«Dieses tyrannische europäische System!»

Ein Duell wird in Frankreich immer wahrscheinlicher: Le Pen gegen Macron – Zorn gegen Zuversicht. Wer gewinnt?

Zuversicht gegen Zorn: Macron und Le Pen. (05.02.2017)

Zuversicht gegen Zorn: Macron und Le Pen. (05.02.2017) Bild: Keystone

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Alexandre Ledoux sitzt ganz hinten, unterm Dach des riesigen Auditoriums. Fast schüchtern hat er Beifall gezollt, als Marine Le Pen, seine Heldin, den Saal betrat. Aber die Chefin von Frankreichs Front National (FN) macht ihm Mut. Ledoux, der höfliche Politik-Student aus Bordeaux, schlägt kräftig seine Hände zusammen, als die FN-Chefin gegen «die finanzielle und dschihadistische Globalisierung» wettert, «gegen die Herrschaft der Banken» und «den islamistischen Terror.»

Und er ist aufgesprungen vor Begeisterung, als Le Pen verkündet, mit welchen Versprechen sie im Mai Frankreichs nächste Präsidentin werden will. Noch vor Ende dieses Jahres sollen die Franzosen per Referendum den Austritt aus Europa beschliessen. Und schon im Sommer will sie, mit Volkes Stimme, die «Nationale Priorität» in der Verfassung festschreiben: Jobs, Kindergeld, Sozialwohnung - da sollen sich die Ausländer hinten anstellen.

Ledoux skandiert, was alle rufen: «On est chez nous», was so viel heissen soll wie: «Wir sind die Herren im Haus.» Marine, sein Idol, winkt. Sie nennt die Präsidentschaftswahl einen Schicksalstag. Frankreich habe die Wahl, «zwischen Patrioten und Globalisierern».

Sozialliberale Jungstar gegen rechtsextreme Populistin

Lyon erlebte am Wochenende exakt jenes politische Duell, das ganz Frankreich am 7. Mai, dem Tag der Stichwahl um die Präsidentschaft, winkt: Emmanuel Macron, der sozialliberale Jungstar, gegen Marine Le Pen, die rechtsextreme Populistin. Den ersten Wahlgang Ende April, so prophezeien die Umfragen, gewänne zwar noch Le Pen mit etwa 26 Prozent der Stimmen vor Macron (21 Prozent). Im zweiten Wahlgang jedoch würde Macron triumphieren: Zwei Drittel aller Franzosen würden den Ex-Wirtschaftsminister zum jüngsten Präsidenten der Fünften Republik wählen.

Es wäre vielleicht keine Revolution, aber doch ein Regime-Wechsel: Die Aspiranten der beiden etablierten Parteien, der konservative Republikaner François Fillon und der Links-Sozialist Benoît Hamon, würden im ersten Durchgang kläglich scheitern. Eben «dieses System» aufzubrechen – die Vorherrschaft der entrückten «classe politique» in Paris - diese Mission reklamierten beide Gladiatoren bei ihrem Zweikampf in Lyon.

Trikolore und Europafahnen

Macron gegen Le Pen? «Das heisst junger Weltbürger gegen alte Nationalistin», strahlt Julien Levy, «das ist die klare Alternative bei dieser Wahl!» Der frohgelaunte Geschichtslehrer ist am Samstag schon gegen Mittag in Lyons altes Palais des Sports gekommen: «Drei Stunden zu früh - ich ahnte, dass es voll wird». 7000 Menschen drängen sich im Sportpalast, die Macron-Fans feiern, als erwarte sie ein Basketballspiel. Sie singen, schwenken Trikolore und Europafahnen. Plötzlich herrscht Ruhe, denn ihr Held ist auf der riesigen Leinwand über der Bühne erschienen. Levy strahlt: «Endlich kann ich mal für einen Kandidaten sein», sagt er, «sonst war es immer so, dass man wählte, weil man gegen den anderen war.»

So wie 2012, als er für Nicolas Sarkozy votierte, weil er François Hollande nicht mochte. Früher zählte sich der heute 25-jährige Lehrer zur bürgerlichen Rechten, noch 2014 tauchte Levys Name auf der Kandidatenliste für die Rathaus-Wahl auf. «Damals bin ich gegen den da vorn angetreten», lacht der bärtige Mann und zeigt auf Gérard Collomb, Lyons sozialdemokratischen Bürgermeister. Collomb war einer der ersten prominenten Sozialisten, die zu Macron überliefen. Inzwischen zählt seine Bewegung En Marche 170'000 Mitglieder.

Der 39-jährige Polit-Star Macron spricht leise, zwingt seine Anhänger zu Ruhe, erhebt mahnend beide Hände, als ein paar Fans eine Anspielung auf den Front National mit Pfiffen und Buhrufen beantworten: «Bitte, nicht pfeifen – denn mit Pfiffen bringen wir niemanden zusammen.» Minutenlang redet Macron vom Versöhnen, voller Pathos. Mancher Satz klingt, als stamme er von Marine Le Pen: «Wir sind nicht rechts, wir sind nicht links», ruft er, «wir sind alle Franzosen!»

Nicht rechts, nicht links

«Ni droite ni gauche», nicht rechts, nicht links, diesen Satz wird Le Pen 23 Stunden später ebenfalls sagen. Am Sonntag, 7,5 Kilometer weiter nördlich, im feinen Auditorium des Kongresszentrums. Julien Levy, der Lehrer, kennt die alte FN-Parole: «Aber jeder weiss, dass Macron es völlig anders meint.» Macron wirbt für Europa, auch für die Freundschaft mit Deutschland. Le Pen geisselt den Euro, will raus aus EU. Ihr Wirtschaftsprogramm liest sich, als habe sie ganze Passagen bei Jean-Luc Mélenchon abgeschrieben, dem Linkssozialisten, der draussen vor den Toren von Lyon am Sonntag ebenfalls eine Kundgebung zelebriert.

Macron hingegen sucht «die Mitte». Am Samstag breitet er einen Reformkatalog aus, wie ihn gemässigte Franzosen seit Jahren unterstützen: Lockerung des starren Arbeitsrechts, niedrigere Sozialabgaben. Vieles jedoch bleibt vage. Erst Ende Februar wird Macron sein Programm vorstellen, samt Zahlen und Kosten.

Macron: «Das Beste liegt noch vor uns!»

Macron ist, wenigstens vorerst, weniger Programm als ein Lebensgefühl. «Er macht Hoffnung auf Neues», strahlt Levy. Und das erklärt, warum die Menschen im Sportpalast toben, als Macron dann doch kurz den Front National attackiert: «Manche reden im Namen des Volkes von einem Frankreich, das es nie gegeben hat», sagt er und fügt hinzu, «Das Beste liegt noch vor uns!»

Einen Tag später, am Sonntag im völlig überfüllten Plenarsaal des Kongresszentrums, weckt Marine Le Pen völlig andere Emotionen. Zornig schwenken drei Männer ihre Fahnen, als Marine Le Pen über die politischen Eliten schimpft, die Frankreich der EU ausgeliefert hätten, diesem «tyrannischen europäischen System». Ledoux zollt schüchtern Beifall. Er hasst nicht, er hat nur «die Nase voll».

Der Front National ist gewachsen

Von den «guten alten Zeiten», von Ludwig XIV., Napoléon und Charles de Gaulle haben beim FN-Kongress reihenweise Redner geschwärmt. Nostalgie wärmt die Partei. Auch Alexandre Ledoux, der Student aus Bordeaux, sehnt sich «zurück zu den Zeiten, da wir ein stolzes Frankreich hatten.» Dafür engagiert er sich, deshalb steht der blasse, etwas schmächtige Mann in Lyon stundenlang hinter dem Stand mit all den Postern, auf denen Marine Le Pen lächelt. Vor ihm liegt ein Plakat, das eine angeblich bettelarme Französin namens Sandra zeigt, die als Obdachlose mit ihrer Tochter im Auto schlafen muss – «weil», so der der FN, «die Sozialwohnungen überfüllt sind mit Migranten». Die Regierung mag diesen Verdrängungswettbewerb der Miserablen und Elenden bestreiten - Millionen Landsleute glauben es. «All die Illegalen müssen zurück nach Hause», sagt auch Ledoux, «Wir haben sechs Millionen Arbeitslose und zehn Millionen Arme – Frankreich kann das nicht mehr tragen.»

Der FN ist gewachsen, aus der Protestbewegung wurde eine professionelle, fast schon etablierte Partei. Drei Viertel aller Sympathisanten beteuern, sie seien sich ihrer FN-Wahl «sicher». Das sichert Marine Le Pen sechs, vielleicht schon sieben Millionen Stammwähler. Für den Sieg am 7. Mai wird sie etwa 18 Millionen brauchen. Alexandre Ledoux weiss, «dass das schwer wird». Er hofft, im Mai werde sich alles ändern. «Marine wird Präsidentin und ich mache Examen,» grinst er. Was er mal werden möchte? Er weiss es noch nicht «Beamter vielleicht. Oder Politiker.»

Erstellt: 05.02.2017, 21:01 Uhr

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