Die tödlichen Folgen des türkischen Bergbaubooms

Das schwere Grubenunglück in Soma offenbart die prekäre Sicherheit in den Bergkwerken in der Türkei. Unter Beschuss gerät nun die Regierungspartei von Premier Erdogan, die alle Warnungen ignorierte.

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Es ist noch nicht lange her, dass der türkische Energieminister Taner Yildiz «die moderne Technologie und die hohen Sicherheitsstandards» des Kohlebergwerks in Soma lobte. Neun Monate nach dem Besuch des Regierungspolitikers trauert die Stadt im Westen der Türkei um mehr als 200 Tote. In die Trauer mischt sich Wut.

Die Wut der Familienangehörigen der Opfer richtet sich nicht nur gegen das Bergbauunternehmen Soma Komur Isletmeleri, das die Todesmine von Soma betreibt, sondern auch gegen Behörden und Politiker. Insbesondere der AKP, der Partei von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan, wird eine Mitverantwortung für das Grubenunglück zugewiesen.

AKP verhindert Sicherheitsüberprüfung

Regierungskritische Medien weisen darauf hin, dass die AKP erst vor zwei Wochen im türkischen Parlament einen Vorstoss abblockte, der eine Überprüfung der Sicherheit in der Grube von Soma verlangte hatte. Die Oppositionspartei CHP wollte, dass das Parlament eine Reihe kleinerer Unfälle in Minen rund um Soma untersucht. Kritiker werfen der Regierung schon seit längerer Zeit vor, bei der Privatisierung vieler staatlicher Bergbaufirmen in den letzten Jahren die Einhaltung von Sicherheitsvorkehrungen vernachlässigt zu haben. Das schwere Grubenunglück in Soma trifft eine Branche, die nach dem Willen der türkischen Regierung unbedingt florieren soll. Der Bergbau befindet sich denn auch in einer Aufschwungphase.

«Es gibt hier keine Sicherheit», sagt gemäss Medienberichten Oktay Berrin, ein Kohlekumpel aus Soma. «Die Gewerkschaften sind nur Marionetten, und die Geschäftsleitung denkt nur ans Geld.» In Gruben wie in der von Soma seien ganze Ketten von Subunternehmern am Werk, die nicht vernünftig kontrolliert würden.

Dagegen sprechen Behörden und Grubenleitung von einem tragischen Unfall. Und sie betonen, dass das Bergwerk erst kürzlich kontrolliert worden sei. Das Arbeitsministerium in Ankara liess inzwischen verlauten, dass die Grube in Soma zuletzt am vergangenen 17. März auf Sicherheitsmängel untersucht worden sei und dass es keine Beanstandungen gegeben habe. Doch angesichts der häufigen Unglücke in türkischen Bergwerken bleiben erhebliche Zweifel an der Sicherheit. Und es gibt Zahlen, die die prekären Arbeitsbedingungen in den Minen belegen.

8,5-mal mehr Tote als in der EU

Bei der Parlamentssitzung Ende April sagte Oppositionspolitiker Erkan Akcay (MHP), dass sich allein im Jahr 2013 in der Region Soma 4500 Arbeitsunfälle ereignet hätten. In den letzten Jahren habe es in Bergwerken immer wieder schwere Zwischenfälle mit Toten gegeben. Bei drei grösseren Gasexplosionen in den Jahren 2009, 2010 und 2013 seien insgesamt 57 Minenarbeiter ums Leben gekommen. Zuletzt, im vergangenen Dezember, starben vier Bergmänner, weil sie giftiges Kohlegas eingeatmet hatten. «Arbeiter sterben in der Türkei 8,5-mal häufiger als in der EU», gab Akcay zu bedenken. In der Regierungszeit der AKP hätten sich die Arbeitsbedingungen und die Sicherheitsmassnahmen in den Betrieben der Bergbauunternehmen verschlechtert.

AKP-Parlamentarier Muzaffer Yurttas erwiderte, dass die Minen in der Region von Soma die sichersten des Landes seien und dass die Bergbaufirmen die notwendigen Sicherheitsvorkehrungen vorgenommen hätten. Fatale Unfälle könnten nicht ausgeschlossen werden, so Yurttas, das liegt in der «Natur des Berufs des Minenarbeiters».

Nach dem gestrigen Grubenunglück in Soma, bei dem nach der Explosion eines Transformators ein Feuer ausbrach, könnte die Zahl der Todesopfer auf 400 ansteigen. Die Rettungsarbeiten dauern an. Doch die Hoffnung, Überlebende zu finden, schwinden.

Bergbau – ein strategischer Wirtschaftssektor

Die schweren Unfälle sind – neben den niedrigen Löhnen – die Kehrseite der boomenden Bergbaubranche in der Türkei. Die Erdogan-Regierung erklärte vor zwei Jahren den Abbau von Rohstoffen zu einem strategischen Sektor der türkischen Wirtschaft. Seither profitieren Bergbauunternehmen von steuerlichen Vergünstigungen, staatlichen Finanzspritzen und anderen Vorteilen. Dementsprechend steigt das Investitionsinteresse von in- und ausländischen Unternehmen.

Im vergangenen Jahr erzielte die Bergbaubranche ein Wachstum von rund vier Prozent. Nach Angaben des Istanbuler Bergbauexportverbands (IMIB) sollen die Exporte von zuletzt rund 4,5 Milliarden Dollar bis 2023 auf über 15 Milliarden ansteigen. Beim Bergbauproduktionswert steht die Türkei unter 132 Ländern auf Platz 28.

Die Branche beschäftigt laut IMIB direkt und indirekt rund 750'000 Arbeitskräfte, davon 250'000 allein in der Marmorsparte. Neben Marmor und anderen natürlichen Steinen werden vor allem Bormineralien, natürliches Soda, Salz und Natriumsulfat gewonnen, darüber hinaus Perlit, Feldspat, Bentonit, Baryt, Magnesia, Gipsstein, Strontiumsalze, Quarz und Metallerze wie Bauxit und Chrom. Als Energierohstoff ist die weitverbreitete Förderung von Braunkohle zu erwähnen. Eines dieser Kohlebergwerke befindet sich in Soma, dem Ort der gestrigen Katastrophe.

Erstellt: 14.05.2014, 14:43 Uhr

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