Die verratenen Ideale

In der Ukraine macht sich ein Jahr nach dem Aufstand Ernüchterung breit.

Die Hoffnungen sind verflogen: Ein Priester gedenkt in Kiew den Toten des Maidan-Aufstandes vor einem Jahr. (18. Februar 2015)

Die Hoffnungen sind verflogen: Ein Priester gedenkt in Kiew den Toten des Maidan-Aufstandes vor einem Jahr. (18. Februar 2015) Bild: Sergei Chuzavkov/Keystone

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Die «himmlische Hundertschaft» – so nennt die Ukraine die Demonstranten, die beim Aufstand gegen Präsident Wiktor Janukowitsch ums Leben kamen. Ein Jahr ist es her, seit die Proteste auf dem Maidan in Kiew eskalierten. Scharfschützen nahmen von Dächern rund um den Unabhängigkeitsplatz Demonstranten ins Visier, Polizisten feuerten scharfe Munition ab. Die Protestierenden waren zwar bis zum Schluss mehrheitlich unbewaffnet, doch Teile der Opposition schossen ebenfalls. Am Ende waren rund 100 Demonstranten und 13 Polizisten tot. Es folgten der Sturz Janukowitschs und die Hoffnung auf einen Neustart.

Die neue Führung der Ukraine pflegt das Gedenken an diese blutigen Tage. Sogar ein Orden wurde nach den Toten benannt. Er wird für Zivilcourage sowie die Verteidigung von Demokratie, Menschen- und Freiheitsrechten vergeben – die Ideale, für die Tausende auf dem Maidan unter grösster Gefahr während Wochen eingestanden sind.

Freund oder Feind

In der ukrainischen Realität sind diese Ideale höchst gefährdet. Ein Grund ist der Krieg im Osten. Er verschärft die wirtschaftliche Talfahrt, erschwert unumgängliche Reformen und treibt die neue Führung in die Hände jener verhassten Oligarchen, deren Herrschaft der Maidan eigentlich beenden wollte. Seit der militärischen Eskalation zelebriert Kiew einen Hyperpatriotismus. Die Welt wird in Freund und Feind aufgeteilt, gegen Kritiker im Innern geht man vor. Bereits werden wieder Journalisten verhaftet. Wer über die Kämpfe anders als von der Regierung gewünscht berichtet, riskiert ein Verfahren wegen Hochverrats.

Aber auch auf kriegsfernen Schauplätzen wähnt man das Land zurück in altem Fahrwasser: Korruptionsskandale sind seit dem Führungswechsel nicht ausgeblieben, und das Versagen des Staates bei der Aufarbeitung der Eskalation auf dem Maidan zeigt, wie verbandelt die drei Gewalten noch immer sind. Die mutmasslichen Hauptverantwortlichen für die Schüsse auf die Demonstranten sind allesamt ausser Landes geflohen, ein Grossteil der Beweise wurde nach Janukowitschs Ende vernichtet. Dies war möglich, weil Ermittlungen erst mit Verspätung aufgenommen wurden und bis heute nur halbherzig geführt werden.

Land ohne Zukunft?

Die Signale, die durch diese Entwicklung an die Bevölkerung gesandt werden, sind verheerend. Eine klare Mehrheit will die Öffnung nach Westen. Doch die Opfer, die dafür in Kauf ge­nommen werden müssen, sind gross und vielen Menschen noch nicht bewusst. Die westliche Hilfe, welche die Ukraine vor dem Bankrott bewahren soll, ist – sofern sie überhaupt kommt – an harte Bedingungen geknüpft. Bereits wurden Rentenkürzungen und eine Anhebung der Energiepreise angekündigt. Der Gastarif für Privathaushalte könnte sich innert ein bis zwei Jahren vervierfachen. Finanziell wird das die zu weiten Teilen verarmte Bevölkerung nur schwer verkraften.

Ohne eine Führung, welche die Ideale des Maidan nicht bloss propagiert, sondern auch umsetzt, wird allein die Aussicht auf einen möglichen Aufschwung in einigen Jahren nicht ausreichen, die Bevölkerung zum Mittragen einer radikalen Umgestaltung der Ukraine zu bewegen. Bleibt diese jedoch aus, hat das Land keine Zukunft.

Erstellt: 19.02.2015, 23:51 Uhr

Luca De Carli, Redaktor International.

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