Dutroux City

Seit dem Kinderschänder Dutroux gilt Charleroi definitiv als die hässlichste Stadt der Welt. Ein Ort, wo es verboten ist, reich zu sein.

Trist: Charleroi.

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Ist der Belgier Laurent F. selber schuld, dass er mehrmals ausgeraubt wurde? Eine Richterin in Walloniens grösster Stadt Charleroi findet, ja: Der Hausbesitzer und stolze Lenker einer schnittigen Luxuslimousine habe seinen Wohlstand zu sehr zur Schau gestellt. Der Urteilsspruch sorgt in Belgien für Furore und bedeutet für Charleroi einen schweren Rückschlag bei den Bemühungen, das schlechte Image der Stadt aufzubessern.

Laurent F. hatte 1998 in Charleroi ein zerfallenes Bürgerhaus erstanden, wie es sie in der früheren Kohle- und Stahlmetropole Walloniens viele gibt. Die Regionalbehörde gewährte Laurent F. sogar einen kleinen Zuschuss von 6172 Euro für die Sanierung des Gebäudes. Der Neuzuzügler renovierte umfangreich und machte aus der Bruchbude eine schmucke Villa.

Mit Waffen bedroht

Doch der Traum vom neuen Heim währte nicht lange. Zweimal wurde Laurent F. unterwegs in Charleroi bei einem sogenannten Car-Jacking sein Auto abgenommen, einmal holten sich die Diebe bei einem «Home-Jacking» die Autoschlüssel gleich zu Hause ab. Als dabei der Ehemann, seine Frau und die Kinder mit Waffen bedroht wurden, hatte die Familie genug und zog Hals über Kopf in die beschaulichere Provinz Brabant.

Laurent F. machte allerdings die Rechnung ohne die Regionalbehörde, die den öffentlichen Zustupf für die Totalsanierung der Ruine zurückforderte. Laurent F. berief sich für seinen Wegzug auf höhere Gewalt: Er habe sich in dem neuen Heim nicht mehr sicher gefühlt. Der Familienvater stiess bei Richterin Geneviève Denisty auf wenig Verständnis. Konkret warf die Richterin Laurent F. vor, in einem Wagen der Marke Jaguar herumzufahren und in einem «schönen Haus» zu wohnen.

Urteil angefochten

Es sei wohl nicht vernünftig, in einer armen und wirtschaftlich so verwüsteten Stadt wie Charleroi die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und Wohlstand öffentlich zu zeigen, schrieb Richterin Denisty in ihrem Urteil: Die Gewalttaten gegen Laurent F. seien vor diesem Hintergrund nicht unvorhersehbar gewesen.

Laurent F. will es nicht dabei bewenden lassen und hat das Urteil angefochten. Doch auch Charleroi will die Schmach und die schlechten Schlagzeilen nicht auf sich sitzen lassen. «Ist es verboten, in Charleroi reich zu sein?», fragte eine belgische Zeitung besorgt.

«Hässlichste Stadt der Welt»

Charleroi sei längst nicht mehr «Chicago-sur-Sambre», verteidigte sich der Bürgermeister Jean-Jacques Viseur. Die «New York Times» hatte der Stadt am Flüsschen Sambre einst diesen Titel verliehen, als dort kriminelle Banden Anfang dieses Jahrzehnts international die Aufmerksamkeit auf sich zogen. Das schlechte Image hält sich hartnäckig. Leser der niederländischen Zeitung «De Volkskrant» verliehen Charleroi den zweifelhaften Titel als «hässlichste Stadt der Welt».

Tatsächlich, Charleroi hat sich vom Niedergang der Schwerindustrie nie erholt. Nirgendwo ist die Armut so präsent wie in Walloniens grösster Stadt, wo jeder Vierte ohne Arbeit ist und ganze Strassenzüge zerfallen. Und nirgendwo in Belgien ist die Lebenserwartung so gering - Jahrzehnte schlechter Luft aus den Stahlöfen wirken nach. Viel zu lang vom roten Filz regiert, war Charleroi Schauplatz von Korruption und Vetternwirtschaft ohne Ende.

Zwei Opfer verscharrt

Und Charleroi war auch die Stadt des Kinderschänders Marc Dutroux, der in den 90er-Jahren dort zwei seiner Opfer verscharrte. Der schlechte Ruf sei längst nicht mehr gerechtfertigt und die gefürchtete Praxis des Car-Jackings stark zurückgegangen, heisst es bei den Stadtbehörden. Im vergangenen Jahr sei nur noch 58 Automobilisten das Fahrzeug mit Gewalt entwendet worden - ein Bruchteil der 540 Fälle aus dem Jahr 2001. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.04.2010, 09:14 Uhr

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