waschmaschine hat mehr verändert als Wikileaks

Der Hype um Wikileaks wird zum absurden Theater. Höchste Zeit für einen lehrreichen Vergleich.

Arbeitsaufwand massiv verringert: Einführung der Waschmaschine.

Arbeitsaufwand massiv verringert: Einführung der Waschmaschine.

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Thomas Friedman ist Kolumnist bei der «New York Times» und gehört zweifellos zu den einflussreichsten Journalisten auf diesem Planeten. Heute schreibt er in seiner Kolumne: «Das Weltsystem wird derzeit von zwei neuen Mächten herausgefordert: einer aufstrebenden Supermacht, die China genannt wird, und einer aufstrebenden Versammlung von super ermächtigten Individuen, die unter anderem von Wikileaks repräsentiert wird. Globalisierung, technische Integration und das generelle Flachwerden der Welt hat einzelne Individuen so mächtig werden lassen, dass sie nun jede Hierarchie in Frage stellen können – ob globale Bank oder Nationalstaat – und zwar als Individuen.» Mit anderen Worten: Ein Cyber-Hacker ist gleich mächtig wie China. Der Mann meint das ernst.

Bei allem Respekt vor Julian Assange und seiner bunt zusammengewürfelten Hacker-Truppe – wir sollten wieder auf den Boden kommen. Sicher ist es dem bleichgesichtigen Cyber-Anarchisten gelungen, die Grossmacht USA in Verlegenheit zu bringen und die Phantasie der intellektuellen Szene der postmodernen Welt anzuregen. Tiefsinnige Abhandlungen über das Ende der Privatsphäre und den gläsernen Menschen zieren die Titel von Magazinen. Leitartikel und Essays im Feuilletons bedeutender Zeitungen sind im Dutzend billiger zu haben. Anarcho-Liberale und Linke streiten sich darüber, ob Assange gegen den Staat oder gegen die Banken kämpft. Und trotzdem: Die Bilanz des Internets ist, stellt man sie in eine historische Perspektive, immer noch sehr bescheiden.

«23 Lügen»

Ha-Joon Chang ist ein südkoreanischer Wirtschaftswissenschaftler, der an der britischen Universität Cambridge forscht und lehrt. In seinem jüngsten Buch «23 Lügen, die Sie uns über den Kapitalismus erzählen», vergleicht er unter anderem die ökonomischen Folgen des Internets mit denjenigen der Waschmaschine. Das Gerät, das heute in jedem Haushalt eine Selbstverständlichkeit ist, hat die moderne Gesellschaft nachhaltig geprägt. Zusammen mit dem elektrischen Bügeleisen hat sie dazu geführt, dass sich der Aufwand für die Wäsche um das sechsfache verringert hat. Die soziologischen Folgen sind massiv: Anstatt tagelang in der Waschküche zu stehen, wurden auch verheiratete Frauen wieder berufstätig, und zwar im grossen Stil. Das wiederum hatte zur Folge, dass auch in ihre Ausbildung investiert wurde und das wiederum, dass sich ihre Karrierechancen erhöht haben. Die Folge waren weniger Kinder und höhere Scheidungsraten. «All das hat die traditionelle Familiendynamik verändert», stellt Chang fest. «Alles in allem sind die Veränderungen dramatisch.»

Ohne die Möglichkeit des Internets zu leugnen – mit der Waschmaschine kann es noch lange nicht mithalten. Zwar lässt sich sein Einfluss auf die Gesellschaft heute noch schwer abschätzen. Wahrscheinlich wird er jedoch massiv überbewertet: «Die Menschen neigen dazu, über die neuesten und auffälligsten Techniken in Verzückung zu geraten», sagt Chang.

Magere Bilanz

Der aktuelle Wikileaks-Hype ist der beste Beweis dieser These. Legt man nämlich die gesamte Hacker-Anarcho-Romantik mal beiseite und betrachtet nüchtern, was an Inhalten bisher zutage gefördert wurde, ist die Bilanz mager: Sarkozy ist eitel, Berlusconi ein Trottel und Frau Merkel ein bisschen langweilig. Wer hätte das gedacht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 15.12.2010, 15:33 Uhr

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