Ein Profi sucht eine neue Rolle – dringend

Dem deutschen FDP-Chef ist der Applaus abhanden gekommen. Nun sucht Guido Westerwelle nach einem neuen Profil.

Sieht sich mit Rebellen aus den eigenen Reihen konfrontiert: Guido Westerwelle.

Sieht sich mit Rebellen aus den eigenen Reihen konfrontiert: Guido Westerwelle. Bild: Keystone

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Er war der Spassvogel mit dem Guidomobil, er war der scharfzüngige Oppositionsführer. Ein gefeierter Wahlsieger war er auch, und ja: Zuletzt versuchte er als Staatsmann zu debütieren. Doch das Schauspiel des Guido Westerwelle ist in diesen Tagen aus den Fugen geraten. Der Profi sucht nach einer neuen Rolle auf einer sich schwindelerregend drehenden Politbühne. Besonders bitter: der Kampf um sein Amt als Parteichef. Guido Westerwelle hatte mit einer brutalen Verengung auf das Steuer-Thema seiner FDP einen Rekordwahlsieg verschafft. Unvergesslich der Wahlabend, als die Liberalen an ihren «Guido, Guido»-Rufen fast erstickten. Das liegt 15 Monate zurück, es sind also längst vergangene Zeiten. Inzwischen erhebt sich die bereits zweite Rebellion gegen den Chef.

Anonyme Forderungen

Jorgo Chatzimarkakis, Mitglied des FDP-Vorstandes, verlangt Westerwelles Rücktritt. «Wer als Parteivorsitzender Schicksalswahlen verliert, muss als Parteivorsitzender Konsequenzen ziehen», sagt er. Andere Liberale schliessen sich der Forderung an – wenn auch vorerst nur anonym. Westerwelle duckt sich erstmal – und versucht, Zeit zu gewinnen. Die Parteispitze wolle in den nächsten Wochen über eine Neuausrichtung befinden, erklärte er am Montag. Sein Amt jedoch will er behalten: Am Sonntagabend, noch vor der Schliessung der Wahllokale, liess er verbreiten, er trete «unter keinen Umständen zurück». Ein Monolog, der beim Publikum inzwischen nicht mehr so gut ankommt. Die Anhänger der Partei seien «hoch verunsichert», konstatiert der FDP-Abgeordnete Martin Lindner. Und: «Westerwelle trägt die Hauptverantwortung.»

Das grösste Unglück für Westerwelle ist jedoch: Auch als Aussenminister erhält er kaum Applaus, besonders seit der Libyen-Abstimmung im UNO-Sicherheitsrat. Westerwelle setzte durch, dass sich Deutschland enthält – eine Position, für die sich gute Argumente finden liessen. Der Aussenminister versäumte es aber, diesen Sonderweg genügend zu begründen. Die Folge: Als US-Präsident Barack Obama jüngst in einer Rede «unsere engsten Verbündeten» aufzählte, nannte er neun Staaten – Deutschland nicht. US-Zeitungen schrieben, es sei, als ob es in Berlin gar keinen Aussenminister gäbe.

Oper Nummer 2?

Fällt nun der Vorhang? Noch nicht. Ein bisschen ist es wie in einem Godard-Film: Die Schauspieler mögen wie sprechende Möbel wirken, aber ganz ohne sie geht es auch nicht. Und abgesehen von Westerwelle ist da niemand in der FDP, der das Theater führen könnte. Generalsekretär Christian Linder ist Favorit, aber der 32-Jährige sagt, er sei zu jung für den Job. Gar nicht infrage kommt Wirtschaftsminister Rainer Brüderle. Er hatte sich mit der ehrlichen, also katastrophalen Bemerkung blamiert, das Atommoratorium der Regierung sei bloss Wahltaktik. Bleibt also Westerwelle. Er soll versucht haben, Brüderle zum Rücktritt zu drängen – wie viele Chefs in Bedrängnis versuchte er es mit einem Opfer der Nummer 2. Aber das klappte nicht. Brüderle wehrte sich – und blieb vorerst im Amt. Man darf gespannt sein, ob es dem zweifellos talentierten Politiker noch einmal gelingt, sich in einer neuen Rolle zu erfinden. Das Einzige, was derzeit für ihn spricht: Ohne ihn ginge es der Partei auch nicht besser.

Erstellt: 30.03.2011, 22:01 Uhr

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