Die neue Flüchtlingsroute führt durch bosnische Schluchten

Die Balkanroute über Ungarn ist weitgehend geschlossen. Nun kommen immer mehr Flüchtlinge nach Bosnien, um von dort in die EU zu gelangen.

4500 Fälle illegaler Einreise nach Bosnien wurden in den letzten fünf Monaten registriert. Im gesamten vergangenen Jahr waren es knapp 800. Bild: Reuters

4500 Fälle illegaler Einreise nach Bosnien wurden in den letzten fünf Monaten registriert. Im gesamten vergangenen Jahr waren es knapp 800. Bild: Reuters

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Sie fallen auf mit ihren zerrissenen und schmutzigen Kleidern, sie haben meist sonnengegerbte Gesichter und traurige Augen. Für Migranten aus vielen Krisengebieten ist Bosnien-Herzegowina das letzte Schlupfloch geworden – und mittlerweile eines der wichtigsten Transitländer auf dem Weg in die EU.

Die Balkanroute ist weitgehend geschlossen. Ungarn hat sich mit Stacheldraht abgeschottet, die Regierung in Budapest will Flüchtlingshelfer künftig sogar strafrechtlich verfolgen. Das flache Grenzgebiet zwischen Serbien und Kroatien können die Sicherheitskräfte mit relativ wenig Aufwand kontrollieren.

Es war daher nur eine Frage der Zeit, bis die Migranten aus Syrien, Pakistan, Afghanistan, dem Irak und Libyen versuchen werden, Bosnien zu erreichen. Die Grenze zu Serbien und Montenegro verläuft durch unwegsame Berglandschaften, tiefe Schluchten und teilweise wilde Flüsse wie Drina, Tara und Lim. Rafter sprechen von einem Teufelsritt auf der Tara, wenn sie sich in die Stromschnellen stürzen. Dort die Staatsgrenze zu überwachen, ist für bosnische Polizisten kaum möglich.

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Gemäss Angaben des UNO-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) wurden in den letzten fünf Monaten fast 4500 Fälle illegaler Einreise nach Bosnien registriert. Im gesamten Jahr 2017 waren es nur 755. In den nordbosnischen Städtchen Bihac und Velika Kladusa warten laut UNHCR derzeit etwa tausend Geflüchtete und Migranten darauf, über Kroatien und Slowenien weiter nach Westeuropa zu gelangen. Die bosnische Polizei hat in den vergangenen Tagen die Kontrollen verschärft, mehrere Dutzende Migranten wurden aufgegriffen und nach Serbien abgeschoben.

Polizeikontrollen in der Türkei seien lasch

Die sogenannte Südroute beginnt in Griechenland und führt über Albanien und Montenegro nach Bosnien-Herzegowina. Für die meisten Flüchtlinge ist das Balkanland nur eine Zwischenstation, ihr Hauptziel bleibt nach wie vor Westeuropa. Die Schlepper an der türkisch-griechischen Grenze haben ihre Taktik geändert: Inzwischen bringen sie mehr Menschen über den Landweg und den Fluss Evros nach Griechenland als über die Ägäis. Flüchtlinge berichten, dass es mittlerweile nicht schwierig sei, aus der Türkei rauszukommen, die Polizeikontrollen seien lasch. Im April und Mai zählten die griechischen Behörden knapp 5000 Flüchtlinge, die aus der Türkei kamen.

Flüchtlinge essen in einer während des Balkankriegs (1992-1995) zerstörten Unterkunft in Bihac, Bosnien. Bild: Reuters

Immer mehr Flüchtlinge erreichen den Balkan auch über die «persische Himmelsroute». Vor knapp einem Jahr hatte die serbische Regierung die Visumspflicht für iranische Staatsbürger aufgehoben – um den Tourismus zu fördern und Investoren anzulocken. Seither sind etwa 6000 Iraner ganz legal nach Serbien eingereist, aber die meisten wollten offensichtlich nicht die unberührten Schönheiten des Landes sehen: Sie haben entweder Asyl beantragt oder sind mithilfe von Menschenschmugglern weiter nach Westeuropa gezogen – zum Beispiel über Bosnien-Herzegowina. Kürzlich haben zwei iranische Fluggesellschaften Direktverbindungen nach Belgrad aufgenommen.

Nach Angaben der Hilfsorganisation Info park – Refugees welcome to Belgrade ist Serbien nur ein Transitland für «iranische Touristen». Für sie ist der Balkanstaat die sicherste und günstigste Alternative, um nach Europa zu kommen und später in Deutschland oder Frankreich Asyl zu beantragen. Gemäss einer Umfrage von Info park handelt es sich bei den Iranern, die in Belgrad landen, meist um junge Männer. Fast alle behaupteten, sie seien als Christen, Schwule oder Anhänger der Opposition vom Teheraner Regime unterdrückt worden. Die Angaben können nicht überprüft werden.

Politiker vermutet Verschwörung

Serbiens Staatschef Aleksandar Vucic befürchtet eine neue Flüchtlingswelle und spricht von einer drohenden Gefahr für Europa – freilich ohne das Phänomen der Touristen aus dem Iran zu erwähnen, welche die visumfreie Einreise missbrauchen. Die montenegrinische Regierung erwägt den Bau eines Zauns an der Grenze zu Albanien, weil die Regierung in Tirana sich weigere, zurückgewiesene Migranten wieder aufzunehmen.

Die Flüchtlingswelle wird vor allem in Bosnien für innenpolitische Zwecke ausgeschlachtet. Das Land wählt im Herbst neue Parlamente und die Mitglieder des dreiköpfigen Staatspräsidiums. Milorad Dodik, der Anführer der bosnischen Serben, ein Freund Wladimir Putins und Gegner des gemeinsamen Staates mit Kroaten und Muslimen, vermutet eine ganz grosse Verschwörung hinter der Flüchtlingswelle.

Die von den Muslimen dominierte Zentralregierung in Sarajevo plane, muslimische Migranten aus Syrien und Afghanistan zu importieren, um Bosnien innerhalb von «fünf oder zehn Jahren» in ein muslimisches Land zu verwandeln. Die letzte Volkszählung in Bosnien hat gezeigt, dass die Bosniaken, wie sich die meisten Muslime Bosniens nennen, die absolute Mehrheit der Bevölkerung des Landes stellen. Zweitgrösste Volksgruppe sind weiterhin die Serben, gefolgt von den Kroaten.

Behörden scheinen überfordert

Der Zensus hat vor allem den massiven Bevölkerungsverlust als Folge des Kriegs bestätigt: 100’000 Menschen wurden getötet, Hunderttausende flüchteten nach Westeuropa, Kanada und in die USA und sind nie zurückgekehrt. Zu Beginn der 90er-Jahre hatte die damalige jugoslawische Teilrepublik 4,4 Millionen Einwohner, jetzt leben in Bosnien nur noch 3,5 Millionen Bürger. Seit mehr als 20 Jahren herrscht in Bosnien Frieden – doch viele junge und gut ausgebildete Menschen verlassen ihre Heimat auf der Suche nach Arbeit. Es sind mutmasslich korrupte Politiker wie Milorad Dodik, die ihnen die Zukunft verbauen und nun mit flüchtlingsfeindlichen Parolen auf Stimmenfang gehen.

Grosse Solidarität erfahren die meist aus muslimischen Staaten stammenden Migranten nur von Freiwilligen – sie oder ihre Familien haben zu Beginn der 90er-Jahre die blutige Realität des Krieges am eigenen Leib erfahren. Die Behörden in Sarajevo scheinen überfordert, im ganzen Land gibt es nur ein Aufnahmezentrum für Asylsuchende. Erst kürzlich wurden 300 obdachlose Flüchtlinge, die monatelang in den Parks der Hauptstadt campierten, in eine Unterkunft gebracht. Fast untätig bleibt bisher die Islamische Gemeinschaft. Das Oberhaupt der bosnischen Muslime, Grossmufti Husein Kavazovic, sieht in erster Linie den Staat und internationale Organisationen in der Pflicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.05.2018, 14:58 Uhr

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