Ein Scheitern der Demokratie wird denkbar

In Frankreich nimmt die Wut auf das System ein beängstigendes Ausmass an. Die Warnwestenträger wollen es brennen sehen.

Die Kapitale in Flammen: Bilder der Zerstörungswut inmitten der Stadt der Liebe. Video: Reuters

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Man kann darüber streiten, ob die Bewegung der Gelbwesten wirklich die Interessen der armen Leute vertritt, wie sie es für sich in Anspruch nimmt. Doch sicher ist, dass sie einen Teil der Gesellschaft sichtbar macht, der sich lange nicht geäussert hat. Je länger die Gelbwesten auf die Strasse gehen, desto genauer werden die Analysen, wer sich ihnen zugehörig fühlt. Nun will auf einmal jeder wissen, wer sie sind und was sie denken. Man kann zurzeit in Frankreich zu egal welcher Zeit den Fernsehapparat einschalten und sieht einen Menschen in Warnweste, der seine Meinung sagt.

Das hat dreierlei bewirkt: Erstens diskutiert das Land auf einmal täglich über die Höhe des Mindestlohns. Menschen sprechen darüber, bis wann man ein Leben in Würde führt und ab wann ein Leben im Elend.

Der Gedanke an einen kleinen Aufstand findet in Frankreich meist viele Freunde, aber doch bitte nicht ganz so derb wie dieser hier.

Der zweite Effekt ist deprimierend: Es zeigt sich überdeutlich, wie klar die Linien zwischen den sozialen Schichten in Frankreich auch heute noch verlaufen. Vielen Politikern, aber auch Journalisten sieht man ihr völliges Befremden an, wenn sie mit der oder über die Westenbewegung sprechen. Der Gedanke an einen kleinen Aufstand findet in Frankreich meist viele Freunde, aber doch bitte nicht ganz so derb wie dieser hier. Die Warnweste, die zum Symbol dieser inhaltlich kaum fassbaren Gruppe Zorniger geworden ist, stellt dabei das ideale Gegenbild der eleganten Fernseh- und Politikmenschen dar. Das schmutzige Gelb der billigen Westen unterstreicht plakativ das Selbstbild der Bewegung: Wir sind simple Arbeiter.

Der dritte Effekt dieser Westenwochen schliesslich ist beängstigend: Ein Scheitern der Demokratie wird denkbar. Die Verachtung und der Ekel der Mächtigen spiegeln sich in einem grenzenlosen Zorn. Die Westenbewegung lässt kaum Argumente gelten, sie hasst Präsident Emmanuel Macron in einem Masse, das sich mit seinen politischen Entscheidungen nicht rechtfertigen lässt. Ihre Wut auf das System geht so weit, dass sie es nicht mehr verändern, sondern nur brennen sehen wollen. Die Botschaft dieser Woche lautet: Gewalt lohnt sich.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 06.12.2018, 19:45 Uhr

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