Drogenkrieg im europäischen Narko-Staat

In Holland ist eine Debatte darum entbrannt, was man gegen den wachsenden Einfluss von Drogenhändlern und Kriminellen tun soll.

Die niederländische Polizei nimmt ein illegales Drogenlabor aus. Foto: Peter van Ninhuys (Hollandse Hoogte/Laif)

Die niederländische Polizei nimmt ein illegales Drogenlabor aus. Foto: Peter van Ninhuys (Hollandse Hoogte/Laif)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Vorige Woche meldete sich die niederländische Polizeigewerkschaft zu Wort: Man habe zu wenig Leute, zu wenig Geld und deshalb keine Chance, den Kampf gegen die wuchernde Kriminalität zu gewinnen, klagte der Politie Bond in einem Bericht ans Parlament. Nötig seien mindestens 2000 zusätzliche Kräfte und mehr Unterstützung durch die Politik. Solche Lamentos sind zwar üblich im öffentlichen Dienst, zumal Tarifverhandlungen bevorstehen. Gepfeffert war der Warnruf jedoch mit einem Begriff, der aufhorchen liess und zu einer heftigen Debatte führte: Die Niederlande ähnelten immer mehr einem «Narko-Staat», stand da zu lesen, einem Land also, in dem «der Rechtsstaat durch eine mächtige parallele Drogenökonomie unterwandert» werde.

Die Anspielung auf Mexiko oder Kolumbien, auf Bandenkriege, Tausende Opfer und rechtsfreie Räume war gewollt. Die Polizei sei überfordert, steht in dem Bericht, der auf Gesprächen mit knapp 400 Beamten basiert. Sie müsse sich auf schlimmste Verbrechen wie Morde und Raubüberfälle konzentrieren. Alles andere, 80 Prozent der Straf­taten, bleibe liegen, zur Freude der organisierten Kriminalität.

Nur eine von neun Banden könne man mit den vorhandenen Ressourcen verfolgen. Die Drogenhändler strichen gelassen ihre Profite ein, sie seien zu reichen Unternehmern geworden, die sich auch in der Gastronomie betätigten, auf dem Immobilienmarkt und in der mittelständischen Wirtschaft. Narko-Staat? Steht es wirklich schon so schlimm um uns?, fragten die Medien besorgt. Man brauche nur ins Wörterbuch zu schauen, antwortete Pieter Tops, Politikprofessor an der Universität Limburg. Demnach sei ein Narko-Staat «ein Land, in dem verbotene Betäubungsmittel in grossem Umfang produziert und/oder gehandelt» werden. Das treffe auf die Niederlande zweifellos zu.

Verteilzentrum für harte Drogen

Tatsächlich ist das Land Europas grösster Produzent von synthetischen Drogen wie MDMA und anderen Amphetaminen. Beim Cannabisanbau spielt es ebenfalls eine bedeutende Rolle. Ausserdem ist es ein wichtiges Verteilzentrum für harte Drogen. Die Hälfte des in Europa konsumierten Kokains im Wert von 5,7 Milliarden Euro im Jahr gelangt gemäss Europol über Rotterdam auf den Kontinent. Auch beim Onlinedrogenhandel führen die Niederlande; laut einer Studie sitzen dort pro Einwohner die meisten Verkäufer in der EU. Die ­Pillenlabore konzentrieren sich auf den Süden, vor allem die Provinz Nordbrabant. Dort riefen die Bürgermeister von Eindhoven, Tilburg, Breda, Den Bosch und Helmond schon vor einem Jahr um Hilfe. Die kriminelle «Drogen-Industrie» habe «alle Teile der Gesellschaft» infiltriert, auch die Polizei, das sei «tödlich für die Demokratie».

Die neue niederländische Regierung will den kontrollierten Hanfanbau in mehreren Städten erproben.

In einem viel beachteten Buch («Die Rückseite der Niederlande») haben der Politologe Tops und der Journalist Jan Tromp das Phänomen am Beispiel von Tilburg beschrieben: Ecstasy-Kuchen und Hanfplantagen hinter Reihenhausfassaden. Den meisten, die mitmachten, sei nicht bewusst, dass sie einer unmoralischen Tätigkeit nachgingen. Dirigiert werde das Geschäft von Motorradbanden wie Satudarah, Marokkanern oder der türkischen Mafia. Razzien brächten wenig – die Behörden seien hilflos. Im Buch wird ein Bürgermeister zitiert: «Hier fahren Leute in schrecklich fetten Autos herum und lassen den Arm fürstlich aus dem Fenster hängen. Sie wollen nur eines zeigen: Wir sind hier der Chef.» An Meldungen über tödliche Schiessereien, meist Abrechnungen im Milieu, hat sich die Öffentlichkeit gewöhnen müssen. In Venlo wurde so viel geballert, dass Anwohner einen Protestmarsch organisierten, weil sie sich nicht mehr auf die Strasse trauten.

Die Ermittler sind frustriert

Als Erklärung, warum das Geschäft so blüht, führen Tops und andere zwei Gründe an: Historisch seien die Niederländer immer exzellente Händler gewesen, ob mit Tuch, Tulpen oder eben nun mit Drogen. Zudem verfüge das Land mit grossen Häfen, guten Strassen und einem superschnellen Internet über die passende Infrastruktur. Was also tun? Tops empfiehlt mehr Repression: «Die Drogenwelt muss zurückgedrängt werden.» Das passt zum Ruf nach Law and Order, der gerade von der politischen Rechten immer lauter wird.

Andere sind skeptischer. «Die Polizei übertreibt ein wenig, um Aufmerksamkeit zu bekommen», sagt Maarten Groothuizen, justizpolitischer Sprecher der linksliberalen Regierungspartei D66. Das «NRC Handelsblad» zitiert aus einem Expertenbericht, der die Ermittler als «tief frustriert» bezeichnet; es fehle die Expertise, um internationale Verbrechernetze zu zerstören.

Regulierung statt Repression

Oder ist es doch die berühmte Toleranz des Landes, die den Handel anheizt? Der Besitz geringer Mengen weicher Drogen und der Verkauf in Coffeeshops wird geduldet. Das lockt viele Drogentouristen nach Amsterdam. Doch der Anbau von Cannabis ist in den Niederlanden ebenso illegal wie die Herstellung synthetischer Drogen. Sinnvoll sei nicht noch mehr Repression, sondern die Legalisierung und Regulierung, meint D66. Staatliche Kontrolle bringe Steuern und entlaste die Justiz. Die neue Regierung will deshalb den kontrollierten Hanfanbau in mehreren Städten erproben.

Das Problem bleibe der «weltweite, völlig verrückte ‹war on drugs›», kommentiert die «Volkskrant». «Er hält die Preise hoch und macht den Handel mit Drogen so lukrativ.» Und er ist vergeblich. Als Bart De Wever 2013 Bürgermeister im belgischen Antwerpen wurde, sagte er den Drogen den Krieg an. Heute wird an Wochenenden nirgends in Europa mehr gekokst als in seiner Stadt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.02.2018, 19:04 Uhr

Artikel zum Thema

Junge finden Zigaretten schädlicher als Cannabis

Fast die Hälfte der Schweizer Bevölkerung greift zum Glimmstängel. Die Jungen schätzen dabei die Risiken höher ein als beim Konsum von Cannabis. Mehr...

Duterte entlässt Chef von philippinischer Drogenbehörde

Dem Leiter der Kommission für gefährliche Drogen wird vorgeworfen, von Drogenbaronen Geschenke angenommen zu haben. Mehr...

Milieu-Bar geschlossen und versiegelt

Die Barizzi-Bar im Zürcher Kreis 4 ist von der Stadtpolizei wegen Drogenhandels bis auf weiteres geschlossen worden. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Rochen statt Rentier: Ein als Weihnachtsmann verkleideter Taucher gesellt sich zu den Bewohnern des Ceox-Aquariums in Seoul. Südkorea ist das einzige ostasiatische Land, das Weihnachten als nationalen Feiertag anerkennt. (7. Dezember 2018)
(Bild: Chung Sung-Jun/Getty Images) Mehr...