Eichmanns bester Mann

Der Nazibürokrat Alois Brunner hat 150'000 Juden deportiert. Nun wurde er von den Fahndungslisten gestrichen.

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Das Simon-Wiesenthal-Zentrum in Jerusalem ist für seinen verzweifelten Versuch, mit der «Operation Last Chance» der letzten Kriegsverbrecher habhaft zu werden, vielfach kritisiert worden. Historiker Michael Wolfssohn etwa sprach von einer «geschmacklosen» Aktion, die, wie im Fall des todkranken 91-jährigen John Demjanjuk, womöglich sogar Mitleidseffekte provoziere. Die Nazijäger lassen den Vorwurf nicht gelten. Der Ruf, die alten Geschichten endlich ruhen zu lassen, begleitet ihre Arbeit schon seit 1945.

Alois Brunner stand bis zuletzt ganz oben auf der Fahndungsliste des Wiesenthal-Zentrums. Er war kein kleiner KZ-Aufseher: Adolf Eichmann bezeichnete ihn als seinen «besten Mann», Simon Wiesenthal als «zweifellos schlimmsten» aller Holocaust-Bürokraten. 1912 im Burgenland geboren, in seiner Jugend wegen seiner Hakennase als Jud Süss gehänselt, als Kaufmann und Kaffeehauspächter gescheitert, emigrierte der schmächtige Mann 1933 in Hitlers Deutschland. Seine steile Karriere begann 1938 mit seinem Wechsel von der SA zur SS. Als Stellvertreter und später Nachfolger Eichmanns in der «Zentralstelle für jüdische Auswanderung» organisierte Brunner in ganz Europa die Deportation von 150'000 Juden. Er hat sich dabei nicht nur schamlos bereichert, sondern beim Foltern und Morden auch selber Hand angelegt, gern in weissen Handschuhen.

Wie Brunner sich fast siebzig Jahre lang der Strafverfolgung entziehen konnte, gehört zu den dunkelsten Kapiteln der deutschen Justizgeschichte. Gleich nach dem Krieg war er als Bergarbeiter in Essen buchstäblich untergetaucht. Als seine gefälschte Identität aufflog, setzte er sich mithilfe der Organisation Gehlen, dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes, in den Nahen Osten ab. Ungeachtet mehrerer Todesurteile und hoher Kopfgelder lebte er unter dem Decknamen Dr. Georg Fischer fast unbehelligt im Botschaftsviertel von Damaskus. Man kannte seine Adresse, seine Geschäfte (Brunner handelte mit Bier und Sauerkraut aus der Heimat und wohl auch mit Waffen), seine Weltsicht, seine Hobbys. Touristen sahen ihn noch in den 90er-Jahren mit seinem Schäferhund in Strassencafés; in schaurigen Interviews gab Brunner zu Protokoll, er bereue nichts und bedauere nur, die «Säuberung des Erdballs von den Juden nicht vollendet» zu haben. Nichts war ihm so verhasst wie eine «Arbeit halb fertig liegen zu lassen»: Noch im Juli 1944 schaffte er mit einem letzten Zug 232 jüdische Kinder aus Paris nach Auschwitz.

Dennoch konnte man ihm nichts anhaben: Der fanatische Antisemit hatte sich dem Assad-Regime als Verhörspezialist und «Berater in Judenfragen» unentbehrlich gemacht. Brunner verlor durch Briefbombenattentate des Mossad ein Auge und mehrere Finger, aber sein Satz «Israel wird mich nie bekommen» sollte sich bewahrheiten. Auslieferungsanträge blieben unbearbeitet, Proteste verhallten ungehört. Immer wieder für tot erklärt, ist er jetzt von der Fahndungsliste des Wiesenthal-Zentrums gestrichen worden. Es gibt zwar keine gesicherten Informationen, aber dass der mittlerweile 102-jährige «lebendige Tote» («Zeit») die Wirren des syrischen Bürgerkriegs überlebt hat, ist unwahrscheinlich. Und damit bleiben seine Verbrechen ungesühnt.

Erstellt: 05.12.2014, 19:58 Uhr

«Israel wird mich nie bekommen»: Alois Brunner flüchtete erfolgreich nach Damaskus.

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