«Die Zyprioten sind anders als die Griechen»

Ein einschneidendes Sparpaket wird geschnürt und Präsident Anastasiadis wird des Insiderhandels verdächtigt. Die Journalistin Athena Arsalidou sagt, weshalb die Zyprioten trotzdem so besonnen bleiben.

Protest ohne Gewalt: Zypriotische Studentinnen demonstrieren in Nikosia. (26. März 2013)

Protest ohne Gewalt: Zypriotische Studentinnen demonstrieren in Nikosia. (26. März 2013) Bild: Keystone

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Es werden immer mehr Details zur Umsetzung des Sparpakets bekannt (siehe Box links). Wie reagiert die Bevölkerung auf die angekündigten Massnahmen?
Nach dem ersten Schock sind die Leute nun auf dem harten Boden der Realität gelandet. Sie bekommen im Alltag zu spüren, was die Einschnitte für sie bedeuten. Bankkunden, die kurz vor dem Schuldenschnitt noch versuchten, ihre Ersparnisse mit Kreditkarteneinkäufen unter 100'000 Euro zu drücken, wissen nun, dass dies nicht funktioniert hat. Jetzt ist allen klar, dass die angedrohten Massnahmen radikal umgesetzt wurden.

Hat die Wut auf die europäischen Geldgeber noch zugenommen?
Die Leute fühlen sich betrogen und sind enttäuscht. Doch auf der Strasse ist es bisher ruhig geblieben. Präsident Anastasiadis hat sich gestern nochmals deutlich für den Verbleib in der Eurozone ausgesprochen. Ich habe das Gefühl, dass eine Mehrheit der Bevölkerung diese Meinung noch teilt. Ich sage bewusst noch, weil die Stimmung stark von der Umsetzung des Sparpakets abhängt.

Schlägt nun die Stunde der Nationalisten? In Griechenland erhielt in der Folge der Krise gar eine rechtsextremistische Partei eine Stimme im Parlament.
In Zypern verhält sich die Bevölkerung glücklicherweise zurückhaltender. Auch wenn sich dies keinesfalls pauschalisieren lässt: Die Zyprioten sind anders als die Griechen – weniger aufbrausend. Sie behalten auch in prekären Situationen, wie jetzt, einen kühlen Kopf. Das zeigte sich etwa darin, dass der befürchtete Bankrun nicht eingetroffen ist. Die Zyprioten sorgen sich zwar stark um ihr Geld und suchten auch den Kontakt zu ihren Geldinstituten. Die Situation geriet jedoch nie ausser Kontrolle, wie das in Athen teilweise der Fall war. Gewalttätige Anschläge auf Banken blieben aus. Wir erinnern uns: Damals befanden sich fast mehr Journalisten als Bankkunden vor den Filialen. Doch freuen wir uns nicht zu früh. Die Sparmassnahmen stehen am Anfang, und vieles ist noch ungewiss.

Anastasiadis hat übers Wochenende neue Massnahmen gegen die Krise angekündigt. So soll beispielsweise der Bau von Casinos erlaubt werden.
Das ist in Zypern seit Jahren ein grosser Streitpunkt. Es geht dabei weniger um den Widerstand der mächtigen orthodoxen Kirche, wie in gewissen Medien behauptet wird, sondern um wirtschaftliche Aspekte. Bis anhin flossen jährlich Millionen von Euro nach Nordzypern, weil im türkisch besetzten Gebiet das Glücksspiel seit jeher erlaubt war. In Zypern war dies unter dem Marxisten Dimitris Christofias, der Zypern bis ins Jahr 2009 präsidierte, strikte untersagt. Durch die Wirtschaftskrise bekräftigt Anastasiadis nun seine Forderung, den Bau von Casinos zuzulassen, weil er sich dadurch hohe Einnahmen verspricht.

Der Präsident steht nun auch selbst in der Kritik. Es geht um die Weitergabe von Insiderinformationen.
Konkret geht es um 21 Millionen Euro, welche die Firma seines Cousins kurz vor der Bekanntgabe des Schuldenschnitts nach Grossbritannien und Deutschland überwiesen hat. Anastasiadis wehrt sich vehement, indem er sagt, er habe vor der ersten Sitzung mit dem Euroclub noch nichts von den Massnahmen gewusst.

Glaubt ihm die Bevölkerung?
Die Opposition glaubt ihm natürlich nicht. Auch das Volk wird aufmüpfig und fordert mehr Transparenz. Der Präsident ist ja nicht der Einzige, dem vorgeworfen wird, er habe das Land betrogen.

Sie sprechen es an. Zurzeit kursiert eine Liste mit Politikern und Unternehmern, welche grosse zypriotische Banken um deren Kredite betrogen hätten.
Darunter sind viele namhafte Parlamentarier und Minister. Als Reaktion verweisen sie auf ein Missverständnis und bekräftigen, dass sie der Laiki-Bank nichts schulden. Doch die Bevölkerung glaubt ihnen nicht. Die Bevölkerung verlangt nach Aufklärung und mehr Transparenz.

Jetzt, wo der Präsident selbst unter Betrugsverdacht steht: Ist diese Regierung noch tragbar?
Die Leute, die ihn gewählt haben, sind in erster Linie enttäuscht. Doch die Forderung nach sofortigen Neuwahlen wird nicht ernsthaft gestellt. Ein Grossteil der Bevölkerung denkt längerfristig und ist sich bewusst, dass die Organisation einer Wahl ein aufwendiges Verfahren ist und viel Geld kostet. In dieser hektischen Phase wäre dies äusserst kontraproduktiv. Auf Facebook und Twitter mehren sich jedoch die Stimmen, dass Anastasiadis zurücktreten soll. Das Vertrauen ist nicht mehr da.

Erstellt: 02.04.2013, 16:40 Uhr

Noch hält die Bevölkerung zu Europa: Athena Arsalidou, Journalistin bei der Cyprus News Agency (CNA), der grössten Nachrichtenagentur Zyperns.

Neue Details zum Sparpaket

Verschiedene Medien wie die zypriotische Zeitung «Fileleftheros» berichten über ein einschneidendes Sparpaket, das kurz vor dem Abschluss steht. Folgende Massnahmen sollen geplant sein:


  • Die Gehälter für Staatsbedienstete sollen um 6,5 bis 12,5 Prozent fallen.

  • Die Renten aller Arbeitnehmer sollen um 3 Prozent gekürzt werden.

  • Neue Immobiliensteuern in Höhe von 70 Millionen Euro seien geplant.

  • Die Unternehmenssteuer werde von 10 auf 12,5 Prozent erhöht.

  • Die Steuern für Tabak, Alkohol und Treibstoffe sollen steigen.

  • Die Mehrwertsteuer werde im laufenden Jahr von 17 auf 18 und im kommenden Jahr auf 19 Prozent erhöht.

  • Der Staat werde durch Privatisierungen verschlankt.

Finanzminister zurückgetreten

Finanzminister Michalis Sarris ist heute zurückgetreten. Staatschef Nikos Anastasiades akzeptierte den Rücktritt seines Ministers, wie Präsidentensprecher Christos Stylianides in Nikosia mitteilte. Einer der Gründe für seinen Rücktritt war nach Angaben von Sarris, dass er eine Führungsrolle bei der Laiki-Bank innehatte, die im Zuge der Umstrukturierung des zyprischen Bankensektors abgewickelt werden soll. Die zyprische Zeitung «Phileleftheros» meldete, sein Nachfolger werde der bisherige Arbeitsminister Charis Georgiades. Sarris hatte in den vergangenen Wochen das umstrittene Rettungspaket für das überschuldete Euroland mit ausgehandelt. Vor allem die zunächst geplanten Zwangsabgaben auch für Kleinanleger hatten in Zypern heftige Proteste ausgelöst. Später wurden die Abgaben auf Einlagen von über 100'000 Euro beschränkt.

Zyperns Präsident geht in die Offensive

Zyperns Präsident Nikos Anastasiades will offensiv gegen Vorwürfe vorgehen, ob Bankkunden und Unternehmen nach Warnungen vor Zwangsabgaben rechtzeitig Geld ins Ausland schaffen konnten. Die Anschuldigungen betreffen auch Familienmitglieder des Präsidenten.

Heute vereidigte Anastasiades eine vom Parlament eingesetzte Kommission aus drei ehemaligen Richtern. Sie soll sich mit Ursachen der Krise befassen und zudem die Vorwürfe einer Kapitalflucht von Anlegern untersuchen, die Mitte März Insiderinformationen über bevorstehende harte Massnahmen genutzt haben sollen. (sda)

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