Die nationalistische Rhetorik wirkte wie ein Rauschmittel

Indiens Premier hat im Wahlkampf provoziert und polarisiert. Diese Strategie ist bestens für Narendra Modi aufgegangen.

Will in die Geschichtsbücher: Indiens widergewählter Premier Narendra Modi. Foto: Keystone

Will in die Geschichtsbücher: Indiens widergewählter Premier Narendra Modi. Foto: Keystone

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Der Brustumfang eines Mannes ist in Indien eine wichtige Grösse. 2014 protzte der Hindu-Nationalist Narendra Modi mit diesem Mass als Metapher seiner Kraft, er beanspruchte für sich stolze 142,24 Zentimeter. Jetzt, fünf Jahre später, ist es dem Premier und Kraftprotz erneut gelungen, die Opposition vom Feld zu drängen, Modi hat ein zweites Mal gesiegt, deutlicher, als es selbst seine Anhänger erwarteten.

Aufblasen, provozieren, polarisieren. Das waren Modis ­populistische Mittel in diesem Wahlkampf, um sich die Mehrheit zu sichern. Die Strategie ist aufgegangen, Modi geht gestärkt in seine zweite Amtszeit, sein Brustumfang erscheint jetzt noch grösser als vor fünf Jahren. Ein erstaunlicher, aber auch irritierender Triumph für einen Mann, dessen Reformbilanz weit hinter seine Versprechen zurückgefallen ist.

Entwicklung für alle Inder, das war Modis Mantra, und ja, er hat manches angeschoben. Modi liess Toiletten fürs Milliardenvolk bauen, Bankkonten einrichten, er gab Hilfen fürs Spital. Und doch ist eine Bilanz seiner ersten Amtszeit besonders ernüchternd: Die Regierung hat es nicht geschafft, Jobs zu schaffen für die Jugend, viele haben keine Perspektive.

Modis gefestigte Macht resultiert aus der Schwäche seiner Gegner.

Angesichts der Defizite am Arbeitsmarkt ist es verblüffend, wie weit die nationalistische Rhetorik den Premier doch tragen konnte. Sie wirkte wie ein Rauschmittel, lenkte ab von Schwächen und Fehlern wie der verheerenden Bargeld­reform, die Millionen Inder leiden liess. Modis Partei­maschine und sein zunehmender Einfluss auf die grossen Medien des Landes halfen ihm, das Desaster zu vertuschen.

Die militärische Konfrontation mit dem Rivalen Pakistan nach dem Terroranschlag in Kashmir spielte Modi kräftig in die Hände, er hat die Krise kompromisslos genutzt, um sich als Wächter zu inszenieren. Kein Premier zuvor hat die indischen Streitkräfte so stark in den Wahlkampf hineingezogen.

Damit ist es Modi gelungen, sein Image weiter aufzublasen, er gab den Unersetzlichen, um Indiens Grenzen gegen den Feind zu schützen. Das Rennen hat er ganz auf sich zuge­schnitten. Modi will eine Ära begründen, er will später in den Geschichtsbüchern stehen, und dafür kämpft er mit un­vergleichlicher Konsequenz.

Die Opposition wäre nur gemeinsam stark gewesen, sie hat es aber nicht geschafft, ein schlagkräftiges Bündnis zu schmieden. Rahul Gandhi von der Kongresspartei hat zwar tapfer gekämpft, doch konnte er seinen Ruf als verwöhnter Sohn einer Dynastie aus vergangenen Zeiten nicht abstreifen. Modis gefestigte Macht resultiert deshalb auch aus der Schwäche seiner Gegner.

Erstellt: 23.05.2019, 20:17 Uhr

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