Die bulgarische Faust Gottes

Ein zorniger Minister aus Bulgarien verdammt sein ungläubiges Volk.

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Zuerst die nackten Fakten: In Bulgarien wurden bei Ausgrabungen vor der Schwarzmeerstadt Sosopol menschliche Knochen und ein Zahn gefunden. Sie lagen in einer Urne, die man im Altar eines alten Klosters auf der heute unbewohnten Insel Sveti Ivan entdeckt hatte.

Nun zu den Interpretationen: Der Leiter der Ausgrabungen schrieb die Gebeine sofort Johannes dem Täufer zu, die Reliquien seien im 5.?Jahrhundert nach Christus an die Schwarzmeerküste gebracht worden. Bulgariens oberster Archäologe und Experten des Vatikans hingegen warnten vor voreiligen Schlüssen: Der Fund müsse erst gründlich untersucht werden.

«Verfluchtes Volk»

Mehr brauchten die Skeptiker nicht zu sagen, schon zog wie ein Gewittersturm der Zorn eines gewichtigen Politikers auf. Wo, verdammt noch mal, so viel Neid «dieses verfluchten Volkes und dieser verfluchten Kollegen» her komme, polterte Boschidar Dimitrow vor einer Journalistin. Dimitrow ist Minister in der Regierung von Premier Bojko Borisow und hat offiziell kein Portefeuille (wohl aus gutem Grund). Er darf sich aber um Bulgaren im Ausland und das Verhältnis des Staates zur Kirche kümmern. Das ist insofern pikant, als viele Bulgaren (verbohrte Nationalisten und religiöse Fanatiker ausgenommen) Dimitrow eher als Rache Gottes betrachten.

Seinen Fluch auf das Volk nahm Dimitrow wieder zurück: Als Nationalist habe er niemals die Bulgaren beschimpfen wollen, nur einige Kollegen. Gleich danach verdammte Dimitrow jedoch in Bausch und Bogen die bulgarischen Frauen, weil sie keinen Respekt zeigten und «höchstens die Brustwarzen bedecken, wenn sie in die Kirche gehen».

Geradezu moderat

Nun muss man dem bulligen Minister mit mächtigem Doppelkinn zugute halten, dass diese Verbalattacken für seine Verhältnisse geradezu moderat waren. Dimitrow kann auch anders. Als Direktor des Nationalmuseums in Sofia griff er gegen zwei Historiker, die künstlerische Darstellungen eines Massakers im bulgarischen Befreiungskrieg untersucht hatten, zum verbalen Zweihänder. Im Fernsehen bezichtigte Dimitrow die beiden, mit türkischer Hilfe eine Verschwörung gegen Bulgarien anzetteln zu wollen. Daraufhin erhielten sie Morddrohungen und mussten die Studie abbrechen.

Dimitrow stammt aus einer Familie, die vom Gebiet der heutigen Türkei flüchten musste. In seiner Jugend soll er als Informant des kommunistischen Geheimdienstes gearbeitet haben, nach der Wende war er Mitglied der Sozialistischen Partei, bevor er zu Bojko Borisows Partei Gerb (Bürger für eine europäische Entwicklung Bulgariens) wechselte und ins Parlament einzog.

Schatulle aus Silber und Gold angefertigt

Seinen Nationalismus lebt er vor allem in seinen Büchern aus, in denen er die Bulgaren als «erste Europäer» und die benachbarten Mazedonier als Bulgaren beschreibt, die leider einer Gehirnwäsche unterzogen worden seien. Als Minister forderte er von der Türkei 20 Milliarden Dollar Schadenersatz für verlorene Territorien. Den Bürgern Mazedoniens hingegen will er bulgarische EU-Pässe aushändigen. Mit solchen Vorschlägen sorgt er regelmässig für Skandale und diplomatische Proteste. Regierungschef Borisow aber hält an ihm fest. Eine «letzte Verwarnung» Dimitrows blieb ohne Folgen und liegt nun schon fast ein Jahr und etliche Skandale zurück.

Dimitrows heiliger Zorn auf die Skeptiker des Reliquienwunders von Sveti Ivan hat aber auch wirtschaftliche Gründe. Er selbst stammt aus Sosopol und träumt jetzt von einem «zweiten Jerusalem» – einem weltweit bekannten Pilgerzentrum, das die Küstenstadt reich machen soll. Solchen Träumen kann sich nicht einmal der Regierungschef entziehen. Als erste Massnahme liess Borisow eine Schatulle aus Silber und Gold anfertigen, um darin Knochen und Zahn in eine Kirche in Sosopol zu bringen. Im Deckel der Schatulle verewigte er sich gleich selbst in einer Gravur: «Ein Geschenk von Bojko Borisow, Premierminister der Republik Bulgarien.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 25.08.2010, 23:08 Uhr

Boschidar Dimitrow, bulgarischer Minister ohne Portefeuille.

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