Ein Streit, der Familien spaltet und Freunde entzweit

Katalonien wählt am Donnerstag ein neues Regionalparlament – und entscheidet damit über mehr als nur die eigene Zukunft.

Frau aus Machopartei gegen modernen Politpopstar: Marta Rovira von der Republikanischen Linken (links) und die liberale Inés Arrimadas (rechts). Fotomontage: AFP / Javier Soriano Pau Barrena

Frau aus Machopartei gegen modernen Politpopstar: Marta Rovira von der Republikanischen Linken (links) und die liberale Inés Arrimadas (rechts). Fotomontage: AFP / Javier Soriano Pau Barrena

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Die Frau, von der viele glauben, sie könne Katalonien retten, stammt aus Andalusien. Sie ist 36 Jahre alt, besitzt einen scharfen Verstand und eine klare, ausdrucksvolle Stimme. Damit hat sie als Oppositionsführerin im Parlament von Barcelona monatelang einer Regionalregierung Paroli geboten, die sich immer tiefer in die Idee der Unabhängigkeit verrannt hatte. Inés Arrimadas hat sich weder von Faschismusvorwürfen noch von Machokommentaren zu ihrem Alter, ihrem Aussehen, ihrer Herkunft einschüchtern lassen. Jetzt will sie die Regionalwahl am 21. Dezember gewinnen, Regierungschefin werden und die Angst vor dem Separatismus vertreiben, die nicht nur Madrid, sondern halb Europa in Aufregung versetzt hat.

Auf Wahlkampftour macht Inés Arrimadas an diesem kalten Dezembervormittag im Círculo de Economía am Paseig de Gràcia Station, einem Boulevard in Barcelona, der zu den teuersten Adressen gehört. Hier trifft sich der alteingesessene katalanische Unternehmensadel. «In Katalonien wird seit Monaten über nichts anderes geredet als über Unabhängigkeit», sagt Inés Arrimadas, Spitzenkandidatin der Mitte-rechts-Partei Ciudadanos. Es habe aber keinen Sinn, ein «glückliches Arkadien zu versprechen», wenn deshalb Unternehmen abwanderten, die Wirtschaftskraft sinke und Touristen ausblieben. «Das ist eine unhaltbare Situation.»

Video: Arrimadas Auftritt in Barcelona Kämpft gegen den Separatismus: Inés Arrimadas in Barcelona. Video: Youtube/euronews

Allerdings trage auch Madrid Schuld, sagt Arrimadas. Die Regierung sei ihrer Verantwortung nicht gerecht geworden, sie habe Korruption zugelassen und keine Begeisterung für ein gemeinsames Projekt geweckt. Wenn ein Land nicht reformiert werde, «dann haben nationalistische Bewegungen Erfolg.» Die Zuhörer im Saal sind begeistert. Am Ende springt einer der Herren auf: «Es gibt keinen Zweifel», ruft er unter Beifall, «dass Inés Arrimadas recht hat – und dass sie eine echte Katalanin ist.»

Dass man das bei so einer Veranstaltung betonen muss, zeigt, wohin die identitäre Debatte der letzten Monate diese Region getrieben hat, die sich stets über ihre Pluralität definierte, in der 70 Prozent der Menschen aus anderen Landesteilen ­Spaniens oder dem Ausland zugewandert sind, in der viele Familien selbstverständlich mit zwei ­Sprachen leben, Katalanisch und Castellano, also Spanisch. Doch der Streit über die Unabhängigkeit spaltet Familien, entzweit Freunde, trennt Paare.

Rajoys Hoffnung

Es seien die Separatisten, sagt Inés Arrimadas, die dieses soziale Gefüge zerstört hätten, die Katalanen gegen Katalanen aufgehetzt hätten. Früher habe man die Katalanen in ganz Spanien für ihren Fleiss bewundert. Da müsse man wieder hin. Inés Arrimadas weiss, wie man die Katalanen aus der Ferne wahrnimmt. Sie stammt aus Jérez de la Frontera im äussersten Süden Spaniens, einem Landesteil, von dem wohlhabendere Katalanen behaupten, man halte dort zu viel Siesta. Sie kam erst nach dem Studium in Sevilla zum Arbeiten nach Katalonien, ihr Katalanisch ist so klar wie bei einer Person, die eine Sprache sehr gut gelernt hat. Der dezent rauchige Unterton in ihrer Stimme verrät ihre Herkunft. Aber es gibt sehr viele, denen es geht wie Inés Arrimadas, es sind Menschen, die in Katalonien leben und sich zu seiner Kultur bekennen, was nicht heisst, dass sie in einer unabhängigen Republik Katalonien leben wollen. Und viele von denen werden Arrimadas am 21. Dezember wählen.

In Madrid sitzt ein Mann, der kann nur hoffen, dass der jungen Liberalen gelingt, was dem Kandidaten seiner eigenen konservativen Volkspartei im katalanischen Feindesgebiet nie gelingen kann: eine Regierung zu bilden, die den Zustand der letzten Monate beendet, der Spanien an den Rand des Zerfalls gebracht hat. Es ist Mariano Rajoy, Spaniens Ministerpräsident. Ihm verdanken die Katalanen diese Wahl. Er hat die abtrünnige Landesregierung nach ihrer Unabhängigkeitserklärung vom 27. Oktober abgesetzt – woraufhin Regierungschef Carles Puigdemont nach Belgien flüchtete.

Inés Arrimadas war Puigdemonts härteste Gegnerin in diesem langen Herbst des Separatismus. Sie liess sich nicht einschüchtern, weder von Puigdemonts quasireligiöser Gläubigkeit an die Unabhängigkeit noch von feindseligen Kommentaren. Das Programm, das Inés Arrimadas nun vor dem Círculo de Economía ausbreitet, ist rein bürgerlich: Steuern senken, Bürokratie abbauen, Genehmigungen beschleunigen – und sicher keine neuen Grenzen errichten. Der Kandidatin werden eiserner Wille und Durchsetzungskraft bescheinigt. Sie war die Jüngste in einer kinderreichen Familie, als Jugendliche war sie Goalgetterin in einem Fussballteam. Sie kennt den Separatismus, ihr Mann war Abgeordneter einer separatistischen Partei, aber offenbar hat sie sich auch hier durchgesetzt, denn er ist inzwischen ausgetreten und hat sich für ­neutral erklärt.

Bilder: Das Bein des Verräters

Arrimadas ignoriert die, die ihre Auftritte stören wollen, sie hat gute Nerven und ist schlagfertig. Spitzen gegen ihre Lebensweise kontert sie. Im Círculo de Economía schiesst eine ältere Dame versteckte Pfeile ab, indem sie Kinderlosigkeit als Egoismus und als Problem für die Demografie brandmarkt. Inés Arrimadas antwortet kurz und knapp, es gebe verschiedene Gründe, warum man keine Kinder habe. «Aber es müssen den Frauen mehr Möglichkeiten gegeben werden, Kinder und Beruf zu vereinen.»

Inés Arrimadas ist ein moderner Politpopstar, abgeschirmt von einem Tross Mitarbeiter. Der Auftritt beim Círculo hat mit all der zur Schau gestellten Ehrerbietung lateinamerikanische Züge. Ein Händedruck der Kandidatin wird davongetragen wie eine Trophäe. Rundliche Herren drängeln sich darum, ein Selfie Arm in Arm mit Arrimadas zu machen. Die Pressedame sichert erst ein Gespräch zu und raunzt einen im nächsten Moment an: «Und was wollen Sie noch mal?» Währenddessen entführt ein Fotograf Arrimadas auf die Galerie, und fotografiert sie dort so ausgiebig, als wäre die Politikerin ein Model. Sie lässt es geschehen.

«Und was wollen Sie noch mal?»Arrimadas Pressedame

Marta Rovira würde sich nie so in Szene setzen. Die Rivalin ist vier Jahre älter als Arrimadas, sie wirkt weniger jugendlich. Sie tritt zurückhaltend und allürenfrei auf, wie eine Frau, die mit beiden Beinen auf der Erde steht, und zwar auf katalanischer. Marta Rovira ist Generalsekretärin der Partei ERC, der Republikanischen Linken, die trotz ihres Namens eher eine ländliche Bauernpartei ist, traditionell ein ziemlicher Machoverein. Dass Rovira den ERC-Wahlkampf anführt, liegt auch daran, dass der Parteipatriarch Oriol Junqueras als Aufrührer im Gefängnis sitzt. Marta Rovira sagt oft, dass er der eigentliche Spitzenkandidat sei.

Video: Strassenblockaden

Das Bild der Normalität stören: Proteststreiks in Katalonien sorgen für Verkehrschaos. Video: Reuters

Trotzdem gilt es als sicher, dass Marta Rovira ihrer Partei zusätzliche Stimmen bringen wird. Sie führt einen umtriebigen, aber unaufdringlichen Wahlkampf, an diesem Vormittag ist sie bei dem kata­lanischen Technologieunternehmen Leitat zu Gast. Sie lässt sich die 3-D-Drucker erklären, die Prothesen formen; als technologiefeindlich will hier keiner gelten, in einer Zeit, in der den Katalanen vorgehalten wird, ihr Tanz in die Unabhängigkeit reisse sie wirtschaftlich in den Abgrund. Sie war früher Anwältin, und sie ist jetzt eine zähe Parteisoldatin mit Drang nach oben, grundsolide – und radikal separatistisch.

Wenn ihr ein Mikrofon vorgehalten wird, erinnert sie daran, «dass uns diese Wahlen von Madrid aufgezwungen wurden». Was man von ihr als Ministerpräsidentin zu erwarten hätte, ist klar: «Wir werden fortfahren, die Republik zu implementieren.» Sie wiederholt es für die Sender aus Madrid auf Spanisch. Ihr Spanisch ist deutlich holpriger als ihr Katalanisch, auch da ist sie das genaue Gegenstück zu Inés Arrimadas.

«Wir werden fortfahren, die Republik zu implementieren.»Marta Rovira

Und Marta Rovira hat noch eine andere, verborgene Seite, eine durch keine Fakten zu erschütternde Gefühligkeit der Independentisten. Wenn man der Zeitung «El País» glaubt, dem Organ der Madrider Zentralisten, dann trägt Marta Rovira eine Hauptschuld daran, dass Katalonien überhaupt in diese Lage geraten ist. Mit ihren trotzigen Tränen habe sie Carles Puigdemont an jenem 27. Oktober erpresst. Der Regierungschef wollte eigentlich selbst Neuwahlen ausrufen, um damit sich und die katalanische Autonomie vor dem ­Zugriff aus Madrid zu retten. Rovira, behauptet «El País», habe ihn durch ihre emotionale Reaktion aber davon abgebracht.

Nun treten sie gegeneinander an, die früheren Verbündeten Rovira und Puigdemont. Der hatte von Brüssel aus versucht, das alte Wahlbündnis zwischen seiner Partei PDeCat und der ERC neu aufzulegen, doch er scheiterte. Die ERC wittert die Chance, stärkste Partei zu werden und den Traum wahrzumachen, den schon ihr Vorvater Lluís ­Companys träumte, der 1934 die Unabhängigkeit ausrief, die nur Stunden dauerte. Später liess der Diktator Franco den katalanischen Ministerpräsidenten erschiessen, von diesem Märtyrermythos lebt die Partei heute noch.

Nach der Wahl werden sich die separatistischen Kräfte wohl dann wieder zusammentun. Wenn sie gewinnen, was ziemlich wahrscheinlich ist, werden sie weitermachen wie zuvor. Bislang liegen sie in den Umfragen knapp vorn, wobei sich das täglich verschiebt, was mit dem ungeheuer verwirrenden Parteienspektrum zu tun hat: Es gibt die independentistischen Parteien der Katalanen. Und es gibt Parteien, die auch im Rest Spaniens existieren, man nennt sie Konstitutionalisten, weil sie auf die Einhaltung der spanischen Verfassung pochen. Auf jeder Seite ist das ganze ideologische Spektrum vertreten: Es gibt linke und rechte Independentisten und linke und rechte Konstitutionalisten.

Faktenstarker Kompromisskandidat

Bleibt als Kompromisskandidat der Sozialist Miquel Iceta, der auf diese Weise katalanischer Regierungschef werden könnte, auch wenn er von den Wählern wohl weniger Stimmen erhalten wird als Arrimadas. Er ist im Prinzip für alle akzeptabel, ein Mann der Mitte, der für beide Seiten Verständnis aufbringt. Der Politiker mit den Brillenbügeln in ­roter Parteifarbe ist zwar gegen die Sezession Kataloniens, er wirft Rajoy aber vor, mit seinem harten Kurs alles schlimmer zu machen. Zuletzt hat Miquel Iceta die Begnadigung der inhaftierten Mitglieder der alten Regionalregierung gefordert und die ­Konservativen in Madrid damit sehr verärgert.

Iceta wurde vor knapp zwei Jahrzehnten in ganz Spanien bekannt, weil er der erste Abgeordnete war, der sich zu seiner Homosexualität bekannte. Er ist witzig, jovial, die konservativen Machos aber meinen, ihm fehle es an Härte. Er kann irgendwie mit allen, wirkt aber manchmal genau deshalb zu nett. Dafür ist Iceta etwas, was man von den Kandidatinnen Arrimadas und Rovira nicht immer ­behaupten kann: faktenstark. Bei einer Fernseh­diskussion war keine der beiden in der Lage, nach dem üblichen Disput über die Unabhängigkeit auch noch korrekt auf die Frage zu antworten, wie viele Arbeitslose Katalonien hat und wie viele Flüchtlinge in der Region leben.

Inés Arrimadas konnte sich mit dieser Wissenslücke sogar bestätigt fühlen: Das Monothema ­Unabhängigkeit deckt in diesem winterlichen Katalonien wirklich alles zu – wie harter, kalter Schnee von gestern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.12.2017, 15:00 Uhr

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