Ein Moralprozess für den Zuschauer

Dominique Strauss-Kahn ist kein Zuhälter, sagten heute die Richter. Was bleibt? In Lille wurde keine Straftat verhandelt, sondern ein Lebensstil verurteilt. DSK wurde ein Moralprozess gemacht. Und alle schauten zu.

Wollte man wirklich alles wissen? Dominique Strauss-Kahn verlässt seine Wohnung in Paris, um nach Lille zu fahren. Foto: Gonzalo Fuentes (Reuters)

Wollte man wirklich alles wissen? Dominique Strauss-Kahn verlässt seine Wohnung in Paris, um nach Lille zu fahren. Foto: Gonzalo Fuentes (Reuters)

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Mehr als drei Jahre nach dem Beginn der sogenannten Carlton-Affäre ist Dominique Strauss-Kahn vom Vorwurf der organisierten Zuhälterei heute vom Strafgerichtshof Lille freigesprochen worden. Bis zu zehn Jahre Haft und eine Geldstrafe von 1,5 Millionen Euro hatten dem ehemaligen Chef des Internationalen Währungsfonds gedroht. Doch noch vor Prozessbeginn war die Anklage wie ein Kartenhaus in sich zusammengefallen. Der Freispruch ist daher keine Überraschung: Selbst die Staatsanwaltschaft hatte für nicht schuldig plädiert. Strauss-Kahn ist jetzt juristisch freigesprochen, aber politisch tot. Das Urteil wirft vor allem ein schlechtes Licht auf die französischen Untersuchungsrichter.

«Dieser Prozess hat 66 Millionen Franzosen zu Voyeuren gemacht.» Richard Malka, einer der Anwälte von Dominique Strauss-Kahn, hat die Sache auf den Punkt gebracht. En Detail wurde das Intimleben eines Mannes in aller Öffentlichkeit ausgebreitet, der alle Chancen gehabt hatte, Frankreichs Präsident zu werden. Doch seit seinem spektakulären Sturz 2011 hat DSK, wie ihn die Franzosen nennen, kein öffentliches Amt mehr eingenommen. Es war nicht mehr der IWF-Chef, der angeklagt war, ein Zimmermädchen vergewaltigt zu haben. Theoretisch stand ein ganz normaler Bürger vor Gericht, der sich wegen schwerer Zuhälterei verantworten musste. Praktisch war es ein Ereignis, auf das die Weltpresse gierte.

Eine Art Fortsetzungsroman

Mit etwas Abstand betrachtet fühlt sich das Verfahren eher wie ein Schauprozess denn wie ein herkömmliches strafrechtliches Verfahren an: Drei Jahre lang hatten die Untersuchungen gedauert, über 200 Seiten umfasste die Anklageschrift, aus der etliches schon im Vorfeld durchgesickert war. Journalisten aus aller Welt waren nach Lille gekommen, als wäre die Saga DSK eine Art Fortsetzungsroman.

Aber die Medienhysterie erklärt sich auch aus der Tatsache, dass es in den USA nie zu einem Prozess in Sachen Sofitel, wo DSK und das Zimmermädchen Nafissatou Diallo aufeinandergetroffen waren, gekommen war. Die Anklage war aus Gründen, über die man nur spekulieren kann, niedergelegt worden. Ein Skandal, der globale Wellen geschlagen und einen der mächtigsten Männer der Welt in Handschellen gezeigt hatte, war nie aufgeklärt worden. Doch auf den einen folgte ein zweiter, nur der Schauplatz hatte sich geändert: Aus dem Sofitel war das Carlton geworden.

Nichts mehr zu verlieren

Selbst für die Franzosen war der Carlton-Prozess ein Novum: Noch nie hatte sich ein ehemaliger Politiker in allen Details für sein Sexualleben öffentlich rechtfertigen müssen. Aber ein Mann, der so viel verloren hat, hat nichts mehr zu verlieren. In den zweieinhalb Tagen, die sein Verhör dauerte, wirkte DSK ruhig, fast professionell. Und wenn er seine «zugegeben ungewöhnlichen Sexualpraktiken» beschrieb, dann tat er das mit derselben Sachlichkeit, als würde er Aktienkurse oder BIP-Kurven beschreiben.

Anfangs wussten die Prozessberichterstatter nicht, welche Worte sie wählen sollten. Die Vertreter der amerikanischen Medien, die für ihre Prüderie bekannt sind, hatten es besonders schwer. Der Korrespondent der «New York Times» fragte in einem Blogeintrag, wie er diesen Prozess wohl covern solle, ohne Ausdrücke zu benutzen, die nichts in einer «Familienzeitung» zu suchen hätten? Worte wie Analverkehr, Sodomie, you name it. Auch Ausdrücke wie «partie fine», die sich mit Sex-Partys nur unzureichend übersetzen lassen und die kulturelle Besonderheit eines Landes ahnen lassen, in dem das Erbe der Libertinage bis heute präsent ist.

Wollte man es wirklich wissen?

Man hätte den Carlton-Prozess auch so überschreiben können: Alles, was Sie schon immer über das Sexualleben von DSK wissen wollten und nie zu fragen gewagt haben ... Die Frage ist nur: Wollte man es wirklich wissen? Mehrere Prostituierte, die als Nebenklägerinnen auftraten, beschrieben anschaulich seine rücksichtslosen und brutalen Sexualpraktiken. Von «Gemetzel» und «Schlachterei» war die Rede. Die ehemalige Prostituierte Jade sagte aus: «Als ich DSK den Rücken zuwendete, drang er ohne zu fragen in mich ein. Bevor ich überhaupt was sagen konnte, geschah es und ich fühlte mich wie aufgespiesst.» Im Prozess befragt, ob sie ihm irgendwann einmal gesagt hätte, ob sie Prostituierte sei, gab Jade schlagfertig zurück: «Ich hatte meistens den Mund voll.» Gelächter im Pressesaal.

Die Schilderungen der Prostituierten waren zum Teil erschütternd, ihr Trauma nachvollziehbar. Vor den Augen der Weltöffentlichkeit entstand das Bild eines Machtmenschen, der Frauen wie Objekte behandelte: respektlos und in der Regel brutal. Im SMS-Austausch mit seinen Mitangeklagten bezeichnete er die Prostituierten als «Ware», «Material», «Päckchen», auch schon mal als «Akte». Vier solche Gruppensexpartys waren innerhalb von drei Jahren organisiert worden. In Lille, Washington, Brüssel und Paris. Nur in keinem der Fälle konnte die Staatsanwaltschaft nachweisen, dass sich DSK der Zuhälterei strafbar gemacht hatte.

«Jeder kam auf seine Kosten»

DSK selbst zog sich auf die Position zurück, die Orgien nie selbst organisiert zu haben, weil er mit wichtigeren Dingen beschäftigt gewesen sei: «Ich habe die Welt vor einer Krise gerettet, die schlimmer als die von 1929 gewesen wäre.» Er trat auf als Mann, dem die Macht so viel Aura gegeben hatte, dass es ihm nie in den Sinn gekommen wäre, für Sex bezahlen zu müssen. Erst zum Ende hin verlor er die Geduld: «Langsam habe ich genug. Ich werde hier nicht aufgrund meiner sexuellen Vorlieben verfolgt», entgegnete er dem Anwalt der Ankläger. «Es ist jedem selbst überlassen, meine Vorlieben zu teilen oder auch nicht. Diese Praktiken, wenn auch nicht mehrheitsfähig, sind dennoch extrem weit verbreitet.»

Mit anderen Worten: Seine Vorliebe für brutaleren Sex und Analverkehr erlaube keine Rückschlüsse darauf, dass es sich um Prostituierte gehandelt haben muss. Man mag das als ein Zeugnis seiner Selbstverliebtheit oder auch als eines seiner Naivität interpretieren, richtig abnehmen kann ihm das niemand. Aber darf man DSK deshalb als Zuhälter bezichtigen, der finanzielle oder andere Vorteile aus der Organisation der Sexpartys gezogen hat? Nein, befand selbst der Staatsanwalt Frédéric Fèvre. Man habe es in diesem Fall nicht mit einem «mafiösen Zuhälternetz» zu tun, sondern mit den «Gepflogenheiten einer Gruppe von Freunden, die Sexpartys veranstalteten, um ihr Ego, ihre Ambitionen oder schlicht und einfach ihre körperlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Jeder kam auf seine Kosten. Manche haben alles verloren: ihre Arbeit, ihre Ehre, ihren Ruf.»

Das Ende der sexuellen Befreiung?

Wenn der Carlton-Prozess einen positiven Nebeneffekt gehabt hat, dann nur einen einzigen: Er hat in Frankreich eine Debatte über Prostitution ausgelöst. Für einige Intellektuelle markiert er allerdings eine bedenkliche Wende. Frédéric Beigbeder beispielsweise, Schriftsteller und Chefredakteur des Erotikmagazins «Lui», sieht darin das Ende der sexuellen Befreiung: «Niemals hätte ich gedacht, dass es in meinem Land eines Tages möglich wäre, dass ein Mann wegen seines Sexuallebens dermassen angegriffen wird. Das mag noch so verdorben und zügellos sein, aber auf Prostituierte zurückzugreifen, ein sehr freies Leben zu führen, mehrere Geliebte gleichzeitig zu haben, da ist kein Verbrechen. Wieso», fragt Beigbeder, «massen sich die Leute im Jahr 2015 an, ein zügelloses, hedonistisches Leben eines erwachsenen Mannes moralisch zu verurteilen?»

Keine Straftat wurde in Lille verhandelt, sondern ein Lebensstil verurteilt. DSK wurde ein Moralprozess gemacht. Und alle schauten zu.

Erstellt: 12.06.2015, 19:21 Uhr

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