Die Wut im Angesicht des Todes

Seit er in der Talkshow von Günther Jauch eine Schweigeminute für die ertrunkenen Flüchtlinge im Mittelmeer einforderte, ist Harald Höppner berühmt. Er will nicht untätig bleiben, während Hunderte sterben.

Harald Höppner in dem Fischkutter, der mit Hunderten von Rettungsinseln und einem Arzt auf dem Weg ins Mittelmeer ist. Foto: Kristoffer Finn (Stern, laif)

Harald Höppner in dem Fischkutter, der mit Hunderten von Rettungsinseln und einem Arzt auf dem Weg ins Mittelmeer ist. Foto: Kristoffer Finn (Stern, laif)

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Ein Laden in Berlin-Prenzlauer Berg. Es riecht nach Räucherstäbchen, und ­zwischen Batikhosen und steinernen Buddhas steht plötzlich ein unrasierter Zweimetermann mit weit aufgerissenen Augen in einem Jungsgesicht. Es ist der Betreiber dieses Ladens für Textilien, Möbel und Krimskrams aus der Dritten Welt. Ein Schlaks in Jeans, ausgeleiertem Wollpulli und Trekkingschuhen. «Hi», sagt er, «ich bin Harald.»

«Kapitän Hoffnung» nennt ihn der Boulevard. Den Robin Hood der Flüchtlinge. Einen unerschrockenen Kämpfer für das Recht auf Asyl, «allein gegen die Schlepper-Mafia». Das klingt nach Heldenverklärung. Er grinst verlegen, wenn man ihn auf die Schlagzeilen anspricht. Harald Höppner sagt: «Okay, wenns der Sache dient.» Was man eben so sagt, wenn man plötzlich in den Fokus der Medien gerückt ist. Seit Sonntag kennen viele sein Gesicht.

Da erlebten Millionen Menschen in der ARD, wie Harald Höppner in der Talkshow von Günther Jauch auf die Bühne sprang und den Moderator samt seinen Gästen aufforderte, sich von ihren Plätzen zu erheben, um jenen Menschen eine Schweigeminute zu schenken, um die es in dieser Sendung ging: nämlich den Hunderten Flüchtlingen, die in der vergangenen Woche im Mittelmeer ertrunken waren, auf dem Weg in eine bessere Zukunft in Europa.

Zwischen Bewunderung und Angst

Seither steht Harald Höppners Handy nicht mehr still. TV-Sender, Zeitungen, Radiostationen, sie alle wollen wissen, wer denn der Mann ist, den die Re­daktion von «Jauch» eigentlich ein­geladen hatte, damit er sein Projekt zur Flüchtlingshilfe vorstellen kann. 42  Jahre. Importeur, Hobbybauer, Ehemann, drei Söhne, der kleinste erst vier.

Sein Projekt nennt sich Sea-Watch, und wenn man hört, was Höppner damit vorhat, ist man hin- und hergerissen zwischen Bewunderung für seinen Mut und Angst vor seiner Naivität.

Mit seinem Freund und Geschäftspartner Matthias Kuhnt hat Höppner für 60 000 Euro einen alten Fischkutter gekauft und so umgebaut, dass eine Crew von acht Leuten darin wohnen kann. Und so viele sind es auch, die am Sonntag in See gestochen sind Richtung Mittelmeer. Ärzte, Rechtsanwälte, Kapitäne und andere Ehrenamtliche, die alle ­eines gemein haben: die Wut darüber, dass Politiker tatenlos zusehen, wie das Mittelmeer zum Grab für Asylsuchende wird. Ihr Zorn gilt der Europäischen Union (EU). Ende 2014 hat sie ihre ­Zuschüsse zur Rettungsmission «Mare Nostrum» in Italien eingestellt.

Im Vakuum

«Mare Nostrum», das war so etwas wie ein Anker für die Flüchtlinge, die in überfüllten Booten kenterten. Die italienische Regierung hatte ihn ausgeworfen, nachdem am 3. Oktober 2013 fast 400 Flüchtlinge vor der Insel Lampedusa ertrunken waren. In den folgenden zwölf Monaten bewahrte die italienische Marine nach eigenen Angaben 100 000 Bootsflüchtlinge vor dem Tod.

Doch nach einem Jahr wurde der Geldhahn wieder zugedreht. Mit der Operation «Triton» beschloss die EU zwar eine Nachfolgemission, doch erstens reicht deren Radius nicht weit über Italiens Küste hinaus, und zweitens liegt sie in den Händen von Frontex, einer ­europäischen Grenzschutz-Organisation, von der Kritiker sagen, ihr gehe es eher darum, Einwanderer abzuhalten – nicht darum, sie zu retten.

In dieses Vakuum will Harald Höppner in den nächsten Monaten mit seinem Kutter stossen. An Bord hat er Hunderte Rettungsinseln, ein Arzt ist auch dabei und ein Notrufsystem, mit dem die Crew die italienische Marine und vorbeifahrende Containerschiffe alarmieren kann. Es ist ein schmaler Grat, auf dem sich die Helfer bewegen. Denn wer Flüchtlinge aus Seenot rettet, begibt sich selber in Gefahr.

Zivilcourage

Doch sollte es je einen Zweifel daran gegeben haben, dass es Harald Höppner mit seiner Initiative verdammt ernst ist, dann hat er ihn am Sonntag in der Talk­show von Günther Jauch ausgeräumt. Es war ein Auftritt, wie man ihn nur ­selten im TV erlebt. Zuschauer gratu­lierten ihm zu seiner Zivilcourage.

Denn diese Schweigeminute für die Flüchtlinge war weder geplant noch mit der Redaktion abgesprochen. Höppner sagt, bei ihm sei eine Sicherung durchgebrannt, so wütend habe ihn diese ­Sendung gemacht. Das «populistische Geschwafel» des «Weltwoche»-Chef­redaktors Roger Köppel, dem keine ­andere Lösung für das Flüchtlings­problem eingefallen war als die, dass «der Kanal Mittelmeer dichtgemacht werden müsse». Und der Eindruck, dass es in der Sendung gar nicht um die toten Menschen ging, sondern um die alten Stammtischparolen.

Höppners Stimme ist jetzt laut geworden, er haut mit der Handkante einmal auf den Tisch. «Es kann nicht sein, dass Flüchtlinge erst durch ein Minenfeld ­laufen müssen, solange es bei uns das Grundrecht auf Asyl gibt.»

Dass das ein bisschen pauschal klingt, nach linker Gutmenschenprosa, wird ihm in diesem Moment wohl selber bewusst. Er sagt, er wähle die Grünen, doch die grosse Politik sei nicht sein Ding. Er sei eher der Macher, ein Mann für pragmatische Lösungen.

Eine neue Mauer um Europa?

So entstand Sea-Watch. Höppner sagt, die Idee sei ihm während der Feier zum 25-Jahr-Jubiläum des Mauerfalls gekommen. Da stand er am 9. November 2014 vor der Mauergedenkstätte in Berlin und redete mit anderen Berlinern über das Thema Flucht. «Wie können wir den Mauerfall feiern und gleichzeitig eine neue Mauer um Europa ziehen?»

Höppner sagt, er sei ein Kind der DDR. Er kenne das Gefühl, eingesperrt zu sein. Es sei eine schöne Jugend ge­wesen, im Osten Berlins, als Sohn einer Arztfamilie. Aber dass sie nicht reisen durften, wohin sie wollten, das habe ihn schon deprimiert.

Wo ihm doch regelmässig Postkarten aus der ganzen Welt ins Haus flatterten und ihm zeigten, was es alles noch zu entdecken gab, Wüsten und Vulkane, Elefanten und Pinguine. Elsa, seine Grossmutter, schickte sie ihm von ihren Reisen. Eine Frau, von der er sagt, sie habe ihn grossgezogen. Kriegerwitwe. Medizinerin, Globetrotterin. Als Rentnerin habe sie die Welt erkundet. Auf Containerschiffen. Höppner senkt den Blick in sein Bierglas. Er sagt: «Ich bin wie sie.»

Nach der Wende packte er seinen Rucksack und flog los. Mit Peking fing es an. Er sagt, viel habe er nicht über China gewusst. Ein Freund habe gesagt: «Komm her, ist cool hier.» Seither hat Harald Höppner beinahe die ganze Welt bereist und sein Hobby zum Beruf gemacht. Auch als Importeur von Textilien und Möbeln ist er, der EDV-Fachmann, viele Wochen im Jahr unterwegs, in ­Indien und Nepal, in Mexiko oder ­Marokko. Er sagt: «Ich mag es, wenn das Leben bunt und laut ist und chaotisch.»

Aber Heimat sei eben dort, wo seine Familie und Freunde lebten, auf einem Hof im Speckgürtel von Berlin. Und hier sei der Entschluss gereift, dass ein Schiff her müsse, um denen zu helfen, die ihr Zuhause verloren hätten. So hat es der Pragmatiker gern: einfache Lösung, komplexes Problem.

Das ist kein Abenteuer

Sein Handy klingelt schon wieder, zum fünften Mal während dieses Interviews. Er seufzt laut. «Wo bin ich hier bloss reingeraten?» Er sagt, er sei schon jetzt ­völlig ausgepowert. Die vielen Presse­anfragen. Eine Spendenlawine, die auf ihn zurollt. Die PR-Maschine läuft wie geölt seit der Jauch-Show, doch es ist ­alles ein bisschen viel.

Er sagt, in vier Wochen fliege er nach Malta, um mit der Crew in See zu stechen. Seine Firma laufe auch ohne ihn. Ganz wohl ist ihm dabei nicht, das sieht man ihm an. Dies ist kein Abenteuer mehr, das ist bitterer Ernst.

Denn die Medien mit Bildern von Flüchtlingen in Seenot zu versorgen, um Druck auf die Politik zu machen, ist das eine. Aber was ist, wenn Flüchtlinge in Panik geraten und den Kutter entern? Wenn ihm die Frontex-Leute in die Quere kommen?

Höppner sagt, wegschauen sei keine Alternative. Es sei eben etwas für ganz harte Kerle. Er vertraue darauf, dass ­alles gutgehe. Ein leises Fragezeichen aber schwingt doch mit in seiner Stimme. Er sagt: «Für alle Fälle haben wir uns schon einen Psychotherapeuten besorgt.»

Erstellt: 22.04.2015, 23:28 Uhr

Private Helfer

Wenn Regierungen zögern

Das Leid und die Not der Flüchtlinge im Mittelmeer rufen Privatpersonen auf den Plan. Sie gründen eigene Hilfsorganisationen und schicken Rettungsboote aufs Mittelmeer – Harald Höppner ist nicht der Erste. Das Ehepaar Regina und Christopher Catrambone etwa hilft von Malta aus. Die wohlhabenden US-Amerikaner verfügen über ein 40 Meter langes Schiff, Rettungsboote und Drohnen, um Flüchtlingsboote zu orten. Seit August konnten sie rund 3000 Menschen retten.

Die Organisation Watch the Med betreibt schon seit 2013 ein Alarmtelefon, das Notrufe von Flüchtlingen entgegennimmt, deren Schiffe ortet und die Daten an Frachtschiffe in der Nähe und die Küstenwache weitergibt. Auch Schweizer sind an diesem Netzwerk beteiligt.

Besonders wichtig sind auch Handelsschiffe, die Hunderte gerettet haben. Die psychische Belastung ist so gross, dass einige Seeleute nicht mehr auf dem Mittelmeer eingesetzt werden wollen. (TA)

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