Die römische Regierungskrise läuft live auf Facebook

Nichts geht mehr zwischen Lega und Cinque Stelle. Und bereits kursieren mögliche Wahldaten. Dabei ist formal noch überhaupt nichts passiert.

Persönlichster Auftritt seit Amtsantritt: Premier Giuseppe Conte redet seinen beiden Stellvertretern ins Gewissen. Foto: Antonio Masiello (Getty Images)

Persönlichster Auftritt seit Amtsantritt: Premier Giuseppe Conte redet seinen beiden Stellvertretern ins Gewissen. Foto: Antonio Masiello (Getty Images)

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Für seinen grossen Auftritt wählte Giuseppe Conte einen kleinen Saal, gleich neben seinem Büro im römischen Palazzo Chigi. Die Sala dei Galeoni mit ihren dunklen Schlachtgemälden im ersten Stock dient sonst als protokollarische Kulisse, wenn der Hausherr im Palast wechselt. Der alte Premier übergibt dem neuen ein Glöckchen. Er bimmelt gewissermassen sein eigenes Ende herbei.

So weit ist man noch nicht, doch viel fehlt nicht mehr. Italiens populistische Regierung aus Lega und Cinque Stelle ist innerlich dermassen zerrissen und verstrickt in «kindische Querelen», wie es der «Corriere della Sera» beschreibt, dass in den Zeitungen bereits mögliche Daten für vorgezogene Neuwahlen verhandelt werden. Nach 433 Tagen.

Ende Juli wäre theoretisch möglich, da aber dann die meisten Italiener in den Ferien sind, ist das nicht so wahrscheinlich. Möglich wäre dann wieder Ende September, pünktlich zur Haushaltsdebatte. Es wäre ein neuer Rekord der Kurzlebigkeit, und das will etwas heissen in der bewegten Geschichte der Republik.

Entnervt und erschöpft

Conte wählte am Montag also die Sala dei Galeoni, um seinen beiden rivalisierenden Vizes, Matteo Salvini und Luigi Di Maio, ein letztes Mal ins Gewissen zu reden. Auch die Uhrzeit seiner «Rede an die Nation» war nicht zufällig gewählt: 18.15 Uhr, die Börsen hatten schon geschlossen, was in diesen nervösen Zeiten nicht unwesentlich ist. Im Saal drängten sich Journalisten in grosser Zahl. Eine Weile hing gar die These im Raum, Conte könnte sofort hinwerfen, entnervt und erschöpft vom ständigen Schlichten.

Dann aber erzählte Conte zunächst, was die Regierung alles geleistet habe im vergangenen Jahr – eine ganze Menge, wie er findet. Und er verhiess die Dämmerung einer «zweiten Phase», die den Wandel herbeiführen werde, die Revolution. Das hänge allerdings davon ab, ob die Vizes «loyal» mit ihm zusammenarbeiten wollten für das «Wohl des Landes», «mit Vision», «mit Mut», im Sinne des Koalitionsvertrags und ohne Kompetenzüberschreitungen. Im anderen Fall trete er zurück. Ganz sicher und sehr bald, sagte Conte. Er sei jetzt über 50, da ändere man sich nicht mehr.

Es ist also Regierungskrise, ohne dass die Regierungskrise formal ausgerufen worden wäre. Normalerweise ist es ja so, dass in einer parlamentarischen Demokratie ein Premier, der sich der Treue seiner Reihen nicht mehr sicher ist, ins Parlament geht, für seine Politik wirbt und dann die Vertrauensfrage stellt. Doch in der italienischen Politik ist gerade nichts normal. Hier tritt der Premier vor die Presse und sagt, die Regierung regiere nicht, das Klima im Kabinett sei fürchterlich, lange könne das so nicht weitergehen. Alles live übertragen, am Fernsehen und auf Facebook, als gehöre sich das so.

«Das Gebrüll des Kaninchens», titelt «Libero» über Premier Giuseppe Conte. Die Zeitung schreibt Salvini und der Lega nach dem Mund.

Die Zeitung «Libero», die der Lega nach dem Mund schreibt, titelte danach: «Das Gebrüll des Kaninchens.» Der Chef ist in Wahrheit der Adlatus seiner Stellvertreter, was ihn diese auch ständig spüren lassen. Ein halber Premier nur. Als Parteivorsitzende besitzen Salvini undDi Maio echte Macht, eigene Truppen. Conte wählten sie aus, damit der das Land vertritt in Brüssel, Washington, Peking, während sie daheim ewig Wahlkampf betreiben können und dabei poltern und provozieren, als wären sie in der Opposition.

Repräsentieren kann Conte gut. Der Rechtsprofessor und Anwalt aus Apulien macht immer eine gute Figur mit seinem Einstecktuch, den assortierten Krawatten, der gegelten Haartolle, dem charmanten Lächeln, dem gehauchten Reden. Ein «Perfettino» sei er, ein Mr. Perfect. Macht hat er aber keine. Mit seiner persönlichsten und markantesten Rede seit Amtsantritt gelang ihm nun immerhin das Maximum: Er zwang Salvini die Verantwortung für den nächsten Schritt auf, just im Moment der grossen Machtprobe mit Brüssel über den Haushalt, und das kann dem Innenminister nicht gefallen.

Bisher profitierte Salvini davon, dass er als starke Figur im Kabinett wahrgenommen wurde, ohne viel Verantwortung tragen zu müssen. Gab es mal Probleme, schob er das Scheitern einfach auf die Seniorpartner ab, auf die Cinque Stelle, was seine Popularität noch mehr in die Höhe trieb. Nun soll Salvini sagen, was er will. Sofort. Will er tatsächlich die totale Konfrontation in Europa, die Regeln brechen und riskieren, dass die Märkte massiv gegen Italien wetten? Ein gefährliches Spiel. Geht es schief, verschwindet das hoch verschuldete Land in einem Schlund der Ungewissheit. Conte sagt, er mache da nicht mit.

Die Zweifel der Italiener

Wahrscheinlicher aber ist, dass Salvini Neuwahlen anstrebt, um seine Gunst im Volk schnell in Sitze umzuwandeln – möglichst vor der leidigen Budgetdebatte, die seiner Aura schaden könnte. Im Parlament ist die Lega im Moment nur dritte Kraft, weit hinter den Cinque Stelle. Würde bald gewählt, gewänne wohl die Rechte. Vielleicht würde es Salvini mit neuen Weggefährten gar zu einer rechten Mehrheit reichen, ohne dabei auf die Stimmen von Silvio Berlusconi angewiesen zu sein. Aus seiner Entourage hört man, dass das eines seiner wichtigsten Ziele sei.

Das populistische Experiment jedenfalls scheint am Ende zu sein. Eine Umfrage zeigte, dass mehr als die Hälfte der Italiener glaubt, Contes Regierung überlebe diesen Sommer nicht.

Erstellt: 04.06.2019, 18:25 Uhr

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