Ein Jahr nach dem Attentat

Deutschland war auf einen Anschlag wie den vom Berliner Weihnachtsmarkt nicht vorbereitet.

Mahnmal der Verletzlichkeit: Ein 14 Meter langer Riss erinnert an das Attentat vom 19. Dezember 2017 in Berlin. Foto: Clemens Bilan (EPA, Keystone)

Mahnmal der Verletzlichkeit: Ein 14 Meter langer Riss erinnert an das Attentat vom 19. Dezember 2017 in Berlin. Foto: Clemens Bilan (EPA, Keystone)

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Es geht ein Riss durch den Breitscheidplatz im Herzen Berlins. Der Riss wurde mit Bronze verfüllt. 14 Meter lang schlängelt er sich fein und schimmernd über den Platz und die Treppen hoch zur Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Ein Jahr danach symbolisiert er nicht nur die Wunde, die ein islamistischer Attentäter ins Leben Dutzender Menschen geschlagen hat, sondern auch die Verwundbarkeit einer Republik, die bis dahin von solchen Terrortaten weitgehend verschont geblieben war.

Zwölf Menschen starben, als der Täter am Abend des 19. Dezember einen Sattelschlepper in den Berliner Weihnachtsmarkt steuerte – mehr als 70 wurden verletzt. Die Toten kamen aus sechs verschiedenen Ländern. Ihre Namen sind jetzt auf den Stufen zur Kirche einzeln eingefügt, sodass man vor ihnen stehen kann wie vor einem Grab.

Erster Jahrestag: Denkmal auf dem Breitscheidplatz kurz vor Einweihung. Video: Reuters

Das Mahnmal zeigt eine Wunde, die sich schliesst. Angehörige der Opfer werden heute in einem Gedenkakt das letzte Stück des Risses mit flüssiger Bronze ausfüllen. Symbolisch lassen sie in die Legierung ein wenig 22-karätiges Gold hineinrieseln und vollenden damit das Werk. Die Schöpfer der Gedenkstätte haben sich an der japanischen Kintsugi-Technik orientiert. Dabei wird gebrochene Keramik mit Gold wieder zusammengefügt. Die Beschädigungen werden damit nicht geleugnet, sondern im Gegenteil mit wertvollem Material besonders sichtbar gemacht. Der geschlossene Riss bleibt ein Riss, ein Mahnmal der Verletzlichkeit.

Schwer und schwierig

Martin Germer ist der Pfarrer am Breitscheidplatz. Das Mahnmal am Fusse seines Gotteshauses findet er so grossartig, dass es ihm ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Schon die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche sei ja nach dem Zweiten Weltkrieg bewusst als Ruine mit abgebrochenem Turm erhalten worden. «Sie ist ein mächtiges Mahnmal für Frieden und Versöhnung in der Welt, bis heute. Da kommt jetzt der Riss noch dazu.» Das Attentat habe mehr als nur einen Spalt ins Leben der betroffenen Menschen getrieben. Dennoch sei der Terrorist am eigentlichen Ziel gescheitert: Er habe nicht zu zerreissen vermocht, was unsere Gesellschaft zusammenhalte.

«Die Gedächtniskirche ist bis heute ein Mahnmal für Frieden und Versöhnung. Da kommt jetzt der Riss noch dazu.»

Martin Germer, Pfarrer am Breitscheidplatz

Am Tag vor dem Gedenkakt hat Angela Merkel am Montag Hinterbliebene und Opfer des Attentats im Kanzleramt empfangen. Die Medien waren bei dem Treffen nicht zugelassen, aber es ist zu vermuten, dass es für die Kanzlerin ein schweres und schwieriges war. Viele Angehörige sind ein Jahr nach der Katastrophe, die ihnen ihre Liebsten genommen hat, nicht versöhnt, sondern wütend. Viele quält das Gefühl, der Staat habe nicht alles getan, um das Attentat zu verhindern. Und danach habe er die Opfer nicht ausreichend gewürdigt.

Die Wut der Angehörigen zielt vor allem auf Merkel. Dies hat einerseits mit der aufgeheizten politischen Atmosphäre zu tun. «Es sind Merkels Tote!», behauptete die Alternative für Deutschland schon am Abend des Anschlags und gab der «Flüchtlingskanzlerin» persönlich die Schuld. Auf die Poller, die in ­diesem Jahr überall die Zufahrten zu den Weihnachtsmärkten versperren, sprayen Unbekannte immer wieder «Danke, Merkel!» – wie wenn es vor der Flüchtlingskrise keinen islamistischen Terror gegeben hätte. Andererseits werfen die Angehörigen der Kanzlerin auch persönliches Versagen vor: Bis zum gestrigen Treffen sei sie nie auf die Hinterbliebenen zugegangen.

Eine Frage des Respekts

Vor drei Wochen haben die Väter, Mütter, Partner, Geschwister und Kinder der Opfer Merkel einen offenen Brief geschrieben, den der «Spiegel» danach abdruckte. Der Brief ist eine einzige ­erbitterte Anklage, unterschrieben von Mitgliedern aller zwölf betroffenen Familien. Der Anschlag sei die «tragische Folge der politischen Untätigkeit Ihrer Regierung», steht da. Sie, Merkel, habe den Angehörigen nie persönlich oder schriftlich kondoliert. «Wir sind der Auffassung, dass Sie damit Ihrem Amt nicht gerecht werden. (. . .) Es ist eine Frage des Respekts, des Anstands und eigentlich eine Selbstverständlichkeit.»

Im Unterschied zu anderen Ländern, die ihre Terrortoten mit Staatsbegräbnissen ehren würden, habe es der deutsche Staat an der nötigen Anerkennung fehlen lassen. Und statt den Opfern schnell und grosszügig zu helfen, auch mit Geld, habe man diese mit der kalten deutschen Bürokratie alleine gelassen und mit Almosen abgespeist.

Schliesslich habe der Staat vollkommen bei der Pflicht versagt, seine Bürger zu schützen. Der Täter hätte nach allem, was man heute wisse, leicht gestoppt werden können. Weder habe für dieses Versagen bisher jemand die Verantwortung übernommen, noch sei das Nötige in die Wege geleitet worden, um zu verhindern, dass es zu weiteren vermeidbaren Attentaten komme. Astrid Passin, die am Breitscheidplatz ihre Mutter verloren hat, sagte kürzlich stellvertretend für viele Angehörige: «Solange wir nicht wissen, wer verantwortlich ist, sind wir es, die für das Attentat büssen müssen.»

Hinterbliebene allein gelassen

Roland Weber kann die Wut verstehen. Der Anwalt hat sich im letzten Jahr für die Stadt Berlin ehrenamtlich um die Opfer gekümmert. «So, wie es gelaufen ist, darf und wird es nie wieder laufen.» Erst habe es Tage gedauert, bis die Opfer formell identifiziert und die Angehörigen unterrichtet gewesen seien. Danach habe der Staat die Hinterbliebenen über Wochen allein gelassen.

Eine wichtige Lehre aus dem Anschlag wird es deswegen sein, dass Opfer einer Grosskatastrophe künftig vom Bund zentral betreut werden. Vom Moment des Unglücks an soll der Staat sich direkt um sie kümmern, wie es etwa in Frankreich schon länger der Fall ist. Dafür wird im Justizministerium eigens eine Anlaufstelle eingerichtet. Der Opferschutz soll generell deutlich verbessert werden, darin sind sich Regierung und Parteien einig.

«Solange wir nicht wissen, wer verantwortlich ist, sind wir es, die für das Attentat büssen müssen.» Astrid Passin, Tochter eines Terroropfers

Die staatlichen Entschädigungen – bisher 10'000 Euro für den Verlust eines Lebenspartners – sollen erhöht und weitere Unterstützungen schnell und unbürokratisch ausgezahlt werden. «Es fehlt ja nicht am Geld», sagt Roland Weber. «Alleine in Berlin gibt es 100 Organisationen, die Opfern und ihren Angehörigen helfen. Ein Einzelner ist aber überfordert damit, innert nützlicher Frist das Nötige zu bekommen.» Hier müssten professionelle Betreuer vermitteln.

Während es weitgehend unbestritten ist, dass der deutsche Staat für Opfer eines Anschlags künftig besser sorgen muss, herrscht wenig Einigkeit bei der Frage, welche symbolische Anerkennung vonseiten des Staats erwartet werden darf. Viele Angehörige orientieren sich heute an Ländern wie Frankreich, Israel oder den USA, in denen Opfer terroristischer Gewalt in pompösen Staatsakten wie Märtyrer zu Grabe getragen werden.

Deutschland hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg mit solcher Zurschaustellung staatlicher Symbole bewusst ­zurückgehalten. Staatsbegräbnisse sind ausgesprochen selten, und es ist in Deutschland bis anhin schwer vorstellbar, dass ein Präsident oder eine Kanzlerin am Grab eines Terroropfers kniet, wie es bei polnischen oder italienischen Opfern, die am Breitscheidplatz ums Leben kamen, ganz selbstverständlich der Fall war. Wie der offene Brief zeigt, haben viel Angehörige das Verständnis für diese besondere deutsche Zurückhaltung längst verloren.

Unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Dabei blieb, nüchtern betrachtet, der deutsche Staat mit seiner Anteilnahme alles andere als untätig. Schon am Tag nach dem Attentat fand in der Gedächtniskirche ein öffentlicher Gedenkgottesdienst statt, an dem der damalige Bundespräsident Joachim Gauck, Kanzlerin Merkel und fast die gesamte deutsche Regierung teilnahmen. Gauck lud als Staatsoberhaupt die Angehörigen zwei Monate nach der Tat auf seinen Amtssitz ein, kondolierte ihnen und versprach ihnen jede erdenkliche Hilfe.

Das Treffen fand unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt – auf ausdrücklichen Wunsch der Hinterbliebenen. Merkel selber, sagt Pfarrer Germer, habe den Anschlagsort am Breitscheidplatz mindestens viermal besucht, um der Opfer zu gedenken, einmal zusammen mit dem damaligen französischen Präsidenten François Hollande. «Zu früh und zu spät» sei Merkels Anteilnahme gekommen, klagen dagegen Angehörige.

Die Erwartungen gehen weit auseinander. Weil ein Attentat meist nicht einem bestimmten Menschen, sondern im Grunde dem Staat als Ganzem gilt, betrachten viele Hinterbliebene ihre Opfer quasi als Stellvertreter des Staates. Daraus erwächst der Anspruch auf maximale Würdigung, Staatstrauer, Staatsbegräbnisse. Der deutsche Staat tut sich mit diesem Anspruch schwer und muss seine Rolle erst noch finden. Gut möglich, dass dazu auch neue Trauerrituale nötig werden. Gleichzeitig scheuen sich die Behörden, Standards des staatlichen Gedenkens festzulegen, die es erschweren, auf jeden Fall einzeln einzugehen.

Wenn heute auf dem Breitscheidplatz der schimmernde Riss enthüllt wird, gedenken die Betroffenen erst still unter sich. Für die folgende Andacht in der Gedächtniskirche stossen Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Kanzlerin Merkel dazu. Erst am Nachmittag wird der Platz für Besucher geöffnet. Der Weihnachtsmarkt, der längst wieder so bunt und geschäftig lärmt wie in der Vergangenheit, ist an diesem Tag geschlossen. Am Abend um 20.02 Uhr, in der Minute also, in der vor einem Jahr der Lastwagen auf den Breitscheidplatz gerast war, werden am Ende einer Friedenskundgebung Tausende Menschen mit brennenden Kerzen auf dem Platz stehen. Von der Turmruine der Gedächtniskirche wird die tiefe Glocke schlagen. Zwölf Minuten lang. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.12.2017, 20:07 Uhr

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