Edward Snowden enthüllt, wie er in der Schweiz spionierte

Der ehemalige Geheimdienstler berichtet erstmals ausführlich über seine CIA-Zeit in Genf – hier begann er an seiner Mission zu zweifeln.

Edward Snowden hat über seine Arbeit für die CIA ein Buch geschrieben – mit neuen Informationen über Spionagetätigkeiten in der Schweiz: Der Whistleblower in Moskau. Foto: Getty

Edward Snowden hat über seine Arbeit für die CIA ein Buch geschrieben – mit neuen Informationen über Spionagetätigkeiten in der Schweiz: Der Whistleblower in Moskau. Foto: Getty

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Zwei Jahre operierte Edward Snowden als amerikanischer Undercoveragent in der Schweiz. Für die CIA war er ab 2007 in Genf stationiert. Danach arbeitete er für einen weiteren US-Geheimdienst, die NSA, in Japan und in den USA. Vor sechs Jahren wurde Snowden praktisch über Nacht zum bekanntesten Whistleblower. Er enthüllte, wie die NSA und Verbündete die weltweite Internetkommunikation aushorchten und auswerteten.

Doch über seine zweijährige Zeit als Agent in der Schweiz hat Snowden bislang kaum etwas preisgegeben. Nun bricht er sein Schweigen. Snowden publiziert am kommenden Dienstag seine Autobiografie. Wir konnten das mit Spannung erwartete Buch in der deutschsprachigen Version vorab lesen. Die 432 Seiten erweisen sich als brisant – insbesondere was die Genfer Zeit betrifft. Denn noch niemals hat ein Insider so offen so viel Geheimes über den verbotenen, aber kaum kontrollierten US-Nachrichtendienst in der Schweiz preisgegeben. Es geht daraus deutlich hervor, wie die USA in Genf spionieren.

Die Haupterkenntnis: Die Amerikaner interessieren sich für die internationalen Organisationen wie die UNO oder die Welthandelsorganisation, was zu erwarten war. Dank Snowden erfährt man nun aber, dass sie infizierte USB-Sticks verwendeten, um die UNO gezielt zu hacken. Darüber hinaus greifen die US-Geheimdienste auch Schweizer Ziele an. Sie bespitzeln etwa gezielt den schweizerischen Bankenplatz und Telecomanbieter wie die Swisscom.

Der Quai du Seujet an bester Lage im Zentrum von Genf: In dieser noblen Gegend an der Rhone lebte Edward Snowden während seiner Zeit in der Schweiz. Foto: Olivier Vogelsang

Als Edward Snowden im Frühjahr 2007 nach Genf, seiner ersten CIA-Auslandsmission, flog, las er zur Einstimmung Mary Shelleys «Frankenstein». Die Lektüre hatte er auserkoren, weil der Roman an seinem Zielort spielt. In Genf schuf ein Forscher eine Kreatur, die ausser Kontrolle geriet und Amok lief.

Nun war er, Snowden, unterwegs in just diese Stadt, um zu helfen, ein neues Monster zu erschaffen.

«In Genf, in der Stadt, in der Mary Shelleys Kreatur Amok lief, war Amerika eifrig mit der Errichtung eines Netzwerks beschäftigt, das sich schliesslich verselbstständigt», schreibt Snowden. Es wird am Ende die US-Bevölkerung selber ausspionieren. Das ist für Snowden ein Frankenstein-Effekt.

Mehr Insiderinfos als je zuvor

Auf dem Flug über den Atlantik hat dem Geheimdiensttechniker Shelleys Klassiker nicht besonders gefallen. Doch über zwölf Jahre später wird Frankenstein die Schweiz-Erinnerung von Snowden prägen. Das menschgemachte Monster wird sogar zum Leitmotiv des Genf-Kapitels seiner Memoiren.

Das Schweizer Kapitel ist eines der reichhaltigsten. Der mittlerweile 36-Jährige blickt darin ausführlich und durchaus selbstkritisch zurück auf seine eigenen Spitzeldienste «in der geschäftigen, sauberen, wie ein Uhrwerk funktionierenden Stadt in der Schweiz». Snowden betont, ihm seien schon während der zwei Jahre in der Schweiz erste Zweifel an seiner Mission gekommen.

Aus einem überzeugten Geheimdienstler wurde später ein Whistleblower. Praktisch im Alleingang klärte Edward Snowden die Welt darüber auf, wie sie im Internet total ausspioniert wird.

Snowden und die Schweiz – das ist eine schwierige Beziehung.

Der Whistleblower selber zahlt dafür einen hohen Preis. In seine Heimat zurückkehren kann der Mann aus North Carolina nicht, wenn er nicht jahrelang hinter Gittern landen will. Der Amerikaner bemüht sich seit Jahren um Asyl in Westeuropa. Auch das Land, das er am besten kennen gelernt hat, die Schweiz, ist eine Option, doch die Behörden in Bern zeigen ihm die kalte Schulter.

Snowden und die Schweiz – das ist eine schwierige Beziehung. Dem Nachwuchsagenten gefiel es nicht besonders gut in Genf. Am Materiellen lag es nicht. Sein Arbeitgeber hatte ihm eine teure Vierzimmerwohnung gemietet, in einer anonymen Grossüberbauung zwar, aber an bester Lage im Genfer Zentrum.

Über die Aussicht konnte sich der Neuankömmling nicht beschweren. «Ich lag auf einer Matratze im Wohnzimmer der absurd eleganten, absurd geräu­migen, aber fast völlig unmöblierten Wohnung, die die Botschaft bezahlte. Sie lag am Quai du Seujet im Viertel Saint-Jean-Falaises, mit dem Blick auf die Rhone aus dem einen Fenster und auf das Juragebirge aus dem anderen.»

In der Genfer UNO-Mission der Amerikaner betrieb Snowden eine Art Informatikanlaufstelle für US-Agenten. Foto: Kim Petersen (Alamy)

Der zweijährige Schweiz-Aufenthalt fällt zusammen mit der Finanzkrise, und Snowden gefällt nicht, was er in Genf sieht. Die Superreichen, vor allem vom Golf, leben extravagant, während seine Freunde und Verwandten in den USA ihre Jobs verlieren.

«Diese adligen Herrschaften buchten ganze Stockwerke in 5-Stern-Grandhotels und kauften die Luxus­geschäfte auf der anderen Seite der Brücke leer. (...) Die nun demonstrierte Verschwendungssucht war besonders abstossend (...) Das Leben in Genf schien sich in einer anderen Wirklichkeit, ja, in einer Gegenwelt abzuspielen. Während der Rest der Welt immer ärmer wurde, florierte Genf, und obgleich die Schweizer Banken nur in geringem Masse an den riskanten Handelsgeschäften beteiligt gewesen waren, die den Crash verursacht hatten, versteckten sie nun frohgemut das Geld der Leute, die von dem Leid profitierten, ohne je dafür zur Verantwortung gezogen zu werden.»

Edward Snowden ist offiziell als Vertreter der Vereinigten Staaten an der Genfer UNO-Mission akkreditiert. Gegen aussen präsentiert sich der IT-Autodidakt mit der intensiven Geheimdienstschulung als Systemanalytiker. Auf den häufigen Botschafts­partys stellt er sich, zunehmend auch auf Französisch, als «Informa­ticien» vor. Doch er kümmert sich um weit mehr als um die IT.

Junge Cern-Forscher brachte Snowden so weit, dass sie «wortreich und übersprudelnd» über ihre Berufstätigkeit auspackten. Foto: Wikipedia

Der Mann, der bis heute jugendlich wirkt, schaut sich für die CIA auch nach interessanten Leuten um. Snowden versteht es, mögliche Zielpersonen in Gespräche zu verwickeln. Mit seiner «angeborenen Streberhaftigkeit», so die ironische Selbstbeschreibung, habe er junge Forscher vom internationalen Kernforschungszentrum Cern so weit gebracht, dass sie «wortreich und übersprudelnd» über ihre Berufstätigkeit auspackten. Das Aushorchen menschlicher Quellen ist nicht Snowdens Kernaufgabe. Diese wird darin bestehen, Old-School-Spionage mit Big Data zu versöhnen und zu verknüpfen.

In der überdimensionierten Genfer UNO-Mission der Amerikaner betreibt der Neuankömmling eine Art Informatikanlaufstelle für die zahlreichen anderen US-Agenten. Vertrauensvoll wenden sich Kollegen an den One-Man-Helpdesk, wenn bei ihren Angriffen auf die kritische Infrastruktur in der Schweiz technische Hürden überwunden werden müssen.

Wie zerstört man eine Diskette?

Zu Snowdens «Kunden» in Genf zählen insbesondere klassische Geheimdienstler mit limitierten Technikkenntnissen. Edward Snowden beschreibt diese Undercoverspione als «mit einem Bein schon im Grab stehende Zyniker, charmante Lügner, die rauchten, tranken» und eine starke Abneigung gegen die an Einfluss gewinnende Cyberfraktion hegten.

Manchmal sind die IT-Sorgen seiner Dienstkumpane überschaubar, wie Snowden offenlegt: Einmal will ein Agent von ihm wissen, wie man eine Diskette am besten zerstört. Es stellt sich gemäss Autobiografie heraus, dass auf dem Datenträger «Kundenaufzeichnungen» gespeichert sind, die der US-Agent «einem korrupten Swisscom-Angestellten abgekauft hatte». Die Swisscom, der Schweizer Telecommarktführer, speichert hochsensible Daten von Millionen Kunden, darunter Banker, Konzernlenker, Diplomaten und hohe Angestellte der Bundesverwaltung. Ersichtlich ist in den IT-Systemen des Unternehmens, wer mit wem telefonierte oder SMS austauschte.

Die Swisscom schreibt auf Anfrage, sie könne «aufgrund der uns vorliegenden, sehr vagen Informationen und der Tatsache, dass dies zeitlich weit zurückliegt», keine Angaben zu einem mög­lichen Datenabfluss machen. Sie schütze und überwache ihr Netz gegen Angriffe von innen und aussen.

Ein hohes Tier des Geheimdienstes in der US-Vertretung hatte es damals auf die UNO abgesehen.

Doch die Swisscom ist bei weitem nicht das einzige Opfer amerikanischer Spähattacken in der Schweiz. Vielmehr ist Genf, «das kultivierte Alte-Welt-Zentrum» mit all seinen internationalen Organisationen und Privatbanken, so etwas wie ein gelobtes Land für Spione, wie Snowden schreibt.

«Die Stadt bot weltweit die anspruchsvollsten und ergiebigsten Ziele, vom zweiten Hauptsitz der Vereinten Nationen bis zu den Zentralen zahlreicher spezialisierter Nebenorgane der UNO und internationaler Nichtregierungsorganisationen. Hier war das Büro der Internationalen Atomenergie-Organisation, die weltweit Nukleartechnologie und entsprechende Sicherheitsstandards fördert und deren militärische Nutzung überwacht. Es gab die Internationale Fernmeldeunion, die über ihren Einfluss auf technische Standards für alles Mögliche, vom Frequenzspektrum bis zu Satellitenumlauf­bahnen, bestimmt, was wie übermittelt wird. Und es gab die Welthandelsorganisation, die mittels Regulierungen für den Austausch von Waren, Dienstleistungen und geistigem Eigentum zwischen teilnehmenden Nationen festlegt, was wie verkauft werden darf.»

Konkret auf die Vereinten Nationen hatte es damals ein höheres Tier des Geheimdienstes in der US-Vertretung abgesehen. Snowden schreibt: «Am Freitag schliesslich zitierte mich der Einsatzleiter in sein Büro und fragte mich, ob das Hauptquartier ‹rein hypothetisch› einen infizierten USB-Stick herüberschicken könne, den ‹jemand› nutzen könne, um die Computer von Delegierten der Vereinten Nationen zu hacken, deren Hauptgebäude sich nur ein kurzes Stück die Strasse runter befand. War ich der Meinung, dass man diesen ‹Jemand› schnappen würde? Ich war nicht der Meinung, und der ‹Jemand› wurde nicht geschnappt.»

Wachsender Appetit

Geknackt werden sollte aber auch das Bankgeheimnis: «Genf spielte eine wichtige Rolle als Zentrum von Privatbanken, wo sich ohne gründliche öffentliche Kontrolle riesige Geldbeträge beiseite schaffen und ausgeben liessen, unabhängig davon, ob man diese Beträge rechtmässig oder unrechtmässig erworben hatte», schreibt Snowden.

«Dank der notorisch langsamen und akribischen Methoden traditioneller Spionage gelang es durchaus, diese Systeme zu Amerikas Gunsten zu manipulieren, aber letztlich waren die Erfolge zu dünn gesät, um den stetig wachsenden Appetit der politischen Entscheidungsträger der USA zu befriedigen. Insbesondere als die Schweizer Bankenbranche auf Digitaltechnik umstellte. Nun, da die verborgensten Geheimnisse der Welt auf Computern gespeichert wurden, die in den meisten Fällen mit dem offenen Internet verbunden waren, war es nur logisch, dass Amerikas Geheimdienste genau diese Verbindungen nutzen wollten, um sie zu stehlen.»

Im digitalen Zeitalter wird Human Intelligence – das Anwerben menschlicher Quellen – nicht ganz vernachlässigt. Sogar ein Technerd wie Edward Snowden half in Genf bei der Rekrutierung eines Privatbankers, die letztlich aber scheitert. Diese Anekdote über die Anwerbung hat er schon früher erzählt, worauf Bundespräsident Ueli Maurer den Wahrheitsgehalt anzweifelte.

Streifzüge durch Stripclubs

In der Autobiografie liefert Snowden jetzt aber weitere Details: An einer Party auf einer Terrasse eines exklusiven Genfer Cafés traf er einen gut geklei­deten Saudi, «der demonstrativ ein Schweizer Hemd in Rosa mit Manschettenknöpfen trug». Der Mann, der bei einer Privatbank saudische Konten betreute, schüttete Snowden sogleich sein Herz aus. Noch auf der Party vermittelte Edward Snowden den Genfer Banker diskret an einen ebenfalls anwesenden Agentenkollegen.

Sofort versucht die CIA, den Genfer Banker zu rekrutieren. Doch selbst bei den folgenden gemeinsamen «Streif­zügen durch Stripclubs und Bars» wird der Saudi nicht warm. «Nach einem Monat voller Fehlschläge war der US-Agent so frustriert, dass er den Banker auf eine Sauftour mitnahm und ihn abfüllte. Dann überredete er den Kerl, alkoholisiert nach Hause zu fahren, statt ein Taxi zu nehmen. Noch bevor dieser die letzte Bar verlassen hatte, meldete der US-Agent Marke und Kennzeichen seines Autos der Genfer Polizei, die ihn keine Viertelstunde später wegen Trunkenheit am Steuer festnahm.»

Die US-Vertreter übernehmen gemäss Snowden freundlicherweise gleich das horrende Bussgeld. Der Banker ist seinen Führerschein los. Die Agenten chauffieren ihn ab sofort täglich zur Arbeit. Er sollte in ihrer Schuld stehen und später für sie arbeiten. Doch die ganze Aktion endete in einem Desaster. Der Banker lehnt es ab, für die USA zu spitzeln.

Held oder Verräter?

Der Fehlschlag deprimiert Edward Snowden. Die Anekdote hat jedoch noch eine Pointe: An einem Sommerabend 2008 besuchte Snowden mit Spezialisten des Special Collection Service das Volksfest Fêtes de Genève. Die IT-Truppe, eine Kooperation von CIA und NSA, betreibt in der amerikanischen UNO-Mission eine gigantische Überwachungsanlage.

Snowden, zu diesem Zeitpunkt noch nicht eingeweiht in alle Geheimnisse der Cyberspionage, schüttete den Kollegen sein Herz aus über die Pleite mit dem Banker: «Während am Himmel die Feuerwerksgarben explodierten, erzählte ich von der Geschichte mit dem Banker und jammerte darüber, wie katastrophal die Sache gelaufen sei. Einer der Typen sah mich an und meinte: ‹Wenn du das nächste Mal jemanden kennen lernst, Ed, kümmerst du dich nicht um die (normalen Agenten). Gib uns einfach seine E-Mail-Adresse, und dann nehmen wir die Sache in die Hand.› Ich nickte trübsinnig, wobei sich mir die ganze Tragweite seiner Worte zu dem Zeitpunkt kaum erschloss.»

2008 besuchte Snowden mit Spezialisten des Special Collection Service die Fêtes de Genève. Foto: Keystone

Erst langsam begann Snowden damals zu erkennen, auf welch verheerende Weise die amerikanischen Geheimdienste auf die internationale Digi­talkommunikation aller Menschen zugreifen können. Von da an verstrich nochmals ein halbes Jahrzehnt bis zu seinem Verrat. Oder Heldentat. Je nach Sichtweise.


Mitarbeit: Frederik Obermaier, Bastian Obermayer

Erstellt: 13.09.2019, 17:51 Uhr

Buch

Edward Snowden: Permanent Record. Meine Geschichte. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2019. Ab 17. September im Handel.

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