Hintergrund

Die kühnsten Fluchten aus der DDR

Die Berliner Mauer machte die DDR-Flüchtlinge äusserst erfinderisch. Mit Tunnels, umgebauten Autos, Drahtseilkonstruktionen, U-Booten, Luftballonen und Flugzeugen: So narrten sie das SED-Regime.

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Sie stammten aus einer linientreuen SED-Familie. Die Gebrüder Ingo, Holger und Egbert Bethke hatten aber keine Lust auf das Leben in der DDR. Einer nach dem anderen flüchtete in den Westen – jede Flucht war anders, aber spektakulär. Den Anfang machte Ingo in einer Mainacht im Jahr 1975, als er an allen Grenzwächtern vorbei über die Elbe flüchtete. Bei Lenzen (Brandenburg) schnitt er ein Loch in den Zaun, klopfte mit einem Brett den Boden nach Minen ab – und paddelte auf einer Luftmatratze in Richtung Westen. Auf niedersächsischer Seite bemerkte ein Grenzbeamter den Flüchtling. Scherzend sagte er: «Na, ist es nicht ein bisschen kalt zum Baden...»

Acht Jahre später flüchtete Holger Bethke aus der DDR. Ihm und seinem Freund Michael Becker gelang im März 1983 eine der spektakulärsten Fluchten. Von einem Dachboden in Treptow in Ost-Berlin schossen sie mit Pfeil und Bogen ein Drahtseil auf einen Dachboden in Neukölln in West-Berlin. Dort wartete bereits Bruder Ingo, um das Seil zu befestigen. Dann glitten die beiden Flüchtlinge mit einer Rolle am Drahtseil entlang, etwa 20 Meter über dem Boden, in die Freiheit. «Das war eine Riesenfreude», sagte Holger laut Medienberichten zur gelungenen Flucht. «Meinen Bruder sah ich nach acht Jahren das erste Mal. Wir haben uns kaum wiedererkannt.»

Flucht mit angeblichem Sowjet-Leichtflugzeug

In einer Nacht- und Nebelaktion im Mai 1989 folgte der dritte Bethke-Bruder in den Westen. Ingo und Holger waren nach zweijähriger Planung mit zwei Leichtflugzeugen über die Mauer nach Treptow im Osten geflogen. Sie liessen Egbert dazusteigen – und landeten wohlbehalten Minuten später vor dem Reichstagsgebäude wieder im Westen. «Wir hatten die Flugzeuge mit Sowjetsternen versehen, damit die DDR-Grenzer nicht auf uns schiessen», erzählte Ingo an einem Medienanlass. «Wir haben totales Glück gehabt: Im Westen hätte man uns für Russen halten können.» Eigens für diese Flucht hatten Ingo und Holger Bethke die Fliegerei gelernt. Die Kommunikation vor dem «Tag X» war per verschlüsselter Sprache am Telefon erfolgt.

Bei ihrer riskanten Aktion konnten die Gebrüder Bethke nicht wissen, dass die DDR nur ein halbes Jahr später implodieren und die Berliner Mauer durchlässig würde.

SED erlässt Schiessbefehl gegen «Republikflüchtlinge»

Bis zum Fall der Mauer am 9. November 1989 sollen laut Historikern rund 150'000 Menschen die Flucht gewagt haben. Etwa 40'000 Flüchtlingen glückte das lebensgefährliche Vorhaben. Mehr als 1000 Menschen starben beim Versuch, die DDR zu verlassen (siehe Infobox). Erwischte Flüchtlinge verschwanden in Zuchthäusern.

Der 13. August 1961 hatte der leichten Flucht aus der 1949 gegründeten DDR in den Westen Deutschlands ein Ende gesetzt. Nachdem gegen drei Millionen Menschen den Arbeiter- und Bauernstaat verlassen hatten, sperrte das SED-Regime seine eigene Bevölkerung endgültig hinter Mauern und Stacheldraht ein. An die Grenzer erging der Befehl, auf «Republikflüchtlinge» zu schiessen. Das erste Maueropfer war Günter Litfin. Der 24-Jährige, der Arbeit und Wohnung im Westen hatte, wurde am 24. August 1961 von Grenzsoldaten erschossen. Einer der bekanntesten Mauertoten ist Peter Fechter. Beim Fluchtversuch am 17. August 1962 wurde der 18-Jährige zunächst angeschossen – vor den Augen von vielen neugierigen Westberlinern liessen DDR-Soldaten Fechter verbluten. Die Grausamkeit des Schiessbefehls war jetzt allen – in Ost und West – bewusst geworden.

Neun Personen flüchten im Kleinstauto Isetta versteckt

Fechters Tod setzte den Fluchtversuchen aber kein Ende. In den ersten Monaten nach dem Mauerbau durchbrachen Flüchtlinge mit Fahrzeugen Barrieren und Grenzabsperrungen aus Stacheldraht. Leute aus dem Westen schmuggelten Ostberliner über die Grenze, indem sie Personen- und Lastwagen derart umbauten, dass Menschen in den Fahrzeugen versteckt werden konnten. In einem Fall versteckten sich neun Flüchtlinge nacheinander im BMW-Kleinstauto Isetta, wo sonst Heizanlage und Batterie waren. Die Flucht gelang, weil niemand diesen Autotyp kontrollierte, da es unmöglich schien, dort Personen zu verstecken. Eine Gruppe von vier Leuten verkleidete sich als Sowjet-Offiziere und narrte so die DDR-Grenzpolizisten.

Weil die Sperranlagen um West-Berlin immer undurchdringlicher wurden, mussten sich die Flüchtlinge immer wieder neue Ideen einfallen lassen. Dabei konnten sie auf die Hilfe von Menschen aus dem Westen zählen. Zu den erfolgreichsten Helfern gehörte Hasso Herschel. Er verhalf zirka 1000 Menschen per Hubschrauber und Tunnels zur Flucht. Bis im Herbst 1964 sollen unzählige Tunnel gebaut worden sein. Mit einer Länge von 145 Metern ermöglichte der längste Tunnel, der in einer Tiefe von zwölf Metern unter der Mauer verlief, die grösste Massenflucht von DDR-Bürgern. Insgesamt gelang 59 Menschen die Flucht – die Aktion wurde als «Tunnel 59» bekannt.

Flucht mit U-Booten, Fluggeräten und Luftballon

Das SED-Regime in Ostberlin reagierte und baute die Grenzanlagen zu einem unüberwindbaren Todesstreifen aus. Flüchtlinge versuchten nun, mit selbstgebauten technischen Hilfsmitteln in den Westen zu gelangen – etwa mit U-Booten über Elbe und Ostsee, Kleinflugzeugen sowie anderen Fluggeräten oder auch Ballonen.

Zu den spektakulärsten Aktionen gehörte dabei der Ballonflug der Familien Strelzyk und Wetzel im September 1979 von Thüringen nach Bayern. Das wacklige Luftgefährt bestand aus einer 100 Kilo schweren Ballonhülle, Flammenwerfer, mehreren Propangasflaschen und einer selbst gebauten Gondel. Die Ballonhülle – 28 Meter hoch und 20 Meter breit – soll aus Regenmantelstoff zusammengeflickt worden sein. Mit dem Ballon gelangten vier Erwachsene und vier Kinder nach 28 Minuten in den Westen.

Aufsehen erregte auch die 1968 erfolgte Flucht mit einem Mini-U-Boot über die Ostsee nach Dänemark. Bernd Böttger hatte sich aus einem Fahrradhilfsmotor ein Mini-U-Boot gebaut, das ihn durch das Meer – 25 Kilometer in fünf Stunden – zog. Auf der Basis des Fluchtgeräts des 28-Jährigen wurde ein Serienmodell entwickelt, das sich als Aqua-Scooter im Sport und bei Rettungsdiensten durchsetzte. Böttger starb 1972 unter mysteriösen Umständen bei einem Tauchunfall in Spanien.

Massenflucht über Bruderstaaten führt zum Ende der DDR

Ebenfalls denkwürdig war die Flucht eines 24-jährigen Studenten, der im August 1984 mit einem selbstgebauten Fluggerät von der Tschechoslowakei nach Österreich flog. Mit Ausnahme des aus einem Trabant stammenden Motors, des Tanks und der Räder hatte er alle anderen Teile des Fluggeräts, einschliesslich des Propellers, selbst entworfen und gebaut. Der Fluchtweg betrug etwa 100 Kilometer.

Mitte der 1980er-Jahre erkannten die Staaten jenseits des Eisernen Vorhangs die Notwendigkeit von Reformen. In der Sowjetunion propagierte KPdSU-Generalsekretär Michail Gorbatschow Glasnost und Perestrojka und gewährte den Satellitenstaaten Autonomie. Ungarn beschloss den Abbau der Grenzanlagen zu Österreich, auch die Tschechoslowakei öffnete die Grenzen. Im Sommer 1989 setzte aus der DDR eine Massenflucht ein. Immer mehr Ostdeutsche flüchteten in die westdeutschen Botschaften in Prag und Budapest und erzwangen die Ausreise in den Westen. Das war der Anfang vom Ende der DDR. Am 9. November 1989 fiel die Mauer in Berlin. Am 3. Oktober 1990 ging die DDR in der Bundesrepublik Deutschland auf. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.08.2011, 09:17 Uhr

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Flucht von Vopo Conrad Schumann

(Quelle: Youtube)

Schwimmend in die Freiheit

(Quelle: Youtube)

Im Kofferraum gen Westen

(Quelle: Youtube)

Geteiltes Deutschland

Unklarheit über die Zahl der Toten durch das DDR-Grenzregime

Für die Zahl der Opfer der innerdeutschen Grenze gibt es unterschiedliche Angaben, Forschungen dazu sind noch nicht abgeschlossen. Das Berliner Mauermuseum am Checkpoint Charlie hat die höchste Zahl von Opfern des DDR-Grenzregimes veröffentlicht. Nach aktuellem Stand habe es 1613 Todesfälle gegeben, sagte Museumsleiterin Alexandra Hildebrandt diese Woche in Berlin. Das Mauermuseum zählt Menschen, die seit der Gründung der DDR (1949) bis zum Fall der Mauer (1989) im Zusammenhang mit dem DDR-Grenzregime ums Leben kamen – sei es an der innerdeutschen Grenze oder bei Fluchtversuchen über die Ostsee oder über andere sozialistische Staaten wie Polen oder Rumänien.
Die Zahl der Toten an der innerdeutschen Grenze ist seit Jahren umstritten. Im Gegensatz zu anderen Einrichtungen erfasst die Arbeitsgemeinschaft 13. August vom Mauermuseum am Checkpoint Charlie alle Todesopfer, die bei einem Fluchtversuch oder durch ein anderes Verschulden des DDR-Grenzregimes umgekommen sind. Das reicht von Mord und Totschlag über Hinrichtungen bis hin zu Herzinfarkten bei Grenzkontrollen. Unter den Opfern befinden sich auch 28 Grenzpolizisten und -soldaten der DDR.
Der Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat der FU Berlin, Klaus Schroeder, kritisiert den «sehr weiten Begriff von Maueropfer» des Mauermuseums. Er geht auf Grund noch unerforschter Bereiche aber auch von mehr Opfern aus, als «offiziell bekannt sind», und rechnet mit insgesamt etwa 1000 Opfern des DDR-Grenzregimes.
Eine niedrige Zahl nennt das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam (ZZFP). Dieses geht von mindestens 136 Todesopfern an der Berliner Mauer aus. Über das Total der Opfer des Grenzregimes macht das ZZFP keine Angaben. (vin/dapd)

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