«Die Zeit vergeht, aber Maradona bleibt»

Diego Armando Maradona und Neapel, das war auch eine politische, kulturelle, quasireligiöse Erfahrung. Reise in eine Stadt, die den Mythos nicht vergisst, samt Heuchelei.

Verehrt wie ein Messias: Maradona-Heiligenschrein in Neapel.

Verehrt wie ein Messias: Maradona-Heiligenschrein in Neapel. Bild: Salvatore Laporta/Keystone

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Ins Paradies darf niemand mehr, dafür haben sie gesorgt. Das blaue Tor ist verriegelt. Davor steht ein Auto, der rechte Rückspiegel hängt herunter. Ein alter Mann im Trägerhemd schleppt Werkzeuge in seinen Garten auf der anderen Strassenseite, er hält dort Hühner, Hunde, ein Zwergpony. «Die Leute haben nur noch Abfall abgeladen da drinnen, da haben wir uns in der Nachbarschaft entschieden, das Tor zu versiegeln.»

Im Centro Paradiso in Neapel, einem verlassenen Fussballstadion im Stadtteil Soccavo gleich unter der Ringstrasse, zwischen Berg und Meer, überwachsen von wilder, von der Sonne verbrannter Flora, hat Diego Armando Maradona trainiert. Damals, in den Achtzigern, als Napoli plötzlich gross war, die Stadt und der Verein. Auf dem Dach der Welt sassen sie, wie die Italiener so schön sagen. Beneidet von allen.

Am blauen Tor hängen Zeitungsausschnitte und Auszüge aus alten Alben von Panini. Maradona, überall. Es sind Farbkopien, nur ein bisschen vergilbt. Sie werden nach jedem grossen Regen frisch geklebt. «Finalmente sì», steht auf der Frontseite des «Corriere dello Sport». Endlich ja.

In Neapel erinnert man sich auch an die genauen Uhrzeiten aller Ereignisse aus jenem Sommer 1984, als Maradona über die Stadt kam. An die Landung in Rom, mit Alitalia aus Barcelona. An die Fahrt nach Neapel, den Abstecher nach Capri. Und natürlich an die Vorstellung im San Paolo. 5. Juli, 18.30 Uhr. Das Stadion war voll, 70'000 waren gekommen. Ein Platz in der Kurve kostete 1000 Lire, der Preis von zwei Kaffees. Maradona trug den Trainingsanzug mit langer Hose, mitten im Sommer, jonglierte ein bisschen mit dem Ball und drosch ihn dann in den Himmel Neapels.

Der weltbeste Fussballer des Moments, er hatte sich tatsächlich entschieden, nach Neapel zu kommen. Mit 24 Jahren, in der Blüte seiner Karriere. Nicht nach Mailand, nicht nach Turin, auch nicht nach Rom. Nach Neapel.

Ein Versprechen für alle

44 Tage hatte das Zerren gedauert, bis sich der FC Barcelona überzeugen liess, dass die Neapolitaner das Geld zusammenhatten für den Transfer. Das Drama mit dem glücklichen Ende, man erlebte es wie eine Revanche über den reichen, blasierten Norden des Landes, wie eine Befreiung von allen historisch gewachsenen Ungerechtigkeiten und Klischees, die auf dem Süden lasten.

Finalmente sì!

In diesem Ja lag das Versprechen, dass der Glanz des Grössten sich auf alle legen würde, in jeder Hinsicht, und das sollte auch das Management des Sportlers bald erfahren. Geplant hatte es, die grosse Euphorie um Maradona mit Fanartikeln zu nähren und zu bedienen. Die Maradona Productions war schon gegründet, die Firma hatte ein teures Büro mitten in der Stadt gemietet.

«Maradona packte diese Stadt auf seine Schultern wie ein politischer Anführer.»Massimiliano Gallo, Chefredaktor «Il Napolista»

Doch bevor Maradona überhaupt in Neapel ankam, war die Stadt schon geflutet mit Ware. Inoffizielle Leibchen mit der 10 auf dem Rücken, Bücher, Puppen, Socken, sogar Perücken, alles schon da. Nach vierzehn Tagen löste die Maradona Productions ihren Mietvertrag wieder auf, es hatte keinen Sinn. Maradona sagte einmal, es sei nur richtig, dass die Menschen etwas davon hätten. Die Marktstände sind bis heute voll mit billigen Souvenirs vom «Goldjungen».

Maradona wohnte nicht weit vom Centro Paradiso, zehn Minuten mit dem Auto, an einem Hang im schönen Pozzuoli, Via Scipione Capece. Dort leben die, die es sich leisten können. Die Fassaden der Villen mit ihren grossen Terrassen, wie hingeklebt an den Hügel, müssen jeden Sommer frisch gemalt werden, weil die Feuchtigkeit vom Meer sie zerfrisst. Nur ein paar Pinien verstellen die Sicht auf den Vesuv, den Golf, die Halbinsel von Sorrent, die da vorn verschwommen im Hitzedunst liegt. Die Pinien riechen nach Süden, trocken und herb. In der Bar bei der Tankstelle wissen sie, dass nun Mario Rui im Haus Maradonas lebt, ein mittelmässiger portugiesischer Aussenverteidiger der Società Sportiva Calcio Napoli.

Widersprüche und Exzesse

«Maradona packte diese Stadt auf seine Schultern wie ein politischer Anführer», sagt Massimiliano Gallo, der Gründer und Chefredaktor der Onlinezeitung «Il Napolista», die Fussball und Politik mischt. Der Argentinier kam aus armen Verhältnissen, sieben Geschwister teilten ein Zimmer. «Arm, aber genial, so sehen sich die Neapolitaner auch.» Mit seinem Hang zu Exzessen, seinem prallen Herzen, mit allen Widersprüchen passte Maradona gut nach Neapel.

«Er war ein Linkspopulist vor der Zeit, eine revolutionäre Figur auch jenseits des Sports», sagt Gallo. Er vergleicht ihn mit Muhammad Ali. Politik mit anderen Mitteln. Maradona wehrte sich gegen den Kapitalismus im Fussball, gegen mächtige Clubpräsidenten und hohe Funktionäre im Weltverband. Der Fussball sollte dem Volk gehören, nur ihm. Darin war er stur, ein Kämpfer. Aber natürlich, sagt Gallo, stecke in dieser Überhöhung auch viel Heuchelei.

Überall in den Strassen von Neapel findet man Hommagen an Maradona. Foto: iStock

Maradona kam auch deshalb nach Neapel, weil man ihn toll bezahlte. Die Serie A, Italiens Meisterschaft, war mal die beste Liga der Welt. Man habe ihn überhäuft mit Geld, sagte Maradona selbst einmal. Es war damals gerade viel Geld im Umlauf, auch aus tragischem Anlass. Nach dem grossen Erdbeben in der Irpinia 1980, das auch Neapel traf, gab es Milliarden für den Wiederaufbau, und Bauaufträge in Fülle. In jeder Strasse wurde eine Anwaltskanzlei eröffnet. Der Banco di Napoli war eine nationale Grösse. Und am Rand des alten Stadtzentrums entstand das Centro Direzionale, ein Viertel nur aus Hochhäusern, das so gar nicht in die Szenerie passt. Entworfen hatte es ein Stararchitekt aus Japan.

Man redete sich ein, Neapel sei jetzt die Hauptstadt des ganzen Mittelmeerraums. Regiert wurde die Stadt in jenen Jahren von der geschäftigen Democrazia Cristiana. Die neapolitanische Fraktion der Partei war so stark, dass sie auch in Rom ein Machtfaktor war, zeitweise stellte sie sieben Minister.

Ein Foto zeigte ihn in einer Badewanne, umgeben von zwei Narcos. Alle lachen.

«Neapel leidet an Minderwertigkeitskomplexen und fühlt sich ständig eingekreist», sagt Gallo. Aber damals sei die Stadt stark gewesen. Der Mythos vom armen Verein, der über alle Mächte und Verschwörungen siegte, war ein hübsches Märchen, in dem man sich gerne spiegelte. Zwei Meistertitel gewann Napoli mit Maradona, die ersten überhaupt in der ganzen Vereinsgeschichte. Und eine europäische Trophäe noch dazu. Napoli gewann nur mit Maradona.

Nichts konnte ihm etwas anhaben, auch die Verteufelung nicht, im Gegenteil, sie stärkte ihn. Jede Skandalgeschichte in den Zeitungen des Nordens empfand man in Neapel als Angriff auf die Stadt. Die Drogen, die Probleme mit dem Finanzamt, die Nähe zur Camorra? Alles erfunden! Aus Neid! Um Neapel zu schaden! Die Aura Maradonas wurde nicht einmal von einem Foto beschädigt, das ihn in einer Badewanne in Muschelform bei den Giulianos zeigt, dem Clan aus dem Stadtteil Forcella. Umgeben von zwei Narcos, alle drei gekleidet, alle lachen. Die Polizei fand das Foto bei einer Hausdurchsuchung. Doch wer wollte den ersten Stein werfen?

Das triumphale Mantra

Am blauen Tor des Centro Paradiso hängt auch ein Poster: ein junger Maradona in rotem Gewand mit Heiligenschein, die Hände zur Segnung erhoben. «Santo Diego», steht dazu.

«Ho visto Maradona», ich habe Maradona gesehen, wurde zum triumphalen Mantra. Sie singen es noch heute im Chor, als wäre ihnen der Messias erschienen. Für viele war diese Möglichkeit, Maradona zu sehen, jeden zweiten Sonntag im San Paolo, die einzige Extravaganz ihres Alltags, ihr ganzer Reichtum.

«Die Zeit vergeht, aber er bleibt», sagt der Barmann in der Bar Nilo an der «Spaccanapoli», der Strasse, die das dichte historische Zentrum wie eine lange, gerade Furche durchzieht. Das Lokal ist ein Schrein, eine einzige Hommage an Maradona. An der Wand rechts neben dem Eingang hängt ein reich verzierter Altar, mit Marienbildchen und Fotos. Das beste Stück ist eine Locke Maradonas, sie ist eingerahmt. «Er war alles», sagt der Barista.

Es gibt auch Pizzerias zu Ehren Maradonas. In einer Kirche Neapels begehen sie dessen Geburtstag wie Weihnachten. In den Gassen der Quartieri Spagnoli, des Bauchs der Stadt, haben sie Maradona auf viele Hauswände gemalt, manche dieser Graffiti sind so gross wie ganze Häuser.

Die Legende ist intakt, vielleicht ist sie mit den Jahren sogar noch grösser geworden, als sie es früher war. Versetzt mit Wehmut und Romantik. Mag die Welt auch über Maradona lachen, über seine Gewichtsprobleme, die Aussetzer in der Öffentlichkeit, die Wirren seiner Familie und die durchzogene Fortüne als Trainer: In Neapel verehren sie ihn wie ein Kulturgut. Ein Museum haben sie ihm aber nicht gewidmet, wo es doch Museen für viel weniger gibt. Das Museum ist drinnen, in den Erinnerungen. So lässt sich die Geschichte zur Not auch besser biegen und schönen.

Die Oper für die Rückkehr

Wenn Maradona nach Neapel kommt, buchen sie die Oper für ihn, das Teatro San Carlo, und der Staat bietet die Armee auf. Sonst wäre das Chaos zu gross. Das pralle Herz der Stadt, es platzt dann fast. Maradona war kein moderner Profi, keiner dieser stromlinienförmigen, von Kommunikationsabteilungen geglätteten Nichtssagern. Er sagte, was er dachte. Das war nicht immer sehr schlau, aber er war frei. Ein Revolutionär.

«Capo popolo», sagt Massimiliano Gallo vom «Napolista». Ein Chef des kleinen, grossen Volkes. Wenigstens in Neapel. Ein sanfter Demagoge mit Ball.

Erstellt: 02.09.2019, 21:12 Uhr

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